Die serbische und bulgarische Sprache hat zusammen wohl über zehntausend dem türkischen Wortvorrat entlehnter Wörter noch zur Zeit in allen den verschiedenen Gegenden im Gebrauche behalten. Vor allem tragen 70 Prozent der gewerblichen und landwirtschaftlichen Geräte und Werkzeuge und Verrichtungen, die Kleidungstücke und mannigfache Verhältnisse des Lebens lauter Fremdnamen. Eine recht fleissig ausgearbeitete, für die praktischen Bedürfnisse des Alltaglebens berechnete lexikalische Zusammenstellung türkischer und anderer orientalischer Worte in der serbischen Sprache hat im Jahre 1884 der Serbe Gjorgje Popović in Belgrad veröffentlicht. (»Turske i druge istočanske reči u našem jeziku. Gragja za veliki srpski rečnik.« gr. 8o. p. 275.) Auf Vollständigkeit erhebt Popovićs Arbeit noch lange keinen Anspruch.[8]

Es ist klar, dass dort, wo die Berührung zwischen Türken und Slaven am intensivsten stattfand, die Volksprache davon ausreichendes Zeugnis ablegt. Das ist der Fall in denjenigen bosnischen und herzogländischen Bezirken, die vorwiegend von Moslimen bewohnt werden. In den sonnigen Lehnen der Treskavica planina liegen z. B. lauter moslimische Ortschaften, wo die serbische Mundart nahezu schon den Charakter einer türkisch-slavischen Mischsprache erlangt hat. Dort habe ich viele tausende Verse epischer Lieder aufgezeichnet, von denen mancher Vers lauter Fremdworte enthält, z. B.:

Vlasi Muje bastisali kulu. Die Christen zerstörten Mustapha’s Burg,

oder zum mindesten unter vier Worten drei fremde, z. B.:

eto aga dženliva hajvana! hier ist, o Herr, das rasende Geschöpf!
Poljeće bakrena džemija Es flog dahin die kupferne Galeere
pro deniza i kara limana. übers Meer und über die schwarze Buchtung.

Ein Epos von der Eroberung Ofens hebt also an:

Razbolje se sultan Sulejmane Es erkrankte Sultan Sulejman
u Stambolu gradu bijelome in Stambol, der weissen Stadt,
na svom tâchtu u svome devletu auf seinem Throne in seinem Reiche,
treći danak šechli ramazana. am dritten Tag des Monats Ramaddăn.

Von den zwölf Substantiven und Adjektiven dieser vier Zeilen sind sieben Fremdwörter. Das ist eine Probe der allergewöhnlichsten Volksprache. Natürlich sind in den Erzeugnissen der moslimisch-slavischen Kunstdichtung die Fremdwörter noch stärker vertreten, denn die Verfasser setzten bei ihren Lesern eine höhere Kenntnis des Türkischen voraus.

Eine Sprache ändert ihren Charakter durch Aufnahme von Fremdwörtern solange nicht, als sie die Eindringlinge durch Vor- und Nachsilben der neuen Umgebung vollkommen anzupassen vermag. So verfügt unsere liebe deutsche Sprache, wie dies aus Heyse’s grossem Fremdwörterbuch ersichtlich ist, über die hübsche Kleinigkeit von 70 000 Fremdwörtern; hat demnach siebenmal mehr als die Südslaven geborgt, ohne sich mit dem fremden Gemengsel den Magen zu verderben. Diese Fremdworte bergen in sich ein grosses Stück der Geschichte von der geistigen Entwicklung des deutschen Volkes. Ich meine, der Deutsche hat sich seiner Fremdwörter nicht nur nicht zu schämen, sondern mag sich ihrer getrost berühmen, sofern sie für ihn zeugen, dass er sich in der ganzen Welt umgetan hat, um überall das Beste zu lernen.

Freilich gehören sieben Zehntel der Fremdwörter im Deutschen nur der konventionellen Ausdruckweise verschiedener Stände und Berufklassen an, während bei den Südslaven alle 10 000 Fremdworte im illiteraten Volke selbst gebräuchlich sind. Selbstverständlich kennen die Bewohner eines Dorfes nur einen winzigen Bruchteil der Fremdworte, wie sie ja auch nicht den gesamten Sprachschatz beherrschen. Den hat kein Einzelner, und mag es der gelehrteste seines Volkes sein, jemals ganz inne.