[13] Selbstmorde sind häufig unter den südslavischen Bauern. Pflanzengifte Belladonna und Stechapfel (datura stramonium) und das Mineral Arsenik sind sehr gewöhnlich. Sich erhenken ist nicht so üblich, als sich ersäufen. Giftmischer bedienen sich aber am liebsten Leichengiftes, weil dieses am schwersten nachzuweisen ist.
[14] Über solche Frauen vrgl. Krauss: Medizinische Zaubersprüche aus Slavonien usw. in den Mitt. der Wiener Anthrop. Gesellschaft. 1887 und Dr. Alex. Mitrović, Mein Besuch bei einer Zauberfrau in Norddalmatien; Anthropophyteia IV. S. 227–236.
II. Abteilung.
Guslarenlieder.
Zur Einführung.
Indem ich daran gehe, Guslarenlieder meiner Sammlung mitzuteilen, muss ich zunächst einige Bemerkungen zur allgemeinen Einführung vorausschicken. Guslarenlieder behandeln grösstenteils geschichtliche Ereignisse, kriegerische Verwicklungen, entsprechende Sagenstoffe, zum kleineren Teil Legenden, Märchen und sonst unblutige Begebenheiten aus dem Leben und Streben hervorragender Gestalten der Überlieferung. Verwandlungen (Metamorphosen), scherzhafte und witzige Erzählungen sind dieser gehobenen, epischen Gattung abartig. Die Guslarenlieder sind ihrer Entstehung, der äusseren Form nach Gebilde ziemlich jungen Ursprungs. Die ältesten besungenen, geschichtlichen Vorkommnisse reichen vielleicht ins XIII. und XIV. Jahrhundert zurück. Der eigentlich so zu sagen pragmatisch-historische Teil der Überlieferung bekümmert uns Folkloristen und Ethnologen selten oder gar nicht. Wert haben jedoch die darin besprochenen Sitten, Bräuche, Gewohnheitrechte und religiösen Vorstellungen, die sich oft aus einer weit hinter jeder slavischen Staatenbildung liegenden Zeit von Geschlecht auf Geschlecht vererbten und vererben mussten, weil sie einer eigentümlichen sozialen Gliederung entsprossen und mit Rechtgewohnheiten innig verknüpft waren. Daher kommt es häufig, dass uns die Fabel eines Liedes kalt lässt, der eine und andere Brauch oder Glaubenszug — die eingewobene Episode — aber als ein untrügliches Zeugnis für eine uralte (primitive) Anschauung und Rechtübung nachhaltig zu fesseln vermag.
Man soll mich nicht einer übertriebenen Bewertung der Guslarenlieder als eines Borns des ältesten und verbürgtesten slavischen Glaubens und Rechtes zeihen. Ich bin weder der erste noch der einzige, der zur Überzeugung gelangt ist, dass das Slaventum keine ehrwürdigeren, wichtigeren und ergiebigeren Fundstätten für eine Erkenntnis seines Volktums aufzuweisen hat, als es die epischen Überlieferungen, die Guslarenlieder der Serben und Bulgaren sind. Das war auch Maciejowskis Ansicht, eines Mannes, der wie wenige vor ihm, neben ihm und nach ihm in den Geist des Slaventums eingedrungen war. Er kannte freilich nur erst einen geringen Teil dieser Literaturgattung — dies Wort sei mir erlaubt, — und die Bylinen der Russen, wie die Dumen der Kleinrussen berücksichtigt er auch zu wenig, aber zu urteilen war er berechtigt, wenn sonst einer. Er nennt die serbische Guslarenepik eine unvergleichliche Quelle, wie sich einer solchen kein anderes slavisches Volk berühmen könne.[1] Dabei lagen ihm erst nur vier Sammlungen vor, von denen er bei der Beschaffenheit seiner Sonderstudien nur einen bescheidenen Gebrauch machen konnte. Nach einer fünfzigjährigen, rastlosen Durchforschung aller erreichbaren altslavischen, geschriebenen Urkunden, gesteht er gepressten Gemütes die Unzulänglichkeit seiner Arbeiten ein und setzt seine Hoffnung für eine gedeihliche Weiterführung und Vertiefung seiner Untersuchungen auf die Tätigkeit seiner Nachfolger, die Sitten und Bräuche der Slaven erforschen werden.[2] Meine zwar auch nicht vollständige Handbibliothek gedruckter serbischer und bulgarischer Guslarenliedersammlungen zählt sechzig Bände, und auf jeden kommen durchschnittlich 5400 Verse. In verschiedenen Zeitschriften, Jahrbüchern und Bauernkalendern finden sich auch noch gehäuft 40 000 Verse vor. Ausserdem besitze ich meine eigenen, bis nun ungedruckten Sammlungen (172 000 Zeilen), die ich aus kritischen Erwägungen als belangreicher für die Wissenschaft erachte, denn alles, was anderweitig bis zur Zeit von dieser Art dargeboten worden ist. Es sind mir für meine speziellen Monographien in runder Zahl an Guslarenliedern 500 000 Zeilen zu Handen, so dass ich mir für eine Menge bedeutender und unbedeutender Fragen hinsichtlich des slavischen Volktums zuverlässige Belehrung aus überquellendem Füllhorn holen kann.
Ich glaube durch meine bisherigen Veröffentlichungen den Nachweis erbracht zu haben, dass die Guslarenlieder nicht bloss ein spezifisch slavisches Publikum interessieren mögen, sondern geeignet sind, auch die Aufmerksamkeit aller nichtslavischen Volk- und Völkerkundigen in hohem Masse auf sich zu ziehen. Kein geringerer als Friedrich von Hellwald, ein gewiss stimmbefugter und unverdächtiger Beurteiler, schrieb einmal mit Bezug auf mein Buch ‘Sitte und Brauch der Südslaven’ (Wien 1885): »Bei den Slaven zeigt sich das Patriarchat lange noch nicht so fortgeschritten, wie bei den Griechen und Römern. Eben deshalb geziemt es, jene östlichen Völker vor diesen zu studieren. Es wird sich dabei herausstellen, wie haltlos die Annahme jener ist, welche die im klassischen Altertum vorgefundenen Familienzustände, ohne alle Rücksicht auf die vergleichende Völkerkunde, als die ursprüngliche darzustellen lieben«.[3] Nicht minder beziehungreich äusserte sich ein Post[4]: »Die neuerdings von Krauss (Sitte und Brauch der Südslaven 1885) gesammelten südslavischen Gewohnheitrechte sind universalrechtgeschichtlich von höchstem Interesse. Sie repräsentieren eine Stufe in der Rechtentwicklung, welche wir sonst nur bei ganz tiefstehenden Völkern antreffen. Wir finden fast alle Erscheinungen des reinen Geschlechterrechtes, eine vollständige Geschlechterverfassung gestützt auf Hausgemeinschaften« usw. usw.
Gerade für alle diese wichtigen ethnologischen Grundprobleme sind die Guslarenlieder die lauterste Quelle. Aber ebenso muss ihnen auch in ausschliesslich folkloristischen Dingen jeder unbefangene Forscher einen gleich weitgehenden Vorrang im Verhältnis zu den homerischen Gesängen (schon des Umfanges halber), zu den Bylinen, Dumen, den finnischen, turkotatarischen und malaischen Epen zugestehen. Eine Slavistik des zwanzigsten Jahrhunderts dürfte hauptsächlich auf der Unterlage der Guslarenlieder fussen, sofern es ihr gelingen sollte, die Fesseln einer überkommenen unfruchtbaren, aprioristischen Methode abzustreifen, und das Studium meiner gesammelten Aufzeichnungen wird voraussichtlich einmal zu einer unabweislichen Beschäftigung der Volkforscher gehören.