Suhrab sprach todeswund: O ungetreuer Mann!
Das ist der Schonung Lohn, den ich von dir gewann.
Von Rostem hast du mir ein Märchen vorgelogen,
In Rostems Namen um mein Leben mich betrogen.
Doch sei ein Fisch im Meer, ein Vogel in der Luft,
Die Rach ereilet dich, wo ich lieg in der Gruft.
Wenn Rostem das erfärt, und er wird es erfaren;
Nicht wird ihm das Gerücht die Trauerkund ersparen –
Wenn Rostem es erfärt, so gibt er dir den Lohn
Dafür, daß du erschlugst sein und Tehminas Sohn.
Er sprachs und von dem Wort getroffen, Rostem schrak
Zusammen, alsob ihm der Dolch im Busen stak.
Er rief: O Unglückskind, was sagst du? sags geschwind,
Sags recht, wer deine unglückseligen Eltern sind!
Doch Suhrab sprach mit Stolz und Trauer in der Miene:
Ich bin Suhrab, der Sohn von Rostem und Tehmine;
Er Irans Hort, und sie Semengans Frauenzier.
Die Mutter hat mich hergesandt, den Vater hier
Zu suchen, weil er dort solang nicht kam zu ihr.
Die Spange gab sie mir mit als Erkennungszeichen;
Die Spange, die er ihr einst gab, sollt ich ihm reichen.
Die Spange trug ich nicht am Arme; vor Verlust
Sie zu bewaren, trag ich hier sie auf der Brust.
Reiß das Gewand hier auf am Busen, das mich drückt,
Und sieh das Zeichen, das den Sohn von Rostem schmückt!
So sprach er, und vor Weh dem Vater wollt entweichen
Die Seel, und harrte nur noch aufs Erkennungszeichen.
Wegriß er das Gewand, und sah, wie einen Molch
In Rosen, in der Brust dort sitzen seinen Dolch;
Der stak noch in der Wund, als Scheide, die er schloß;
Nun zog ihn Rostem aus, und Suhrabs Leben floß.
In Purpurwellen floß das Leben hin, und tränkte
Das Gold der Spange, die Tehminen Rostem schenkte.
Er zog der Spange Gold, besetzt mit den Rubinen
Vom Blut des Sohns, hervor, selbst mit blutlosen Mienen,
Und rief: Suhrab, mein Sohn! Weh Rostem und Tehminen!
107.
Dumpf einen Augenblick in seines Jammers Füllen
Hinstarrte Rostem noch, dann hub er an zu brüllen.
Alswie ein Tiger brüllt, wann er, im Busch verhüllt,
Gelaurt auf einen Raub, von heißer Gier erfüllt:
Er lauert auf ein Rind, das von der Rinderherde
Dem grünen Busche nahn, und ihm verfallen werde.
Inzwischen geht einher des Tigers einzges Junges,
Das er im Neste glaubt, untüchtig noch des Sprunges.
Das kommt dem Busche nah, worin sein Vater lauert;
Der hört den Tritt im Gras, und ist von Lust durchschauert.
Er denkt: Da ist das Rind! und stürzt, vor Gierde blind,
So denkt er, auf das Rind, und stürzt aufs eigne Kind.
Dann siehet er, was ihm die blutgen Branken füllet;
Da bricht sein Tigerherz; und wie er nie gebrüllet,
So brüllt er: wie er nie gebrüllt in Wut um Blut,
Brüllt er nun um des Sohns vergoßnes Blut in Wut.
So brüllte Rostem jetzt, bis, sein nicht mehr bewußt,
Er hinsank atemlos an seines Sohnes Brust.
Ohnmächtig sank er hin, in Ohnmacht lag er da;
Das erstemal, daß dieß im Leben ihm geschah!
Erschöpft war seine Macht, und seine Kraft gebrochen,
Die Kraft, die er solang im Mark der alten Knochen
Getragen, samt der Kraft, die ihm aufs neu geworden
Recht eigentlich dazu, den eignen Sohn zu morden.
So lag er bei dem Sohn, selbst einem Toten gleich,
Und bei ihm lag der Sohn, im Antlitz todesbleich,
Im Antlitz todesbleich, am Herzen todeswund,
Mit Rosen seines Bluts blümend den grünen Grund.
Noch floß das Blut, noch stand der Odem nicht, noch sah
Und fühlt' er, sterbend freut' er sich dem Vater nah.
Den Vater, ob ihm schon von ihm dieß Leid geschah,
Den er allein gesucht, den hatt er doch gefunden,
Und lag, wie er geträumt, von seinem Arm umwunden.
108.
Dort das Zuschauerheer, nichts schauend in der Hülle
Der Nacht, nachdem es erst vernommen ein Gebrülle
Vom Kampfplatz, nam es war jetzt eine Totenstille.
Sie ahneten, daß dort ein Unglück sei geschehn,
Und hatten nicht den Mut, mit Augen es zu sehn.
Da machten aus dem Heer von Iran einige Kühnen
Sich auf, und naheten zuletzt des Todes Bühnen.
Am Bache fanden sie, am Felsen, unter schaurig
Gesenkten Zweigen stehn die beiden Rosse traurig.
Wie sie da sahn den Rachs, den Thron des Rostem, leer
Von Rostem, eilten sie mit Klaggeschrei zum Heer,
Mit lautem Klaggeschrei: Tehemten ist nicht mehr!
Dahin ist Irans Hort! Rachs ist von Rostem leer!
Da kam ein Schreck aufs Heer, und wie ein Sturm das Meer
Bewegt, bewegte sie die Botschaft, dumpf und schwer.
In Aufruhr kam das Heer, und Alles trat in Wehr.
Die Pauke ward gerürt, und die Trommete klang;
Wie Wogen setzte sich das ganze Heer in Gang.
Vor ihrem Nahen drang den Kommenden voraus
Zur stillen Walstatt dort das wachsende Gebraus.
Rostem bei seinem Sohn aus seinem Todesschlummer
Erwachend, neu empfand er seinen Todeskummer.
In neuen Jammerton ausbrechen wollte schon
Sein Schmerz, da sänftigt' ihn mit sanftem Wort der Sohn,
Der seinen letzten Geist und letzten Hauch gewann,
Und sammelt' ihn, womit hinsterbend er begann
Die Rede, die ihm leis', alswie sein Blut, hinrann:
109.
O Vater! eh mir fort das Leben rinnt, und dort
Die Fremden nahn, vernim des Sohnes letztes Wort!
Sein erstes, welches dich nicht zweifelnd Vater grüßt!
Von diesem Gruß ist mir der bittre Tod versüßt.
Ich habe nicht zu teur des Herzens Stolz gebüßt,
Tehemtens Sohn zu sein! mit dem vereint ich wollte
Die Welt bezwingen, die mich so bezwingen sollte!
Was klagest du und weinst? nicht du hast mich erschlagen;
Dazu bestimmt hat mich der Mutter Leib getragen.
Darum hat sie umsonst dem Sohne nachgesandt
Den Vetter, dem allein der Vater war bekant.
Erschlagen hast du ihn, Nachts auf die Burg gerant,
Damit von Niemand mir der Vater sei genant!
Wenn es die Mutter nun erfärt, was wird sie sagen?
Beklagen soll sie mich, und Rostem nicht verklagen.
Schick heim zu ihr von hier all meine Waffenzier,
Und auch die Spange, die von ihr ich brachte dir!
Laß auch den Baruman mit seinen Türken gehn
Unangefochten, die durch mich in Waffen stehn!
Nicht fechten werden sie, weil sie mich liegen sehn;
Denn dieser Aufbruch ist allein durch mich geschehn.
Auch den Hedschir, den ich im Schloß gefangen habe,
Mit Bitt und Drohungen ihn angegangen habe,
Dich mir zu zeigen, was hartnäckig er verschwieg,
Bis ich mein Ross, dich aufzusuchen, selbst bestieg;
Bestraf ihn nicht darum, daß er mir nicht gesagt
Den Namen! hab ich doch dich selbst umsonst gefragt!
Daß Guders nicht durch mich um einen ärmer werde
Der achtzig Söhne, weil durch ihn an kalter Erde
Tehemtens einer liegt! Weils ihm das Glück beschied,
Laß ich ihm gern das Schloß, und selber Gurdafrid.
Gurdaferid, so ist ein schönes Weib genant,
Die hat unlängst mich hier mit Waffen angerant,
Und mir verheißen, daß um mich sie wollte weinen,
Wann Rostem mich erlegt; das mag sie nun bescheinen!
O daß nicht bitterer die Mutter weinen müßte,
Wenn sie nun statt des Sohns die goldne Spange küsste!
Die Spange send ihr nur, mein Ross und meine Waffen;
Doch meinen Leib sollst du von hier nach Sabul schaffen
In deine Fürstengruft! und hier dein grünes Zelt
Spann über mir! so nem ich Abschied von der Welt.
Ich kam alswie ein Blitz, und gieng alswie ein Wind;
Nun, Rostem, sieh mit einem Blick noch an dein Kind!
Und mit gelindem Ton, eh mir die Kraft entflohn
Zu hören, nenne mich Suhrab, Tehemtens Sohn!