V. 320–330. Anfang Dezembers 1885 ersuchte mich mein seither verstorbene Freund, unser grosse Fachgenosse Isidor Kopernicki in Krakau um Zusendung einiger schöner Guslarenlieder zur Lektüre für die Weihnachttage. Mit herzlichem Vergnügen willfahrte ich dem Wunsche und stach 40 oder 50 der schönsten Stücke aus meiner Sammlung für ihn heraus. Nach sechs Wochen bekam ich wieder meine Manuskripte mit einem Brief zurück, den ich nicht veröffentlichen mag, weil er neben den Ausdrücken des Entzückens über die Lieder meine folkloristische Sammlertätigkeit ausserordentlich herausstreicht. Auf eigenen Listen merkte Kopernicki an, was ihm an Worten und Sachen unverständlich war und was ich ihm oder bei Herausgabe der Texte allen Lesern erklären soll. Zum Überfluss versah er die Lieder noch mit Randbemerkungen, die vorzugweise seiner Bewunderung über die Schönheit einzelner Partien Ausdruck verleihen. So z. B. bemerkte er zu dieser Stelle: Arcydzielo! nigdzie podobnego obrazu wojennego nie spotkałem (Ein Meisterwerk! nirgends stiess ich noch auf ein ähnliches kriegerisches Bild). Bei unserem Halil Marić ist dies Bild ein Klischee, und es findet sich auch sonst, wenn auch minder voll bei anderen moslimischen Guslaren. Vielleicht steckt darin ein orientalischer Einschlag. Es ist darum nicht auffällig, dass eine ähnliche Schilderung auch in einem moslimisch malayischen Volkepos vorkommt. Das Beispiel bei R. Brandstetter, Charakterisierung der Epik der Malayen, Luzern 1891. S. 35:
| Baginda bertitah pada segala manteri | Der König sprach zu den Grossen des Hofs: |
| hendaq-lah berlańkap kira-nja diri | »Es sei alles bereit, vergesst mir nichts — |
| himpunkan rajah gadjah dan kuda | Elefanten und Rosse, die tapfern Mannen!« |
| bintań pun belom padam tjahaja-nja | Der Sterne Glanz war noch nicht erloschen, |
| goń peńaruh pula akan dipalu-nja | Da wurden wieder geschlagen die Gong; |
| bertalu-talu kunun bunji-nja | Sie erklangen laut im Wechselton, |
| bańun-lah raja deńan suka-nja | Die Mannen erhoben sich frohen Mutes. |
| meńenakan ketopoń gilań-gemilań | Sie setzten sich auf die schimmernden Helme; |
| shamshir terhunus sinar tjermelań | Sie hielten entblösst die blinkenden Schwerter; |
| meńirińkan baginda radja didjulań | So umritten sie ihren hohen Gebieter. |
| tuńgul pandji-pandji berdjalan dehulu | Die Fahnen flatterten an der Spitze, |
| masiń-masiń deńan peńhulu | Es trug sie die Hand der tapfern Führer, |
| tumbah dan perisei bertimbalan | Lanzen und Schilde wurden geschwungen, |
| rupa-nja saperti kota berdjalan | Es war wie eine wandelnde Veste; |
| hampir-lah suram tjahaja-nja bulan | Sie verdunkelten fast den Glanz des Mondes; |
| gegap gempita tijada terperi | Es lärmte, es toste, wer will’s beschreiben! |
| berdjalan-lah lalu ka-luwar nageri | So zogen sie aus durch die Tore der Stadt. |
V. 354 f. Mitteleuropäische Truppen können den Weg von Sarajevo bis Temesvar mit Eilmärschen in 8 bis in 11 Tagen zurücklegen, und dazu noch zu Fuss. Das unsterblich gewordene Heldenheer der Griechen von Larissa und Pharsalus hätte in bewährten Rückzugmärschen wahrscheinlich nur vier Tage dazu benötigt. Die abendländischen Zeitungschreiber und Politiker wundern sich nicht wenig, dass die Türken die Verfolgung der flüchtenden Griechen nicht betrieben und ihre leichten Siege nicht ausnützten. Die Erklärung hierfür bietet der türkische Arméebrauch dar. Die Märsche der Türken sind und waren im allgemeinen nicht gross, ein Umstand, den die Stärke ihrer Heere, besonders aber der unendliche Tross und das endlose Gepäck genugsam erläutern. In grösserer Entfernung vom Feinde marschierten die Türken in mehreren Staffeln nach Bequemlichkeit, in der Nähe des Feindes aber gedrängt mit einer starken Avantgarde, über die hinaus noch die Tataren und Bošnjaken — im Kriege gegen die Griechen unserer Tage, die Albanesen — vorgingen. — Darum jammert Fähnrich Ibro hier über die 77 Tagereisen, oder, wie man bei uns sagt, über den Weg, der eine halbe Ewigkeit dauert.
V. 368. Odobaša, Hauptmann. Vrgl. Hammer III. 394, V. 469, VII. 351, VIII. 67.
V. 379. ćehra ist die schimpfliche »Dalke« über den Schädel, dass dem Empfänger die Kopfbedeckung herabfliegt. Eine ordentliche ‘Watschen’ über die Wange heisst dem Türken sille; šamar ist die Flasche übers ganze Gesicht, latmet und tokat die gewöhnliche Ohrfeige. Eine Ohrfeige entehrt den Mann und er muss sie durch Tötung des Beschimpfers rächen.
V. 376–415. Dazu bemerkt Kopernicki am Rande: Śliczna pieśú wojenna! Nieznana w calej literaturze ludowej serbskiej! — (Ein wunderbar schönes Krieglied! Unerhört in der gesamten serbischen Volkliteratur!) Bis einmal meine Sammlung von 300 Epen vorliegt, wird man sich überzeugen, dass ähnliche und noch schwungvollere Episoden bei den moslimischen Guslaren nur zu deren poetischem Kleingeld gehören. — Wer nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hat, kann leicht singen, selbst in schlimmer Lage: cantabit vacuus coram latrone viator. Das Lied klingt wahrhaftig wundersam anheimelnd, wie in der Stille der Nacht aus Džungeln das Gebrüll beutewitternder Panther. Die Begeisterung für fremdes Eigentum (der Chrowotismus) ist mir unter allen Umständen ein Greuel.
V. 397. Kazam mata kaurskoga posta! Da liegt einer der schnurrigsten Deutungfehler vor, die mir je untergekommen. Der Magyare pflegt bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit sein baszsam atta anzubringen, das dem französischen je foudre und dem serbischen jebem ti wörtlich entspricht. Der slavische Moslim, der gewohnt ist, ebenso schnell zu schwören, ‘dina mi i anama’ (beim Gesetz und Glauben!) oder ‘posta mi ramazana!’ (bei meinem Fasten Ramazân) missdeutete die magyarische lästerliche Redensart und hielt sie für das grosse Fasten der Ungläubigen, bei dessen Heiligkeit sie schwören.
V. 499 f. Die Bošnjaken lagerten vor dem Heere als äusserster Posten als »verlorene Schar«.
V. 512 f. Džanum gehört nicht dem Generalstabe an und sitzt darum nicht im Kriegrate.
V. 611. Džanun kein Druckfehler. Der Guslar gebraucht rein willkürlich die verschiedenen Formen desselben Namens.