»Acht Tage, nachdem Köprülü das Reichsiegel erhalten, Freitag den 22. September 1656, versammelten sich in der Moschee S. Mohammeds die fanatischen Anhänger Kasisades, die strengen Orthodoxen, welche unter dem alten Köprülü, den sie für einen ohnmächtigen Greis hielten, ihrer Verfolgungwut wider die Soffi und Derwische, Walzer- und Flötenspieler, um so freieren Lauf zu geben hofften. Sie beratschlagten in der Moschee und fassten den Entschluss, alle Klöster der Derwische mit fliegenden Haaren und kronenförmigen Kopfbinden von Grund aus zu zerstören, sie zur Erneuerung des Glaubenbekenntnisses zu zwingen, die sich dess weigerten zu töten usw. In der Nacht war die ganze Stadt in Bewegung; die Studenten der verschiedenen Kollegien, welchen orthodoxe Rektoren und Professoren vorstanden, bewaffneten sich mit Prügeln und Messern und fingen schon an die Gegner zu bedrohen. Sobald der Grossvezier hiervon Kunde erhalten, sandte er an die Prediger Scheiche, welche die Anstifter der Unruhen zur Ruhe bewegen sollten; da aber dies nicht fruchtete, erstattete er Vortrag an den Sultan über die Notwendigkeit ihrer Vernichtung. Die sogleich dem Vortrag gemässe allerhöchste Entschliessung des Todurteils wurde von Köprülü in Verbannung gemildert.«

Zu V. 371. »Der alte Achmedaga.« — In der türkischen Geschichte heisst er Achmedpascha Heberpascha, d. h. der in tausend Stücke Zerrissene (Hammer, III, S. 930). Nach Hammer, Bd. III, S. 930, fiel tatsächlich ein Grossvezier des Namens Achmedpascha durch Henkerhand am Vorabende der Thronstürzung Sultan Ibrahîms. Es war am Abend des 7. August 1648. Kaum hatte der abgesetzte Grossvezier Achmedpascha einzuschlafen versucht, als er mit der Botschaft geweckt ward, er möge sich aufmachen, die aufrührerischen Truppen verlangten ihn und er, der Grossvezier möge als Mittler versöhnend dazwischen treten. Als er die Stiege hinuntergekommen, griff ihm jemand unter die Arme. Er sah sich um, wer es sei und sah vor sich Kara Ali, den Henker, den er so oft gebraucht. »Ei, ungläubiger Hurensohn!« redete er ihn an. »Ei, gnädiger Herr!« erwiderte der Henker, ihm lächelnd die Brust küssend; unter die Linke Achmedpaschas griff Hamal Ali, des Henkers Gehilfe. Sie führten ihn zum Stadttor, dort zog der Henker seine rote Haube vom Kopfe und steckte sie in seinen Gürtel, nahm Achmedpascha seinen Kopfbund ab, warf ihm den Strick um den Hals und zog ihn mit seinem Gehilfen zusammen, ohne dass der Unglückliche etwas anderes als: »Ei, du Hurensohn!« vorbringen konnte. Der ausgezogene Leichnam wurde auf ein Pferd geladen und auf des neuen Grossveziers Sofi Mohammed Befehl hin auf den Hippodrom geworfen.

Zu V. 392. »Kreuze und Marien.« — Kreuzchen und Marienmedaillen, wie Christen solche zu jener Zeit im Haare trugen. Eine anschauliche Beschreibung gibt uns eine Stelle in einem noch ungedruckten Guslarenliede meiner Sammlung. Halil, der Falke, ist entschlossen, an einem Wettrennen im christlichen Gebiete teilzunehmen, um den ausgesetzten Preis, ein Mädchen von gefeierter Schönheit, davonzutragen. Seine Schwägerin, Mustapha Hasenschartes Gemahlin, hilft ihm bei der Verkleidung zu einem christlichen Ritter, wie folgt:

ondar mu je sa glave fesić oborila Vom Haupte sie warf ihm das Fezlein herab
i rasturi mu turu ot perčina und löste den Bund des Zopfes ihm auf
i prepati češalj od fildiša und griff nach dem Kamm aus Elfenbein
te mu raščešlja turu ot perčina und kämmte den Bund des Zopfes ihm auf
a oplete sedam pletenica und flocht ihm in sieben Flechten das Haar
a uplete mu sedam medunjica und flocht ihm sieben Medaillen hinein
a uplete mu križe i maiže Und flocht ihm Kreuze hinein und Marien
a uplete mu krste četvrtake und flocht ihm hinein quadratige Kreuze
a šavku mu podiže na glavu und stülpte den Helm ihm auf das Haupt,
a pokovata grošom i tal’jerom der beschlagen mit Groschen und Talerstücken,
a potkićena zolotom bijelom. der geschmückt mit weissen Münzen war.

So wie hier Halil als Christ auftritt, so ist der als Moslim verkappte Christ eine stehende Figur des Guslarenliedes. Christ und Moslim sind in der angenommenen Rolle einander wert und würdig. — In der von der chrowotischen Akademie in Agram herausgegebenen ‘Religion der Chrowoten und Serben’ figurieren die edlen Raubmörder Gebrüder Mustapha und Alil als Minos und Rhadamanthys der Urchrowoten. Wie glücklich sind doch diese unsterblichen Akademiker des Chrowotenvölkleins zu preisen, die in Zeiten naturwissenschaftlicher Forschungen und gewaltigster technischer Fortschritte keine anderen Sorgen haben als unerhörte Götter zu erfinden und eine neue Religion zu stiften!

Zu V. 477. Ljubović, der berühmteste moslimische Held des Herzogtums, eine stehende Figur der Guslarenlieder beider Konfessionen. Mustapha Hasenscharte schreibt einmal ein Aufgebot aus. Der Brief zu Händen des Freundes Šarić:

O turčine Šarić Mahmudaga! O [Bruder] Türke Šarić Mahmudaga!
Eto tebi knjige našarane! Da kommt zu dir ein Schreiben zierlich fein!
Pokupi mi od Mostara turke, Von Mostar biet mir auf die Türkenmannen,
ne ostavi bega Ljubovića lass nicht zurück den Beg, den Ljubović,
sa široka polja Nevesinja, vom weitgestreckten Nevesinjgefilde;
jer brež njega vojevanja nejma. denn ohne seiner gibt es keinen Feldzug.

Als Jüngling meldete sich Beg Ljubović einmal bei Sil Osmanbeg, dem Pascha von Essegg, als freiwilliger Kundschafter, um durchs feindliche Belagerungheer durchzudringen und dem Pascha von Ofen Nachricht von der Bedrängnis der Stadt Essegg zu überbringen. Sil Osmanbeg umarmt und küsst ihn und schlägt ihm mit der flachen Hand auf die Schulter:

Haj aferim beže Ljuboviću! Hei traun, fürwahr, mein Beg, du Ljubović!
vuk od vuka, hajduk od hajduka Vom Wolf ein Wolf, vom Räuber stammt ein Räuber,
a vazda je soko ot sokola; doch stets entspross ein Falke nur dem Falken;
vazda su se sokolovi legli und immer fand sich vor die Falkenbrut
u odžaku bega Ljubovića! am heimischen Herd der Begen Ljubović!

Zu V. 678. Die Schilderung naturgetreu. Auf meinen Reisen zog ich es mitunter vor, in eine Rossdecke eingehüllt unterm freien Himmel selbst zu Winterzeit zu übernachten, als im Schmutz und Ungeziefer und Gestank einer bosnischen Bauernhütte. Auch meine Aufzeichnungen machte ich meist im Freien im Hofraume oder an der Strasse sitzend. Ich fragte den Bauer Mujo Šeferović aus Šepak, einen recht tüchtigen Guslaren, ob er wohl ein eigenes Heim besitze. Darauf er: imam nešto malo kuće, krovnjak (ich besitze ein klein Stückchen Haus, eine Bedachung). Neugierig, wie ich schon bin, ging ich zu ihm ins Gebirge hinauf, um mir seine Behausung anzuschauen, eigentlich in der Hoffnung, bei ihm meinen Hunger zu stillen. Ein hohes, mit verfaultem Stroh bedecktes Dach, und statt der Wände aus Stein oder Ziegeln ein mit Lehm beschmiertes Reisergeflechte! Brot und Fleisch fehlte im lieblichen Heime. Durch meinen Besuch fühlte er sich und seine Familie aufs äusserste geehrt und geschmeichelt. Die Hausfrau, die nicht zum Vorschein kam, sandte mir mit ihrem Söhnchen einen Bohnenkäse und eingesäuerte Paprika heraus. Als Getränk Kaffeeabsud und Honigwasser.