113.

So klagt' er in der Nacht, und um ihn klagend saßen
Die Fürsten her, die heut den Schmaus der Nacht vergaßen.
Voll war von Tröstungen der weisen Freunde Mund,
Vergebens, Rostem war um seinen Sohn herzwund.
Er hielt in seiner Hand die blutgenetzte Spange,
Und sprach zu ihr: Du kalte, glatte, gelbe Schlange!
Du hast mit deiner giftgen Heimlichkeit gestochen
Das Herz des Sohnes, und des Vaters Herz gebrochen.
Du selber brachest nicht; was hast du nicht gebrochen
Dein tötlich Schweigen, und der Rettung Wort gesprochen?
Dem Vater kontest du, daß der sein Sohn sei, sagen!
Warum hat er versteckt im Busen dich getragen?
Warum antwortet ich nicht seinen Liebesfragen?
Nun muß des Unglücks Schuld die arme Spange tragen!
Die Schuld trägt mir der Rachs, der Rachs, der, als ich schlief
Dort müde von der Jagd, sich im Geheg verlief,
Der von den Türken dort sich fangen ließ und füren
Zur Stadt, wohin ich dann nachgieng, ihn aufzuspüren.
O beßer wär ich nach Semengan nie gekommen!
Kein Leben hätt ich dir gegeben, noch genommen.
Nicht hätt ich in der Nacht mir dort antrauen laßen
Das blühnde Weib, um früh am Tag sie zu verlaßen.
Warum von einem Sohn gab sie mir Nachricht nie?
Warum erkundigt ich mich nie um ihn und sie?
O Rachs, geritten sind wir damals nicht mit Glück
Auf jene Jagd: dieß Weh bracht ich als Fang zurück.
Drum wirst du niemehr auch mit frölichem Behagen
Deinen Reiter wie sonst zu Jagd und Schlachten tragen!


114.

So klagt' er in der Nacht, da stieg der Tag empor;
Und Kawus selber kam mit seines Hofes Chor.
Dem Helden bracht er dar Entschuldigung und Trost;
Kühl aber war sein Wort, alswie des Morgens Frost:
Des Reiches Pehlewan! was sitzest du im Staub,
Dem Kummer untertan, und deines Leides Raub?
Ob auf der Erde Grund des Himmels Zelt du würfest,
Ob Feuer in den Mund der weiten Welt du würfest;
Du brächtest nicht vom Gang zurück einen Gegangnen,
Und kauftest von dem Fang nicht los einen Gefangnen.
Das Leben ist ein Wild, vom Tode stets gehetzt;
Schnell ist das Leben, doch schneller der Tod zuletzt.
Kein Starker ist so stark, so rasch ist nicht der Rasche,
Den überwältigend sein Tag nicht überrasche.
Von ferne hab ich angestaunet diese Seule
Des Heeres, diese Brust und Schulter, diese Keule.
Ich sprach zu mir: An Art den Türken gleicht er nicht;
Von Sabuls Heldenstamm den Fürsten weicht er nicht.
Was wußt ich, daß er, Held, so nah dir sei verwandt,
Durch dich zu fallen hier, vom Schicksal hergesandt!
Mein Lebensbalsam nun vermag ihn nicht zu heilen;
Doch edle Spezerein will ich der Leich erteilen.
Ich ordne selbst die Pracht der Totenfeier an,
Zu ehren ihn und dich, des Reiches Pehlewan!
Sein Grab will ich aus Gold und schwarzem Marmor baun;
Nun laß das Antlitz mich des toten Helden schaun!


115.

Er sprachs, und rührete der Totendecke Rand;
Doch Rostem deckte schwer auf seinen Sohn die Hand,
Und sprach, zum König nicht erhebend sein Gesicht:
Der König Keikawus sieht Rostems Jammer nicht!
Herr König, geht nach Haus! aus ist hier Kampf und Schmaus;
Des Sohnes Leichenfeir richt ich nun selber aus.
Geschlichtet mit dem Heer der Türken ist mein Streit;
Ich gebe bis zur Grenz ihm sicheres Geleit,
Auf Suhrabs Bitte, der darum mich sterbend bat,
Weil nur das ganze Heer für ihn die Fart antrat.
Von diesem Geiste war allein das Heer beseelt,
Und ist ein toter Leib, da dieser Geist ihm fehlt.
Genommen hab ich ihm den Geist mit dieser Hand;
Nun geb ich alle frei, der eine bleibt mein Pfand.
Keikawus, geh nach Haus, in Istachar zu sagen,
Wie leichten großen Sieg du hier davongetragen:
Geschlagen sei ein Heer, weil ich den Sohn erschlagen!
Geht alle heim, und laßt mich meinen Sohn beklagen!
Er sprachs, und schwieg, und nicht erhob er sein Gesicht;
Er blickt' auf seine Leich, und hielt die Decke dicht.
Keikawus sprach: Was er verordnet, sei getan;
Mich schmerzt in seinem Schmerz des Reiches Pehlewan.
Ihr alle folget mir, Heerfürsten groß und klein!
Den Rostem laßen wir mit seinem Schmerz allein.
Der König sprachs, und gieng, und alle folgten nach,
Und Rostem blieb allein mit seinem Weh und Ach.