97.
Als beide Kämpfer nun erschienen auf dem Plan,
Da kamen ihres Kampfs Zuschauer auch heran;
Die Heermacht Irans hier, gewaffnet und geschmückt,
Vom Feldherrn Tus gefürt, vom Lager ausgerückt;
Die Heermacht Turans dort, den Berg herabgedehnt,
Von Barman aufgestellt, und an die Burg gelehnt.
Vor diesen Zeugen ritt zu seinem Gegner hin
Suhrab, und mit dem Mund anlächelnd grüßt' er ihn:
Wie hast du in der Nacht geruht, und bist erwacht
Am Morgen? Früh, o Greis, hast du dich aufgemacht.
Das Aug und jeden Sinn erlabend ist der Morgen;
Doch welchen Abend er uns bringt, das ist verborgen.
Der Berge Häupter sind vom Stral der Frühe golden,
Mit Morgenwein gefüllt sind alle Blumendolden.
Die Morgenlüfte gehn, die Schläfer einzuladen,
Schnell aufzustehn, und sich im Maienthau zu baden.
Die Vögel singen laut, die klaren Bäche fließen,
Die Anger sonnen sich, und alle Blumen sprießen;
Das ist durchaus kein Tag zu Mord und Blutvergießen,
Ein Tag, das kurze Glück des Lebens zu genießen.
Komm, lieber Alter, steig herab von deinem Drachen
Ins grüne Gras, und laß uns Waffenstillstand machen!
Im Angesichte des und jenes Heeres laß,
Daß froh sie staunen, uns ablegen Groll und Haß!
Des Krieges Schauplatz sei in eine Friedensbühne
Verwandelt, und ein Fest erblüh uns auf dem Grüne.
Ich wink, und Saitenspiel und Wein kommt zum Gelag;
Ich feir im Rosenhag mit dir den Frülingstag.
Vom Haupte legest du des schweren Helmes Glanz,
Und um dein Haar leg ich von Rosen einen Kranz.
Dann sitzen wir beim Wein, und plaudern vom Gefecht;
Und alles, was ich weiß von mir, sag ich dir recht:
Du selber sagest auch mir Stammbaum und Geschlecht.
Nach deinem Namen hab ich ohne Rast und Ruh
Gefragt, und Niemand sagt ihn mir, o sag ihn du!
Nicht ziemt es zwischen uns, so Herz und Mund verschloßen
Zu halten, denn wir sind von gestern Kampfgenoßen.
98.
So sprach das Kind; ihm hatt aus Waßer, Luft und Flur
Gesprochen sanft ans Herz die Sprache der Natur.
Wie eine Knospe war das Herz ihm aufgegangen,
Und das Verlangen blüht' auf seinen Rosenwangen.
Doch wie die Knosp am Strauch, vom Frülingsstral geweckt,
Zurück vom kalten Hauch des Nordwinds wird geschreckt;
Und wie die Blume, die den Kelch geöffnet hält
Dem Früthau, wenn auf sie der giftge Melthau fällt:
So schrumpfte Suhrabs Herz zusammen, und es brach
Der Hoffnung grüner Stiel ihm ab, als Rostem sprach:
Nicht also haben wir, o liebes Kind, gewettet,
Zu ruhn in Friedensruh auf Frülingsgrün gebettet.
Wir haben uns bestellt, im Ringkampf uns zu tummeln,
Nicht stachellos umher zu schwärmen wie die Hummeln.
Wenn du ein Jüngling bist, so bin ich doch kein Knabe;
Du siehst, daß ich den Gurt geschnallt zum Ringen habe.
Du hast mich lang genug aufs Tagwerk laßen warten,
Rosen zu brechen, wie sie blühn in unserm Garten.
Der Hauch des Morgens ist belobt zu jedem Werke,
Und mir erneuet er der alten Glieder Stärke.
Drum, eh des Mittags Glut der Sehnen Kraft abspannt,
Zeig, ob du bist ein Mann, wann ich dich übermannt!
Ich habe nicht gehört, daß auf dem Kampfplatz plaudern
Kampflustige, wenn froh die Hengst im Frühwind schaudern.
Ich habe mich versucht mit Männern hier und dort;
Ich bin ein Mann der Tat, kein Mann von vielem Wort.
Drum meinen Namen nenn ich ehr nicht, sei verbürgt!
Als bis du liegst; dann sollst du wißen, wer dich würgt!
99.
Da rief Suhrab erzürnt: Wolan denn, alter Mann,
Wenn dich mein gutgemeinter Rat nicht beugen kann!
Mein Wunsch war, daß du einst auf einem sanften Pfühl
Den Geist aushauchtest, nicht im heißen Kampfgewühl,
Wer nach dir blieb, die Gruft dir ehrenvoll bedächte,
In Türkisschrein den Leib Sohn oder Enkel brächte.
Doch nun, mit Gott! wenn ist in meiner Hand dein Hauch,
Mit meiner Hand hier will ich ihn entbinden auch!
So rief er, und vom Ross sprang er gewaffnet nieder;
Der Helm klang auf dem Haupt, der Panzer um die Glieder.
Und ihm genüber schwang sich Rostem ab, ihm klang
Laut an der Hüft ein Schwert, das halb der Scheid entsprang.
Mit Schweigen giengen beid und füreten mit Schweigen
Die Ross' an ihrer Hand zum Bach hin unter Zweigen;
Wo an des Baches Rand ein einzler Felsen stand,
Der tauglich schien, ein Ross zu halten fest am Band:
Um den schlang Rostems Hand den Zaum des Rachs im Nu,
Und Suhrab eilig band sein Ross dort an dazu.
So standen dort in Ruh, das eine bei dem andern,
Die Rosse, da zum Kampf die Männer mußten wandern.
Friedfertig schnaubten sie sich an, und legten, als
Umarmeten sie sich, vertraulich Hals an Hals.
Sie unterredeten sich schweigend: ach, sie brächen
Ihr Schweigen gern auch, daß sie ihren Herrn zusprächen!
Doch diese ließen stehn mit seinem Sohn den Rachs,
Und schritten auf den Plan zum Faust- und Ringkampf stracks.