100.
Sie gürteten sich fest die Mitte, stülpten dicht
Die Aermel um den Arm, und furchten das Gesicht.
Zwei Löwen gleich an Wut, herschoßen sie zumal;
Vom Leibe Schweiß und Blut vergoßen sie zumal.
Zwei Leiber wurden da Ein Leib, indem sie rangen,
Um den vier Arm' im Knäul wie Schlangen sich verschlangen.
Wie eine Goldspang eng den Frauenarm umschmiegt,
Und wie fest an dem Leib ein naßes Kleid anliegt:
So mit den Armen eng umschmiegten sich die beiden;
Anstrengten hin und her und wiegten sich die beiden:
An Kraft nicht, noch an Kunst besiegten sich die beiden.
Sie hätten Stein und Erz zerdrückt in ihren Armen;
Sie drückten sich umsonst, und drückten ohn Erbarmen.
Angst fühlte Brust an Brust, und Glied um Glieder Schmerz,
Als Vater dort und Sohn sich drückten so ans Herz.
Indessen oben sie sich mit den Armen klemmten,
Den Odem in der Brust, das Blut im Herzen hemmten;
Indessen hielten sie am Boden die gestemmten
Füß' eingewurzelt. So rang Suhrab mit Tehemten
Mit mächtigem Umfahn, gewaltigem Umschlingen,
Vermochten sie sich doch zu Boden nicht zu ringen,
Vermochten sie sich nicht vom Grund empor zu bringen,
Vermochten sie sich auch vom Platz nicht wegzudringen.
Umsonst umschlangen sie, umsonst umflochten sie;
Vergebens rangen sie, vergebens fochten sie.
Voll Wut andrangen sie, voll Wut aufkochten sie;
Sich nicht bezwangen sie, noch übermochten sie.
Nun wollten sies, anstatt mit Ringen und mit Dringen,
Mit Schwingen in die Luft vollbringen und erzwingen.
Los ließen Vater sich und Sohn, und seine Hand
Ausstreckte jeder nach des andern Gürtelband.
Und Rostem schwang den Sohn empor mit einem Schwunge
Am Gürtel: fast erlag dem Alten da der Junge.
Doch dieser fiel, vom Glück geschleudert, auf die Brust
Des Gegners schwer, und warf ihn nieder in den Dust.
Da kniet' er auf der Brust des Vaters, und besann
Sich selber nicht, wie er die Oberhand gewann.
Da zuckt' er rasch den Dolch, und, ohne dran zu denken,
Wollt er den kalten Stahl ins Herz des Vaters senken.
101.
Rostem, aufblickend, sah das nahe Ungemach
Schweben ob seinem Haupt, und rief: Gemach, gemach!
Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen,
So schände deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen!
Du kommest her und stammst aus wilder Türken Mitte:
Nach Iran kommst du, kämpfst, und kennst nicht Irans Sitte.
Die Sitt ist hier zu Land, daß, wer den Kampf mit Ringen
Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen;
Das erstemal, da er ihn an den Boden legt,
Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt.
Ihn schelten würde man und seinem Namen fluchen!
Mit einem zweiten Gang läßt ers den Feind versuchen.
Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen;
Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen.
So sprach er, ob villeicht er sei durch List errettet
Vom Gegner, unter dem er unsanft lag gebettet.
Suhrab hielt zweifelnd inn, und sprach: Ich habe nicht
Von dieser Sitt im Land vernommen den Bericht.
Sag an, ob wirklich so es alle Helden halten,
Obs so gehalten wird von Rostem auch, dem alten?
Doch Rostem sprach: Was geht dichs an, wies Rostem macht?
Nun ja doch! diesen Brauch hat Rostem aufgebracht. –
Wie Rostems Sohn aus Rostems Mund dieß Wort gehört,
Das Schwert zog er zurück, und ließ ihn los, betört:
Einmal, von Selbstvertraun, sodann von Schicksalsfug,
Am meisten aber, weil sein Herz von Großmut schlug;
Sonst hätt ihn nicht allein betört des Vaters Trug.
Rostem sah froh erstaunt sich los vom Feind gekettet,
Doch war er unmutsvoll, daß ihn nur List gerettet.
Vom Boden sprang er auf, und schüttelte die Glieder
Vom Staub, und ein die ausgerenkten renkt' er wieder.
Doch Suhrab wendete von ihm sich ins Gefild,
Und jagte vor sich her ein aufgesprungnes Wild.
Auf dieses macht' er Jagd zur Kurzweil, und vergaß
Des Mannes ganz, mit dem er erst im Kampf sich maß.
102.
Doch Rostem, als er war entbunden seiner Qual,
Gieng an den Bach hinauf, dort in ein Felsental,
Wo er vor langer Zeit einmal mit einem Geiste
Zusammentraf, als er des Wegs aus Turan reiste,
Als er dort aus dem Krieg mit Beute schwer beladen
Zurückkam, mühsam gieng er da auf seinen Pfaden.
Dem Rostem damals war solch eine Kraft verliehn,
Die nicht nur seinen Feind, die drückte selber ihn.
Denn wo er auf dem Grund mit seines Leibs Gewicht
Auftrat, gab nach der Grund, und widerstand ihm nicht.
Den Fußtritt drückt' er tief auch härterem Gestein,
Nicht lockerm Sande nur und weichem Boden ein:
So wehrlos schon, vielmehr wann er die Waffen trug,
Und nun trug er dazu noch schweren Raubs genug.
Im Melme sank ihm ein der Fuß bis an den Knöchel;
Da lachte neben ihm der Berggeist mit Geröchel.
Wer, fragte Rostem, lacht? Dumpf sprach der Berggeist: Ich!
Worüber? Weil ich seh im Grund einsinken dich.
Die dir die Mutter gab, die Kraft ist lästig dir,
Du bist zu schwach für sie, gib sie zu tragen mir!
Und brauchst du sie einmal, wann matt sind deine Glieder,
So komm und ruf! so geb ich deine Kraft dir wieder.
Da gab der Pehlewan dem Berggeist in Verwar
Den Ueberschuß der Kraft, die ihm beschwerlich war.
Jetzt aber kam er her, um, ehr im Berge modern
Er ließe seine Kraft, sie nun zurück zu fodern.
Denn gegen Suhrab war der Sieg ihm zweifelhaft,
Wenn er nicht näme ganz zusammen seine Kraft.