V. 651 f. ‘Sie setzten sofort das blutige Reisfleisch an, sie assen zu Nacht blutiges Reisfleisch’. Kopernicki frägt an dieser Stelle: Co to? jakieś czary wojenne? (Was ist das? Was sind dies für kriegerische Zaubereien?) In der Fassung der Frage zeigt sich schon der kundige Volkforscher. Die Leute setzten gar kein blutiges Reisfleisch zu und noch weniger verstanden sie sich dazu, Blut zu essen. Das Fleisch der geschächteten Tiere muss zuerst entblutet werden, um koscher zu sein. Angesichts des Todes liesse sich ein Moslim schon gar nicht herbei, trefo zu sich zu nehmen. Eine Stelle in einem Guslarenliede, die wegen ihrer Länge hier ausfällt, gibt Aufschluss. Die Krieger bestrichen sich die Hände und das Antlitz mit Blut, bevor sie auf Leben und Tod in den Kampf stürmten. Ihr Aussehen war dann wohl darnach, den Feind mit Furcht und Entsetzen zu erfüllen.
V. 660. Vorangehen muss unbedingt der V. 661, doch der Guslar versteht nicht, was šarka feleć bedeutet. Der gleiche Vers in meinem Smailagić Meho (Ragusa 1885, Vers 1816). Čarch, pers. Kreis, Rad, felek Himmel, Himmelgewölbe. Ich befragte während meiner Reise wohl zehn Edelleute und türkische Schriftgelehrte, was č. f. bedeute; sie wussten es nicht. Hauptmann Carl Gröber (weiland), der unter dem Titel ‘Mehmeds Brautfahrt’ (Wien 1890) eine Verdeutschung meines Werkchens veröffentlichte, übersetzte die Zeile (S. 106) kühnlich mit: ‘Mit den Händen brechen sie die Barrikaden’. Von solch einer übermenschlichen Kraftleistung kann hier gar keine Rede sein. — Die beiden Worte fehlen noch in dem südslav. Wörterbuch. — Dass unter čarak das Schloss an der Büchse zu verstehen ist, lehren Stellen bei Vrčević (Nar. prip. i presude, S. 211 und 285): napinji ja njegovoj pušci čarak a on mojoj. Ne znam ni sam, kako mi se omače vuk z gornjega zuba te puška upali. In der Anm. erklärt Vrčević: gornja strana ot čarka, gje je krem ot puške, koji stoji nat prašnikom te se napinje i spuštava. Er hat demnach ein Steinschlossgewehr vor Augen, das ist aber in unserem Liede nicht gemeint. Näher bringt uns zur Auffindung der wahren Bedeutung eine Stelle in den bulgar. Liedern der Sammlung des Kačanovskij (S. 502, Nr. 200, V. 210): go bie s mahmuz čarklija. K. erklärt č.: ‘kolka v šporah’. Also sind die kreisrunden Sporen, mit denen der Reiter sein Ross in die Weichen sticht. Die Rundung weist auf eine Feder hin, also auf das Radschloss, das deutsche Schloss, eine Nürnberger Erfindung aus dem J. 1515 oder 1517. Gute Abbildungen sind allgemein zugänglich durch Pierers und Meyers bekannte Konversationlexika (unter den Schlagworten). Die Zündung war beim Radschloss sicherer als bei den anderen Büchsen damaliger Zeit, aber das Schloss komplizierter, bei Verlust des Schlüssels war die Waffe unbrauchbar, und sie gewann daher nur Eingang bei der Kavallerie und für die 1545 erfundenen Pistolen, mit denen die Pikeniere des zweiten Gliedes in den gevierten Reihen des 16. Jahrh. bewaffnet wurden. Die türkische Reiterei war gewohnt nach Abfeuerung ihrer Büchsen die Säbel zu ergreifen und damit dem Feinde entgegenzustürmen. Im Handgemenge wären ihnen die schweren Büchsen hinderlich gewesen, darum warfen sie sie nach Abfeuerung des Schusses weg, doch nicht, ohne vorher die Feder des Radschlosses mit einem festen Handgriff zu zerbrechen und dadurch die Waffe unbrauchbar bis zur Wiederherstellung der Feder zu machen.
V. 674. Unter den eintönigen Rufen Allah! Allah! rücken auch jetzt die Türken in den Kampf vor. Die übliche, stereotype Anfeuerung der Moslimen zum Sturm lautet:
| juriš braćo, moja družbo draga! | Auf! Brüder, stürmt, o meine teuere Rottschaft! |
| dženetu se otvoriše vrata. | Aufschliessen sich des Paradieses Pforten. |
| Blago onom svakome junaku, | Jewedem Helden Heil und Preis zu Teil, |
| koj pogine danas na mejdanu! | der heut sein Leben auf der Wahlstatt lässt! |
| Poljeteše nis polje hurije, | Dahin die Huris übers Schlachtfeld fliegen, |
| one lete jagmiti šehite! | dahin sie fliegen, Leichen aufzufangen! |
V. 690. ‘Es blitzt, es giesst, und Blut wird vergossen’. ‘Es giesst’, was denn?! Es ist sinnlos, wenn auch die Zeile stereotyp geworden ist. Der Assonanz zu Liebe erlaubt sich der Guslar dergleichen. Korrekt muss die Zeile lauten: grmi, sjèva etc. ‘es donnert, es blitzt’, wie sie sich z. B. im Uzdarje S. 85, V. 211 erhalten hat.
V. 754. Die Vila ist natürlich die Wahlschwester des grossen Helden Köprülü, die ihn sorgsam vor einem übereilten dummen Streiche warnen muss.
V. 778. Zu povrvlji setzte Kopernicki ein Fragezeichen. Mit Unrecht. Ein einzelner Mann kann freilich nicht dahergewimmelt kommen, doch der Guslar sieht den Köprülü im Gewimmel vom Gefolge dahereilen. Er erblickt nur die Hauptperson im wimmelnden Gedränge, für ihn »wimmelt« also der eine daher.
V. 849 ff. Dank- und Ersatzopfer für das glückliche Gelingen der Unternehmung und die Errettung der von den feindlichen Kugeln und Hieben verschont gebliebenen Helden. Wegen der Menge des verfügbaren Stoffes muss ich hier von einer Darlegung der moslimischen Opfergebräuche zu Kriegzeiten Abstand nehmen.
V. 868. Nuširvan; Chósroës Nuširvân (der Gerechte) der Grosse, persischer König aus dem Sassanidengeschlechte, regierte 531–579, führte Kriege gegen Byzanz seit 540 und dehnte in einem in Kolchis 549–561 geführten Kriege seine Herrschaft bis ans schwarze Meer aus. Sultan Ibrahim zeigte den Vezieren und Beglerbegen die erbeutete ungarische Krone als die Nuširvâns vor. Suleiman I. stellte sie gleichfalls so aus, übergab sie Peter Pereny und sandte sie an Zapolja ab. Nach der Meinung osmanischer Geschichtschreiber und Diplomaten vererbt sich diese Sassanidenkrone in der römischen Kaiserlinie. (Vrgl. Hammer VIII. 320). Selbst der Guslar weiss von dieser Mähr zu singen und zu sagen.
V. 894. timarli berat, Verleihungdiplome für Reiter, f. Lehengüter. Die Pašen konnten Lehen weder vergeben noch einem eines entziehen. Dies behielt sich die Pforte vor. (Vrgl. Hammer, III. 476, XI. 29 und Salomon an mehreren Stellen).