Ich machte auch die Wahrnehmung, dass fast jeder Guslar sein spezielles Genre hat, der eine pflegt den Prinzen Marko und dessen Zeitgenossen, der andere Mujos und Aliles Taten, der dritte fühlt sich auf ungarischem Boden heimisch, der vierte verherrlicht vorwiegend Hajduken, der fünfte schätzt über alles Heiligenlegenden und Wunderbegebenheiten, ein sechster liebt die Helden der Neuzeit des Serbentums usw. Gerade durch solche Spezialisierung wird jedem die Beherrschung seiner Stoffe bedeutend erleichtert. Sang mir ein Guslar fünf oder sechs seiner »besten« Lieder, wusste ich schon beiläufig, woran er ist und woran ich bin. Trug er mir Lieder vor, die ich schon aus gedruckten Sammlungen kannte, liess ich ihn gehen, oder, wenn ich von einem mehrere Stücke schon aufgezeichnet hatte und er ein neues mit breiten Wiederholungen aus früheren ausstattete, stellte ich das Schreiben ein, ausser die Fabel bot mir irgend einen ethnologisch bemerkenswerten Zug dar, den ich als Beleg für eine Sitte oder einen Brauch einmal verwenden zu können glaubte.
Eine Frage bleibt noch offen: wie behält der Guslar sein Wissen an Liedern in Evidenz? Wie kommt es, dass einer eine oder zwei Wochen lang Tag für Tag ohne merklich darüber nachzudenken ein Lied nach dem andern vortragen kann, ohne dasselbe Lied wieder von neuem anzustimmen? Wie helfen wir Schriftsteller uns in einer ähnlichen Lage? Wir legen uns zu unserer Bequemlichkeit einen geschriebenen Katalog an. Der Guslar, der des Lesens und Schreibens unkundig ist, schreibt natürlich keinen Katalog, doch verfasst er sich gerade so wie wir einen und, was wir wieder nicht tun, er lernt seinen auswendig. An der Hand dieses mnemotechnischen Behelfes kann er über seinen Liederschatz hübsch in Ordnung verfügen.
Ein derartiges Verzeichnis will ich hier bekannt geben. Selbstverständlich ist es poetisch wertlos, obgleich es sich in der Form eines Liedes gibt, aber man muss es als Lied gelten lassen, wenn man es mit der Mehrzahl der Erzeugnisse montenegrischer Guslarendichter zusammenstellt, die ja im Grossen und Ganzen auch nichts anders sind, als dürre Aufzählungen, denen Poesie, Witz und Humor als unbekannte Elemente fremd geblieben sind.
Ich behaupte nicht, dass jeder Guslar seine Lieder in einen Katalog einsetzt, der für sich so zu sagen ein Lied gibt. Andere unterstützen ihr Gedächtnis mit etwas anderen Mitteln. Gewöhnlich greifen sie den Namen des Haupthelden des Liedes heraus und bringen ihn in einen Vers. Dieser Vers dient ihnen meist auch als Titel zum Liede; es ist das Schlagwort unter dem sie das betreffende Lied führen. Andere wieder, bei denen geographische Vorstellungen vorherrschen, müssen sich an Örtlichkeiten erinnern, um ein Stück hersagen zu können. Gar selten sind Guslaren, die unter allen Umständen in jeder Laune und Stimmung vorzutragen vermögen. Jeder muss sich erst besinnen. Sehr wenige Guslaren schauen während ihres Vortrages den Zuhörern ins Gesicht; vielmehr wenden sie ihre Augen entweder abwärts oder aufwärts und schneiden dazu, mitunter ergötzliche Grimassen. Das Augenbrauenfurchen und Stirnrunzeln, das bei dem Gesange aus dem Gesicht nicht weicht, zeugt schon für eine erhöhte Gedankentätigkeit. Eines hat man sich auch noch gegenwärtig zu halten, dass die Guslaren ihre Lieder nicht erst in reifen Mannjahren lernen, sondern sie sich schon von früher Kindheit an, zu einer Zeit, wo man Eindrücke leicht aufnimmt und sie noch leichter festhält, anzueignen pflegen[3]. Der Guslar arbeitet also sein Lebelang ausschliesslich an der Behauptung und zum Teil Ausgestaltung seines in den Jugendjahren erworbenen geistigen Besitzes. Es ist daher nichts wunderbares daran, dass er ihn bis ins späte Alter hinein behält. Mein Milovan kennt 30–40 000 Verse, ist aber trotzdem kein Gedächtniskünstler. Ich hatte ihn nach Wien mitgenommen und vier Monate lang bei einer deutschen Familie verpflegen lassen. In der Zeit hatte sich der Mensch keine zwanzig deutschen Worte gemerkt, dagegen konnten sich die zwei Töchterlein seiner Wirtleute mit ihm schon leidlich serbisch verständigen.
Am 19. Jänner 1885 verhörte ich den Guslaren Ljuboje Milovanović aus Bogutovo selo, einen griechisch-orientalischen (oder altgläubigen, wie die Schwaben in Slavonien sagen) Christen. Seine Spezialität bildet der Vortrag von Legenden, die von serbischen Heiligen und Kirchenbauten oder Stiftungen handeln. Einen grossen Teil dieser Lieder findet man schon in älteren Sammlungen gedruckt vor. Da sich dabei für meine Studien wenig gewinnen liess, zeichnete ich nur zum Zeitvertreib mehrere Stücke Ljubojes auf, und als er mich fragte, welches er mir noch vorsingen solle, sagte ich gleichgültig: ‘Sing mir, was du glaubst, dass mir nötig sein wird.’ Mir gewährt auch die mechanische Arbeit des Schreibens Vergnügen, wenn die Feder rasch über glattes Papier gleitend Buchstaben für Buchstaben hinsetzt und Reden festhält. Man hat dabei blutwenig zu denken, erholt sich und ist doch nicht ganz müssig. Ljuboje sang die nachfolgenden 31 Zeilen und machte Halt, so dass ich aus meiner Träumerei beim Schreiben aufwachte. ‘Nun, warum singst du nicht weiter?’ — ‘Es ist zu Ende. So habe ich es von meinem Vater übernommen. Weiter geht es nicht.’ — ‘Ja, Liebster, das ist ja gar kein Lied, sondern nur eine Aufzählung’ (naklapanje). — ‘Ich weiss nicht mehr. Darin habe ich aufgezählt, von welchen Stiftungen ich Lieder vortragen kann. Jetzt magst du aussuchen, welches dir nötig sein wird.’ Im Verlauf der weiteren Unterhaltung stellte es sich heraus, dass er auch ausserhalb seines Kataloges mehrere Lieder von den Taten des Prinzen Marko und den Umtrieben der Vilen inne habe. Die zeichnete ich auf.
Sein Katalog, wie er sich ihn gemerkt hat, scheint übrigens durch den Ausfall mehrerer Verse in Unordnung geraten zu sein. Die ursprüngliche Fassung dürfte aus lauter dreizeiligen Strophen bestanden haben. Die beiden vierzeiligen Schlusstrophen enthalten je eine Zeile zu viel. Vom 16–24 V. fehlt die Gliederung.
Der Titel vom Guslaren. In Njemanić liegt eine Volketymologie vor, indem der Guslar den Namen von nijem (stumm) ableitet. Die richtige Form ist Nemanja. Stefan N. (1159–1195) serb. König war Stifter der nach ihm benannten Herrschersippe (1159–1367). Sein Sohn Sava (Sabbas) ward vom Patriarchen zum serb. Erzbischof eingesetzt. S. richtete in Serbien zwölf Bistümer ein. Zur Ehrung seines Andenkens ist seit der Mitte dieses Jahrhunderts unter den serbischen Städtern der Brauch eingeführt worden, den Gedenktag mit einer nationalpatriotischen Festversammlung unter Veranstaltung von Festvorträgen alljährlich feierlich zu begehen (Svetosavska besjeda). Was alles bei diesen Anlässen dem heiligen Sabbas nachgerühmt wird, hat ebenso grossen Anspruch auf geschichtlichen Wert, wie die Angaben des Guslaren über die Stiftungen. Die Nemanjić sind durch einen gleichen volkpsychologischen Prozess, wie Prinz Marko zum grössten Helden und Befreier, zu Wohltätern des Serbenvolk hinaufgefabelt worden.
Zu V. 1. Riśćani sind die altgläubigen, Krśćani die katholischen Christen. Zur Zeit der Entstehung dieser Art Guslarenlieder war das Nationalitätprinzip und was drum und dran hängt, noch nicht erfunden. Das Bauernvolk hält sich noch an die alte, konfessionelle Scheidung, und Konfession deckt sich bei ihm begrifflich so ziemlich mit Nation.
Zu V. 9. Gemeint sind wahrscheinlich die »Georgsäulen« bei Novi Pazar; eine Klosterkirche, nach einem Guslarenliede eine Stiftung Simon Nemanjićs.