103.

Zu Suhrab aber, der froh seiner Jagd nachgieng,
Kam Barman, als der Tag sich an zu neigen fieng.
Er kam, von bangem Mut und Ungeduld getrieben,
Was in den Sternen nun ob Suhrab sei geschrieben,
Und welchen Wunsch erfüllt sehn sollt Afrasiab,
Von beiden wen im Grab, ob Rostem ob Suhrab?
Er wußte nicht, warum sie ihren Kampf geschieden,
Und fürchtete, daß Sohn und Vater machten Frieden.
Doch als er wolgemut herwandeln jenen sah,
Rief er ihn an, indem er trat mit Staunen nah:
Was ist es? was geschah? wo ist dir hingekommen
Der Gegner, den du dir zu würgen vorgenommen?
Doch Suhrab lächelnd sprach: Er ist mir nicht entwischt;
Auf einen neuen Gang hab ich mich angefrischt.
Ihn fragte Baruman: Warum ward aufgehoben
Der Kampf? Doch Suhrab sprach: Er ward nur aufgeschoben.
Im Ringen hatt ich ihn geworfen auf den Plan,
Schon zuckt ich meinen Dolch, da wars um ihn getan;
Doch er mit lautem Ruf rief mich um Schonung an:
Gemach! was willst du tun? Bist du aus Heldensamen,
So schände deinen Ruhm nicht jetzt und deinen Namen!
Die Sitt ist hier zu Land, daß, wer den Kampf mit Ringen
Beginnen mag, und in den Staub den Gegner bringen;
Das erstemal, da er ihn an den Boden legt,
Umbringet er ihn nicht, wie sehr ihn Zorn bewegt.
Ihn schelten würde man und seinem Namen fluchen!
Mit einem zweiten Gang läßt ers den Feind versuchen.
Vermag er dann zu Fall ihn wiederum zu bringen;
Dann ists erlaubt, ist Sitt und Recht, ihn umzubringen.
So sprach er, und ich gab auf dieses Wort ihn frei,
Daß er mir erst erlegt im zweiten Gange sei!
So sprach Suhrab vergnügt; doch Barman sah das Walten
Des Himmels, daß Rostem für Iran sei behalten.
Zu Suhrab sprach er: Weh! du bist des Lebens satt:
Ein Glück begegnet nie zweimal an Einer Statt.
Den Pardel ließest du entspringen aus den Schlingen,
Darein ihn Gott dir gab: nun wird er dich verschlingen!
So sprach er misvergnügt, und wendete sich ab
Vom Knaben rasch, den er nunmehr verloren gab.
Er gieng hinweg, und sprach: Das Schicksal mag es lenken
Mit ihm, wies ihm gefällt! ich will das Heer bedenken.


104.

Auf einem Felsenthron saß dort der Geist und sah,
Das Tal herauf ein Mann kam seinem Sitze nah.
Voll Muts und unmutsvoll umschauend kam er bei;
Da merkte wol der Geist, daß er gesuchet sei.
Ein Abendnebel lag als Helm auf seinem Haubte;
Den hob er weg, indem er mit dem Atem schnaubte.
Auf seinem Throne saß der Geist nun unverhüllt,
Doch finster, von des Bergs verborgner Kraft erfüllt.
Den Rostem rief er an: Wen und was suchst du? sprich!
Darauf sprach Rostem: Dich und meine Kraft such ich.
Ich seh und kenne dich, wie ich dich schon geschaut;
Du bist nicht seit der Zeit gealtert noch ergraut;
Doch kennst du mich? und weißt, was ich dir anvertraut?
Mit düsterm Lächeln gab zur Antwort ihm der Geist:
Ich kenne dich nicht mehr, Rostem! du bist ergreist.
Doch was bemühest du die alten Heldenglieder
Zu mir? Tehemten sprach: Gib meine Kraft mir wieder!
Bis heute kam ich aus mit dem, was ich gespart;
Das Ganze brauch ich heut; gib her, was du bewart!
Da sprach der Geist: Die Kraft des Menschenkinds, wann sie
Von ihm gewichen ist, kehrt ihm zurücke nie.
Denn keinem kann er sie zur Wiedergabe geben;
Du aber gabest mir die deine aufzuheben.
Wol aufgehoben hier ist sie und aufbehalten;
Viel beßer als bei dir ruht sie in Bergesspalten.
Warum willst du mit ihr dein alterndes Genick
Beladen? Held, du nimmst auf dich ein Misgeschick.
Doch weigern werd ich sie dir keinen Augenblick,
Wenn du sie ernstlich willst, und dreimal sie verlangest;
Allein bedenk es recht, wozu du sie empfangest!
Ich gebe, Stück für Stück, dir deine Kraft zurück,
Ich gebe sie dir, doch zum Unglück, nicht zum Glück.
Laß deine Kraft hier ruhn! du hast der Taten nun
Genug getan: zum Leid wirst du dir eine tun!
Tehemten, ja, ein Leid, ich fürchte, wirst du finden
Durch deine Kraft, davon dir selbst die Kraft wird schwinden.


105.

So unterhandelten sie dort um Rostems Kraft;
Doch Rostems Sohn sah sich im Feld um zweifelhaft,
Und wußte nicht, was er vom Gegner denken sollte,
Der nicht erschien; und ob er heimwerts lenken sollte,
Ob warten noch, bis doch villeicht er wiederkäme,
Damit er heute noch das Leben hier ihm näme!
Am Ende dünkt' es doch das Beste seiner Meinung,
Im Feld zu warten noch auf seines Feinds Erscheinung.
Denn, sprach er, heute früh hat er auf mich gewartet,
Nun wart ich spät auf ihn, so ist es wolgeartet.
Der Abend ist so schön nicht, als es uns versprach
Der Morgen; in der Welt kommt Herbes Frohem nach.
Die Sonne sinkt, und läßt ein blutges Abendrot
Zurück als Abschiedsgruß, den sie dem Leben bot.
Wo aber bleibt der Mann, den ich nicht missen kann?
Ich töt ihn in der Nacht, weil er am Tag entrann!
So sprechend, blickt' er auf, und sah den Rostem kommen,
Alswie ein Meteor trübrötlich angeglommen.
Dem Suhrab schien er ganz verwandelt zauberhaft,
Von wunderbarem Glanz, in voller Jugendkraft.
Mit Staunen grüßt' er ihn, mit Zittern und Verzagen;
Wo er gewesen sei, hatt er nicht Mut zu fragen.
Er fragt': Und ringen wir noch heute vor der Nacht?
Und Rostem sprach: Ei ja! es ist geschwind vollbracht.
Da traten an zum Kampf der Vater und der Sohn;
Der angetan mit Kraft, die diesem war entflohn.
Wie, wann die Sonne sinkt, die Nacht siegjauchzen mag,
Und wann die Nacht erliegt, so triumfirt der Tag:
So mochte Rostem leicht ob Suhrab triumfiren,
Der nicht gewinnen konnt, und jener nicht verlieren.
Da zog die Dämmerung aus Abendwolkenflor
Dem Schauplatz dieses Wehs den dichten Vorhang vor;
Daß von dem Doppelheer, das als Zuschauer nah
Dem Schauspiel war, was da geschah, kein Auge sah.
Da griffen an die zwei, da war es schon getan;
Vom Vater war es ab-, und um den Sohn getan.
Rostem tat einen Ruck, und Suhrab lag im Dust;
Rostem tat einen Zuck, sein Dolch traf Suhrabs Brust.


106.