110.
Er sprachs, und Rostem schwieg; er öffnete den Mund
Zu reden, aber zugeschnürt war ihm der Schlund.
Hinstarrt' er schweigend auf des jungen Dochts Verglühn.
So sieht ein Wanderer das Abendrot verblühn,
Das seinem Wege noch als letzte Fackel lacht;
Die Fackel lischt, und um ihn her ist finstre Nacht:
So war für Rostem bald nun ganz hinweggenommen
Des Lebens Lust, sobald das Leben dort verglommen.
Doch näher kam der Klang und Waffengang der Schar,
Und Rostem sprang empor, zerrüttet wie er war.
Von seinem Sohn hinweg entgegen trat er ihnen,
Mit Staub auf seinem Haupt, und Jammer in den Mienen;
Nie den Iraniern war Rostem so erschienen.
Allein sie sahen, daß am Leben Rostem sei,
Und übers ganze Heer erscholl ein Freudenschrei.
Wie eine Reiterschaar, die über ihrem Haubte
Die Fahne wieder sieht, die sie verloren glaubte,
Jauchzt, daß gerettet ist die Fahn, obgleich zerfetzt;
So jauchzten sie dem tiefgebeugten Helden jetzt.
Doch als er näher kam, sprach er, von Grimm und Gram
Zugleich bewegt, zugleich erregt von Stolz und Scham:
Ihr Fürsten Irans all und Edlen, kommt heran,
Und seht, was Rostem hier für Irans Ruhm getan!
Den Helden Turans, der sein Haupt im Himmel trug,
Den Schrecken Irans schlug Tehemten schwer genug.
Ich hab in Tag und Nacht geschlagen manche Schlacht,
Doch meinem Ruhm nie solch ein Opfer dargebracht.
Iranier, für euch hat Rostem hier geschlachtet
Den Suhrab, seinen Sohn, damit ihr ihn betrachtet!
Er sprachs, da war verstummt ihr Jauchzen in Entsetzen;
Er sprachs, ohn eine Wang, ein Auge nur zu netzen.
Sie sahn in seinem Blut den jungen Helden liegen,
Den Adler, dessen Mut zur Sonne war gestiegen;
So schön, so groß, so frei, so edel, kühn und stark,
Ob schwach auch, todesmatt, der Kern von Rostems Mark.
Sie riefen: Weh, daß solch ein Schmuck der Welt verdorben!
Er sah ihn an und sprach: Er ist noch nicht gestorben,
Und soll nicht sterben! Geh, Guders, zu Keikawus,
Und bring dem Könige von Rostem Bitt und Gruß.
Den Lebensbalsam, der des Todes Wunden stillt,
Der tropfenweis der Höl im Kaukasus entquillt,
Hat er in seinem Schatz; davon soll er mir geben
Drei Tropfen, daß Suhrab, mein Sohn, mir bleib am Leben!
[Zwölftes Buch.]
111.
Hilfeile flügelte des greisen Boten Fuß,
Schnell bracht er an Kawus von Rostem Bitt und Gruß:
Von Rostem ist Suhrab, der Sohn Rostems, erschlagen;
Der Sieg am Feinde hat dem Vater Weh getragen;
Er wehklagt laut, und alle, die ihn sehn, wehklagen.
Er bittet dich durch mich, und all wir andern bitten:
Wenn Rostem je für dich gekämpft hat und gestritten,
Komm ihm zu Hilfe jetzt im Weh, das er erlitten!
Vom Lebensbalsam, der dem Kaukasus entquillt,
Den du im Schatze hast, der Todeswunden stillt,
Gib ihm drei Tropfen schnell, so du ihn retten willt!
Doch langsam sprach der Schah: Gottlob, der Sorg entkettet
Bin ich und aller Furcht, da Rostem ist gerettet;
Im Staube liegt sein Feind, da ist ihm wol gebettet.
All meinen Balsam gäb ich ja für Rostems Leben;
Doch keinen Tropfen werd ich einem Türken geben.
Rostem für Iran ist schon stark genug allein;
Mit solchem Sohn vereint, möcht er zu stark uns sein.
Der stolze Mann, soll ich ihm diesen Dienst erzeigen,
So muß er selber nahn und mir zu Fuße neigen!
Er sprachs, und jener sah des Königs harten Sinn,
Von seinem Flehen sei zu hoffen kein Gewinn;
Die üble Antwort trug er schnell zu Rostem hin:
Der Schah ist herbgelaunt; er will für Rostems Leben
All seinen Balsam, doch nicht einen Tropfen geben
Für Rostems Sohn. Soll er dir diesen Dienst erzeigen,
So mußt du selber gehn, und ihm zu Fuße neigen.
Da kämpfte Stolz und Schmerz in Rostem einen Kampf,
So heiß, daß sichtbar ihm vom Haupte stieg der Dampf:
Er hob und hielt den Schritt, und zuckte wie im Krampf.
Dann beugt' er sein Genick demütig dem Geschick;
Ertragen wollt er des feindselgen Königs Blick.
Drei schwere Schritte hatt er schon im Weg gemacht;
Da ward die Botschaft ihm in Eile nachgebracht:
Die Sonne, deren Ruhm der Welt geleuchtet, barg
Sich in die Nacht; dein Sohn braucht nichts als einen Sarg.
112.
Tehemten gieng zurück zu seinem toten Sohn;
Sie hatten zugedeckt des Toten Antlitz schon.
Der Vater aber hob mit seiner Hand die Hüllen
Hinweg, um neu sein Herz mit Jammer zu erfüllen.
Rings war dreifache Nacht: am Himmel Nacht, im Herzen
Tehemtens Nacht, und Nacht verlöschte Suhrabs Kerzen.
Ihn sah beim Sternenlicht der Vater, und erschreckt
Stand er, dann rief er aus, als er ihn zugedeckt:
Oft hab ich wol dem Tod ins Angesicht geschaut
In mancher Schlacht, und nie hat mir vor ihm gegraut.
Und schöner hab ich ihn, als hier im Angesicht
Des Jünglings nie gesehn, doch ohne Grauen nicht!
Weh, Rostem, dir! weh dir! mit deinem Heldenruhme
Kaufst du vom Tod zurück nicht diese Liebesblume.
Zäl in Gedanken auf nur alle deine Taten!
Durch diese letzte hier sind alle schlecht geraten.
O unglückseliger geliebter Jüngling du,
So ruhest du durch mich, und raubest mir die Ruh!
Dich hat von Kindheit an ein falscher Glanz entzündet;
Das, was von Rostems Ruhm dir das Gerücht verkündet,
Das trieb zum Vater dich; dein Stolz und deine Lust,
Dein Leben wars, dein Tod, zu ruhn an seiner Brust.
Du hast mit Ungestüm dich an mein Herz gedrängt;
Dafür mit deinem Blut hab ich mein Erz getränkt!
Ich habe dich als Feind bewundert und beneidet,
Und finde dich als Sohn, daß mirs das Herz durchschneidet.
Dazu ward meinem Leib die Jugendkraft erneut!
Doch unerneubar nun brach sie mit dir mir heut.
Durch dich den größten Schmerz, durch dich hab ich erlitten
Die größte Schmach: erniedrigt hab ich mich zu bitten!
Zu bitten einen Schah, von dem ich war gewohnt,
Gebeten selbst zu sein, seitdem durch mich er thront.
Um dich demütigt ich dieß stolze Haubt in Staub,
Und habe nicht dadurch dem Tod geraubt den Raub!
Das laß die Sühnung sein, o Sohn, für alle Kränkung,
Die dir der Vater tat, nach unsrer Sterne Lenkung!
So wars verhängt, daß, der sein Haupt im Himmel trug,
Es brächt in Staub dadurch, daß er sein Kind erschlug.