und legte sich den Brief auf seine Kniee
und brach das Siegel von dem Schreiben auf.
Bei den Türken stand die Falkenbeize seit jeher in grösstem Ansehen. (»Falknerklee«, drei ungedruckte türkische Werke über die Falknerei, eines der ältesten Denkmäler der türkischen Literatur, übersetzte Josef von Hammer. Pesth 1840.) Die türkischen Sultane waren fast ausnahmlos Freunde der Falkenjagd. Am meisten widmeten sich ihr Bajesid, der Wetterstrahl, und Mohammed IV. Nach der Schlacht bei Nikopolis (28. September 1396) gab S. Bajesid den ausgelösten deutschen, ungarischen und französischen Kriegern eine Falkenjagd zum besten und setzte sie durch die Pracht seines Jagdstaates, der aus 7000 Falkenjägern und 6000 Hundewärtern bestand, in Erstaunen. Die Falkeniere bildeten die Masse der sultanischen Jägerei, welche aus den vier Klassen der Falkenjäger, der Weihejäger, der Geierjäger und der Sperberjäger bestand, während die Hundewärter, in der Folge den Janitscharen einverleibt, 33 Regimenter bildeten. Ihre höheren Offiziere wurden durch Benennungen der Jagd nach den ältesten Begriffen des Morgenlandes geadelt, weil die Lebensmittel der Nerv des Krieges und die Jagd dessen edelstes Vorspiel ist.[6]
In dieser Schule lernten auch die bosnisch-herzögischen Spahis und Zaimbege die Falknerei kennen und verpflanzten sie von dort in ihre Heimat, wo sie sich hie und da bis auf den heutigen Tag noch behauptet hat. Der verdienstvolle und sehr strebsame Herausgeber des »Glasnik« in Sarajevo, Herr K. Hörmann, liess durch den Maler Ewald Arndt aus Deutschland darüber in Bosnien Ermittelungen anstellen und veröffentlichte in seinem Organe die mit Hülfe des Bezirkvorstandes Jordan und des Oberförsters Elleder gewonnenen Nachrichten.[7]
Noch vor 15 bis 20 Jahren jagten allgemein die Begen in Nordbosnien (Krajina) und im Savelande mit Falken, gegenwärtig aber ist die Falkenjagd nur noch üblich in den Edelsippen Uzeirbegović in Maglaj und den Širbegović und Smailbegović in Tešanj. Die Begen erklären bestimmt, die Falknerei sei nach der Unterwerfung des Landes durch die Osmanen eingeführt worden. Einen Jagdfalken zu überwintern, verstehen die Begen nicht mehr, wahrscheinlich, weil sie die zweckmässige Fütterung des Vogels verlernt haben, früher richtete man den Wanderfalken (falco peregrinus) ab, in unserer Zeit dagegen so gut wie ausnahmlos nur jene Art, die man »atmadža« nennt (atmadža oder akmadža bedeutet aber türkisch einen Sperber!). Zuweilen nimmt man auch einen gewöhnlichen Sperber, doch hat man von ihm nur geringen Vorteil.
Den Falken fängt man mit Netzen. Zwei beiläufig zwei Meter hohe und ebenso breite Netze werden sehr schwach in einem spitzen Winkel an Stangen befestigt. Von der Aussenseite verdeckt man die Netze mit dünnem Gezweige und grünen Dornen. In der Mitte zwischen den Netzflügeln bindet man eine lebendige Dohle an, worauf sich der Jäger in einem Gebüsch in der Nähe verbirgt. Um sich zu befreien, fängt die Dohle zu flattern und zu krächzen an, worauf sich leicht ein einjähriger noch unerfahrener Falke auf die Beute stürzt. Es entspinnt sich ein heftiger Kampf, bei dem das Netz über den Kämpfern zusammenfällt. Zur Abrichtung wählt man lieber ein Weibchen als das schwächere und kleiner gebaute Männchen. Die Freunde der Falkenjagd wissen genau, aus welchen Nestern sie die tauglichsten Falken erhalten können; alle Falken sind nämlich nicht gleich gelehrig. Im Ozren-Walde zählt man 20 Falkenhorste, doch nur an drei Stellen findet man die verwendbaren Falken.
Die Falkenbeize erheischt viele Mühen. Vorerst muss man den Falken daran gewöhnen, geduldig den Riemen am Bein zu tragen. Der Sitz des Falken muss stets in schaukelnder Bewegung erhalten bleiben und von Zeit zu Zeit hat man den Falken mit Wasser zu bespritzen, damit er nicht einschlafe. Auch muss er lernen, ruhig auf des Jägers Hand zu sitzen, die mit dicken aus Schaffell angefertigten Handschuhen bekleidet ist. Diese Abrichtung währt 15 bis 20 Tage. Mit dem gefügigen Falken auf der Hand begibt sich der Jäger in Begleitung seines Jagdhundes aufs Feld. Sobald der Hund eine Wachtel aufgestöbert, wirft der Jäger den Falken in der Flugrichtung der Wachtel auf, und der Falke schiesst auf seine Beute mit Blitzschnelle los. Ein gut geschulter Falke in Händen eines tüchtigen Jägers kann des Tags 10 bis 15 Wachteln fangen. Im Herbste, wenn die Wachteln nach dem Süden wandern, kann ein flinker Falke 60 bis 80, ja sogar 100 Wachteln einfangen oder erbeuten. Der Gebrauch eines Federspiels oder Luders bei der Falkenbeize scheint den bosnischen Waidmännern unbekannt zu sein.
Fast alle Musikinstrumente, die vielgedachten Guslen, das Symbol des Südslaventums, die auf asiatischen Ursprung hindeuten, haben die Südslaven den Türken zu danken. Mit der Šargija, der Bugarija, den Čemane und der Tamburica, Instrumenten von der Art der Mandoline, die gleichfalls dem Oriente entstammt, brachte der asiatische Osten dem Südslaven eine phantasievolle, blumenreiche, herzinnig-zarte, sinnige Lyrik von auserlesenstem Reichtum an Motiven und geistvoll zugespitzten Pointen. Nicht leicht hat mehr eines slavischen Knaben Wunderhorn solche Diademe und kostbare Perlenschnüre, wie das südslavische Schatzkästlein der Volklyrik, aufzuweisen. Nur dem Spanier war es beschieden, in ähnlicher Weise aus dem unversieglichen Jungbrunnen orientalischer Dichtung liebetrunken zu nippen.
Das lyrische Volklied der Südslaven verleugnet im allgemeinen auch äusserlich seinen orientalischen Charakter nicht. Die köstlichsten Stücke rühren aber in der Lyrik nicht minder als in der Epik von den moslimischen Slaven her. In dieser Lyrik kommt stürmische Glut gesunder Sinnlichkeit, gelangt der Liebe Lust und Leid voll und farbenprächtig zum Ausdruck, während die Liebelieder der südslavischen Nichtmoslimen besonders in jenen Gegenden, wo die Türken nie festen Fuss gefasst hatten, vielfach das Gepräge schrankenloser Sinnlichkeit und dabei oft eine nicht leicht näher zu bestimmende Nüchternheit, die zuweilen an Plattheit grenzt, aufweisen.
Der rege Verkehr zwischen den Slaven und Türken übte auf den beiderseitigen Sprachschatz eine nachhaltige Wirkung aus. Die gegenwärtige türkische Sprache hat eine Menge slavischer Elemente in sich aufgenommen, die serbische und bulgarische aber noch weit mehr türkische oder turzisierte arabische und persische Ausdrücke. Es lag ja in der Natur des gesellschaftlichen Verhältnisses, dass die Slaven mehr nehmen mussten, als sie zu geben hatten.