Eine Mischsprache beginnt sich erst dann zu entwickeln, wenn die eine Sprache durch eine andere auch in der Flexion und der Satzfügung wesentliche Änderungen erleidet, nachdem sie sich schon einen schweren Bruchteil an Fremdworten einverleibt hat. Das Bulgarische hat die Kasusendungen bis auf schwache, vereinzelt erhaltene stereotype Ausnahmen und den Infinitiv verloren, hat sehr viel Wörter aus dem Türkischen herübergenommen, aber noch immer nicht genug, um als Mischsprache zu gelten. Die Satzfügung ist trotz aller Veränderungen, die die bulgarische Sprache im Laufe der letzten fünf Jahrhunderte erlitten, im Grunde genommen slavisch geblieben.
Obwohl die serbische Mundart der moslimischen Slaven von Herzeg-Bosna die Kasusendungen und den Infinitiv noch besitzt, scheint es mir doch, dass sie wenigstens in den Erzeugnissen ihrer Kunstliteratur eher das Bild einer Mischsprache darbietet als das bulgarische, und zwar darum, weil sie in syntaktischer Beziehung eine bedeutende Beeinflussung durch das türkische Zeitwort etmek (itdim perf. sing.), d. h. tun, machen, erfahren hat. Das Zeitwort selbst ist nicht mit eingedrungen in die slavische Sprache, sondern nur die im Türkischen mit diesem Zeitwort übliche Konstruktionweise; für verabsäumen (zanemariti) wird z. B. terk (arabisches Wort) činiti (machen, slavisches Wort), d. h. »Verabsäumung machen«, gesagt, für erwähnen (spominjati) sikri činiti (Erwähnung machen; Erwähnung tun), für sich bedanken oder dankbar sein (zahvaliti se, zahvalan biti) Dankbarkeit machen: šućur činiti. Der Bulgare setzt für das etmek am häufigsten činim (ich mache), aber nicht selten pravim (ich fertige an) oder storim (ich schaffe) ein. In der Regel verrät sich die entlehnte Konstruktion schon dadurch, dass das Substantivum fremd ist, indessen hat das Serbische, dem natürlichen der Sprache innewohnenden Abstossungdrange folgend, sehr häufig die fremden Substantive durch gut slavische ersetzt, so z. B. (bei Bogoljub Petranović: Srpske narodne pjesme iz Bosne, Sarajevo 1867):
| Kakav li je grijeh učinio? (S. 27. Nr. 25.) | Was hat er für Sünde begangen (getan); |
| grijeh učiniti für zgriješiti, | Korrekt slavisch müsste man fragen: kako li je oder u čem li je zgriješio. |
| veliku radost učiniše (S. 37. Nr. 30), | sie machten eine grosse Freude, |
| radost učiniti für obradovati se, | korrekt wäre: veoma se obradovaše. |
Bei L. Marjanović (Hrvatske, d. h. bosnische nar. pj. Agram 1867) liest man auf S. 57. V. 15:
| na Udbinu zatrke čineći. | Ins Udbinaer Gebiet Einfälle machend, |
| zatrke činiti ist für zatrkivati se; | korrekt wäre: zatrkivajući se. |
Im Bulgarischen bei Miladinovci S. 116, Nr. 84 (Bolgarski narodni pesni, Agram 1861): svadba činit, für svatuet (er feiert Hochzeit); S. 452, Nr. 488: mome se pišman storilo (das Mädchen hat Reue gemacht, d. h. sie hat ihr Jawort zurückgenommen), wofür der Serbe sagen würde: moma se pišman učinila oder popišmanila se; pišman ist persisch pešiman. Gut slavisch wäre: moma riječ svoju pokajala (sie hat ihr Wort bereut) oder, wie die Bauern in Slavonien sagen, cura se predomislila (das Mädchen hat sich eines anderen besonnen). Bei Vladimir Kačanovskij (im Sbornik bolgarski pesen, St. Petersb. 1882), liest man auf S. 502, Nr. 200, V. 322: nemu se poklon napravil (er hat sich vor ihm verbeugt), der Serbe sagt dafür poklon činiti, so z. B. bei Petranović a. a. O. S. 38, Nr. 30: poklon čini prečistoj gospoži (er verbeugt sich vor der erlauchtesten Frau).
Diese Hinweise mögen hier genügen. Ich habe solcher Beispiele bei sechshundert bisher vorgemerkt und gedenke einmal, bis meine Sammlungen südslavischer Volküberlieferungen gedruckt sein werden, diese und noch eine Reihe verwandter Erscheinungen der südslavischen Sprachentwicklung eingehend zu behandeln.
Ich wiederhole es, dass nach meinem Dafürhalten die serbische Mundart der bosnisch-herzogländischen moslimischen Schriftdenkmäler bei weitem mehr den Charakter einer Mischsprache als das Bulgarische an sich trägt. Sie ist nicht zufällig entstanden, sondern durch die Bedürfnisse im Laufe der Zeiten geschaffen worden. So musste die Hülle sich umarten, in der die türkische Auffassung zu dem Südslaven sprechen konnte. Es ist gleichsam das Lallen und Stammeln des Kindes, das mit dem Ausdruck ringt, um seinen Wahrnehmungen und Beobachtungen Geltung zu verschaffen. Das Kind empfängt viel zu viel auf einmal und vermag sich nicht aus dem Gewirre herauszuhelfen. Der wirkliche Kunstdichter unter den slavischen Moslimen befand sich in einer ähnlichen Lage. Auf ihn drängte seine slavische Muttersprache und zugleich die türkische ein. Er bediente sich beider, um seine Gedanken am klarsten auszudrücken. Er borgte der fremden nur das ab, was ihm in der seinigen nicht genug bestimmt gefasst zu werden möglich schien.