Zu V. 707 ff. Das seltsame Mädchen ist als die Sreća, d. h. fortuna Köprülüs aufzufassen. Vergl. meine Studie, Sreća. Glück und Schicksal im Volkglauben der Südslaven, Wien, 1887.

Zu V. 821. Zwei Köprülü waren Veziere (Vali) zu Bosnien: Köprülüzade Numan, der Sohn des Grossveziers 1126 (1714) und Köprülüzade Hadži Mehmed 1161 (1748); zum zweitenmal derselbe 1179 (1765). Der erste Köprülü war natürlich nie bosnischer Gouverneur, nur der Guslar erhebt ihn zu dieser nach seinen bäuerlichen Begriffen ausserordentlichen Ehren- und Würdenstellung.

Die Russen vor Wien.

Die Belagerung von Wien durch die Türken im Jahre 1683 hat auch die serbischen und bulgarischen Dichter im Volke, die ihre Lieder mit Gefiedel auf Guslen begleiten, zur dichterischen Schilderung des weltgeschichtlichen Ereignisses begeistert. Die älteren gedruckten Sammlungen Guslarenlieder bieten so manches Stück dar, das jene Niederlage der Türken vor Wien bald kürzer bald ausführlicher, mehr oder minder in treuer Anlehnung an den tatsächlichen Verlauf des grossen Geschehnisses darstellt. Eine eigentlich dichterische Auffassung der Tragweite des für das gesamte Abendland unendlich bedeutsamen und folgenreichen Sieges des Christentums über den Halbmond fehlt den Guslaren und den Liedern. Selbst der nach volktümlicher Weise dichtende dalmatische Franziskaner Andrija Kačić Miošić ist in seiner Besingung (im Jahre 1756) des grossen Völkerkampfes im Grunde genommen aus seiner Schablone des versifizierten prosaischen Berichtes nicht herausgetreten. Der Sieg der vereinigten christlichen Mächte hat eben beim Südslaven mehr den Verstand als das Herz und das Gemüt, diese wahren Quellen der Begeisterung, ergriffen. Der Südslave, namentlich der christliche Serbe in Bosnien, im Herzogland und weiter südlich, war in diesem entscheidenden Kampfe zwischen Orient und Okzident mehr ein müssiger Zuschauer gewesen, dem der Sieg nicht unmittelbar zu Trost und Schutz verholfen. Der moslimische Guslar aber schweigt über diesen Kriegzug der Türken. Sollte er etwa die Erinnerung an die furchtbare Niederschmetterung seiner Glaubengenossen frisch im Gedächtnis der Nachwelt erhalten wollen? Sein Mund verstummte angesichts des über den Sultan »die Sonne des Ostens« hereingebrochenen unheilschwangeren Unsals. Der christliche Guslar in Bosnien und dem Herzögischen musste wieder dagegen bedachtsam seine Schadenfreude vor den Herren des Landes, den Moslimen, verbergen. Das Ereignis wurde immer seltener und seltener besungen, bis die Nachrichten darüber schon nach hundertundfünfzig Jahren in eine märchenhafte Sage ausklangen, die nur noch die Hauptsache, den Entsatz von Wien und die gänzliche Niederwerfung der Türkenherrschaft im Ungarlande festhält, fast alles Beiwerk aber der Dichtung entnimmt. Die geschichtliche Wahrheit tritt zurück, überwuchert vom üppig aufgeschossenen Lianengeranke ungebundener Phantasie.

Von dieser Art ist unser Guslarenlied.

Man erfährt daraus an geschichtlichen Tatsachen bloss, dass einmal die Stadt Wien an der Donau von einer gewaltigen Türkenmacht belagert und fast eingenommen worden sei und dass sich der ‘Kaiser von Wien’, sein Name wird nicht genannt, durch auswärtige Hilfe, einem aus Norden kommenden Heere, aus der Not befreit hat und dass die Türken eine gründliche Niederlage erfahren. Vom Grafen Rüdiger von Starhemberg, vom Polenkönig Johann Sobieski, vom Herzog Karl von Lothringen, vom Fürsten von Waldeck und den Kurfürsten von Bayern und Sachsen, die alle am Befreiungkampfe rühmlichst Anteil genommen, von allen diesen weiss der Guslar nichts. Dafür erzählt er uns ein Märchen, das in einzelnen Zügen eine auffällige Verwandtschaft mit der Fabel des Liedes vom Ende König Bonapartes[1] aufweist.

Gleich dem ‘König Alexius-Nikolaus’ von Russland in jenem Liede, verlegt sich in diesem der ‘Wiener Kaiser’, voll Ergebung in die Schicksalfügung, aufs Weinen. Dem einen wie dem anderen muss der Eidam Hilfe bringen. Des Russenkönigs Eidam ist der Tataren Chan, der seine 100 000 Mann gegen Bonaparte stellt, des Wiener Kaisers Schwiegersohn ist der greise Vater des Russenkaisers Michael, Johannes Moskauer (Mojsković Jovan), der mit 948 000 Mann zum Entsatz Wiens heranrückt. Davon sind, genau betrachtet, nur 900 000 Mann Russen, der Rest Hilftruppen sagenhafter Lehenfürsten oder Bundgenossen, der ‘schwarzen Königin’ (einer der serbischen Sagenwelt auch sonst vertrauten Gestalt), des Königs Lender (vielleicht steckt dahinter ursprünglich der Name Lorraine?) und des Königs Španjur, des Spaniers. Trotz dieser ungeheueren Heermacht vermag ‘Kaiser Michael’ ebensowenig als ‘König Nikolaus’ gegen den Feind etwas auszurichten. Beidemal hilft zum Siege das gleiche himmlische Wunder, ein strömender Regen. König Bonapartes Heer vor Petersburg gerät bis zum Hals in Wasser und erfriert stehenden Fusses, dem türkischen Heere vor Wien verdirbt im Regen alle Munition. Es geschieht aber noch ein grösseres Wunder, dasselbe, das auch die Erscheinung in Macbeth Akt IV, Sz. I, anzeigt:

»Macbeth geht nicht unter, bis der Wald

von Birnam zu Dunsinans Höhen wallt