[4] Dr. Albert Herm. Post: Über die Aufgaben einer allgemeinen Rechtwissenschaft. Oldenburg und Leipzig 1891. S. 123 f.

[5] Neugriechische Volklieder gesammelt und herausgegeben von C. Fauriel, übersetzt und mit des französischen Herausgebers und eigenen Erläuterungen versehen von Wilhelm Müller. Leipzig 1825. 2 Teile, I. XXXV.

Vom wunderbaren Guslarengedächtnis.

Es gibt nicht wenige Leute, namentlich unter den Südslaven, die den Guslaren ob seiner Gedächtnisstärke als ein masslos Wunder anstaunen und aus nationaler Eitelkeit gar den Glauben hegen und verbreiten, dass dies Wunder eine südslavische Eigentümlichkeit sei. Da erzählt man von einem Guslaren, der 30, von jenem, der 70 und von einem dritten, der 100 000 und mehr noch Verse in den Speichern seines Gedächtnisses verwahrt mir nichts dir nichts mit sich herumträgt und jederzeit bereit ist, sich hören zu lassen. An der Zuverlässigkeit der Angaben, an deren Feststellung ich als einer der ersten beteiligt bin, ist nicht zu rütteln; um so mehr fühle ich mich verpflichtet, das vermeintlich Mystische der Erscheinung ins klare Licht zu setzen. Wunder muss man von der Ferne betrachten und an sie glauben. Der Wunderglaube ist das Kokaïn der Forschung. Eine kleine Einspritzung davon beeinträchtigt schon die geistigen Verrichtungen derart, dass ein gesundes, wissenschaftlich gerechtfertigtes Urteilfassen fast völlig erlahmt. Solches Glauben ist ein Zustand, eine Erscheinungform individuell verminderter Zurechnungfähigkeit. Dem nüchternen Forscher liegt es ob, die Dinge in der nächsten Nähe zu prüfen und sie in ihre kleinsten Bestandteile zu zerlegen, um ihr wahres Wesen zu ergründen.

Mir flösst ein noch so tüchtiges Gedächtnis geringe Ehrfurcht ein, weil ich mich selber mit dem meinigen zufrieden geben darf und, soweit ich zurückdenke, immer dazu geschaut habe, um es mir zu bewahren. Mich reizte es, herauszukriegen, wie es die Guslaren machen, um so zahllose Verse im Kopfe zu behalten. Vor allem besah ich mir genau den Vorrat eines Guslaren an Stoffen und die Mittel seiner Darstellung. Zunächst fand ich heraus, dass die Zahl der Stoffe durchgehends bescheiden ist, indem sie bei einem Manne zwischen acht bis dreissig schwankt und dass diese wieder untereinander verwandt sind oder auch, dass sich der Guslar wiederholt. Andererseits zeigte es sich, dass der Guslar auch mit stereotypen Beschreibungen und Schilderungen wirtschaftet, wodurch sein eigentlicher Besitz an Darstellungmitteln beträchtlich zusammenschrumpft. Gäbe sich einer Mühe, könnte er am Ende sogar eine gewisse Gesetzmässigkeit feststellen, nach der sich die stereotypen Klichés ablösen müssen, um im Sinne des Guslaren ein ganzes Lied hervorzubringen.

Der Guslar erfindet nichts mehr von Belang, nachdem durch die Jahrhunderte alte Überlieferung die stehenden Formeln, von denen er weder abweichen kann noch will, in Fülle für seinen Gebrauch vorhanden sind. Um ein neues Lied, d. h. ein ihm bis dahin nur stofflich unbekanntes in sein geistiges Eigentum aufzunehmen, braucht ein geübter Guslar, der die Klichés so ziemlich inne hat, nur genau aufzuhorchen, in welcher Reihenfolge die Klichés und in welchen kürzeren oder längeren Fassungen, oder, in welchen Verbindungen sie in dem neuen Stücke vorkommen. Wenn er gewissenhaft ist, nimmt er auch vom Vorsänger sprachliche Eigentümlichkeiten mit in den Kauf.

Probieren geht übers Studieren. Am 18. März 1885 notierte ich vom Guslaren Ilija Krstić Jukić ein Lied von 78 Zeilen und am 4. Oktober 1885 liess ich mir es wieder von meinem Reisebegleiter, dem Guslaren Milovan vordiktieren, der es sich 7½ Monate vorher auf mein Geheiss zu merken hatte. Beide Fassungen decken sich, wie man sich aus meiner Abhandlung über das Bauopfer bei den Südslaven (Wien 1887), wo sie abgedruckt stehen, überzeugen kann. Ein andermal notierte ich nach einem Zeitraume von neun Monaten von Milovan dasselbe Lied (von 458 Versen) zum zweitenmale. Die Variation ist so unbedeutend, dass sie der Rede nicht wert erscheint; man vergleiche die beiden Texte in meiner Schrift: Das Burgfräulein von Pressburg. Budapest 1889. (Ethn. Mitt. aus Ungarn). Ich darf nicht unerwähnt lassen, dass gerade dies Lied ein Hauptstück seines Repertoires ist, das er im Laufe von 30 oder 35 Jahren gewiss an zweihundertmal vorgetragen hat.

Ich habe 127 Guslaren näher kennen gelernt. Nur ein einziger unter ihnen war mit zeitlichen Gütern gesegnet[1] sonst waren es durchweg arme Burschen, viele sogar bettelarm, auch wenn es ihnen weder an Gesundheit noch an Rüstigkeit zur Arbeit fehlte. Guslaren sind aber keine Arbeiter, sondern lieben das dolce far niente, das Träumen und Nachsinnen, das Fabulieren und Musizieren (sit venia verbo!), um ihre Lieder immer und immer wieder zu wiederholen, damit sie sie nicht vergessen[2].

Im Grund genommen, macht es der Guslar nicht anders als unsereiner von der Feder, wenn wir etwas unserem Gedächtnisse fest einprägen wollen: wir memorieren oder studentisch: wir büffeln es uns ein. Genau betrachtet, ist das Wissen und Können selbst des trefflichsten Guslaren eine Kleinigkeit dem gegenüber, was sich alles unsereiner merken muss, um den umstrittenen Titel eines Gelehrten zu behaupten.