10die Arme bis zur Schulter ihnen blutig,

die Schwerter bis zum Griffe blutgebadet;

doch sanken schon ermattet ihre Hände

die Türken auf den Leiten niedermetzelnd.

Kaiserin Milicas Traum war doch in Erfüllung gegangen. Nachstehendes Lied, das ich am 8. Januar 1885 zu Mačkovac in Bosnien nach der Rezitation des Guslaren Gjoko Popović, eines eingewanderten Montenegrers, aufgezeichnet, schildert die Schlussszene der Tragödie. Ein Dichter, ein wahrhaft begnadeter Mensch, hat diese tiefergreifende Episode ausgedacht zur Verklärung unendlichen Mutterstolzes und rätselhafter Mutterliebe. Die Mutter findet ihre Söhne tot auf dem Leichenfelde, und ohne Klagen kehrt sie heim, um ihre Schwiegertöchter und Enkel nicht mit der Trauerbotschaft in Jammer zu versetzen. Ihren eigenen Schmerz ringt sie nieder. Erst als sie die rechte Hand ihres jüngsten Sohnes mit dem Trauring am Finger auf dem Schosse hält, macht sich ihr Schmerz in Worten Luft.

Boga moli Jugovića majka, Der Jugovićen Mutter fleht zu Gott,
da joj Bog da oči sokolove es mög ihr Falkenaugen Gott verleihen
i bijela krila labudova, und weisse Schwanenfittiche gewähren,
da otide na Kosovo ravno auf dass sie auf die ebnen Leiten ziehe
5 i da vidi devet Jugovića. und dort erschau neun Brüder Jugović.
Što molila Boga domolila. Um was zu Gott sie flehte, sie erfleht’ es.
Bog joj dade oči sokolove Es tat ihr Falkenaugen Gott verleihen
i bijela krila labudova; und weisse Schwanenfittiche gewähren;
ona ide na Kosovo ravno. sie zog dahin aufs ebne Leitengeben.
10 Mrtvih nagje devet Jugovića Neun tote Jugovićen fand sie vor,
i više njih devet bojnih kopja, neun Schlachtenspeere ober ihren Häupten,
za kopljima devet dobrih konja, neun gute Rosse hinter all den Speeren,
na kopljima devet sokolova neun Falken auf den Speeren oben sitzend,
i više njih devet ljutih lava. neun Löwen grimmig ober ihnen noch.
15 Tad zanjišta devet dobrih konja Neun gute Rosse huben an zu wiehern,
i zaklika devet sokolova neun Falken stiessen wilde Rufe aus,
i zalaja devet ljutih lava. neun Löwen grimmig fingen an zu bellen.
I tu majka tvrda srca bila, Auch da verharrt der Mutter Herze hart,
da ot srca suze ne pustila; dass ihr vom Herzen keine Zähre kam;
20 već uzima devet dobrih konja sie nahm mit sich neun gute Rosse mit
i uzima devet sokolova und nahm mit sich neun Falkenvögel mit
i uzima devet ljutih lava und nahm mit sich neun Löwen grimmig mit
pa ih vodi svome bjelu dvoru. und holt sie heim zu ihrem weissen Hofe.
Daleko je snaje ugledale Von weitem schon erschauten sie die Schnuren
25 a dilje su prid nju išetale. und eilten zum Empfang ihr weit entgegen.
Zakukalo devet udovica, Neun Witwen schrieen: ‘Weh zu leidigen Tagen!’
zaplakalo devet sirotica. neun Waisenkindlein weinten Jammerklagen.
I tu majka tvrda srca bila, Auch da verharrt der Mutter Herze hart,
da ot srca suze ne pustila. dass ihr vom Herzen keine Zähre kam.
30 Kad je bilo noći u ponoći Als Nacht es ward um Mitternacht herum,
tad zavrišta Damjanov zelenko. schrie wehvoll auf der Apfelschimmel Damjans.
Viče majka ljubu Damjanovu: Die Mutter ruft des Damjans Ehelieb:
— Snavo moja ljubo Damjanova, — O meine Schnur, o Damjans Eheliebste,
što nam vrišti Damjanov zelenko? was schreit so leidig Damjans Apfelschimmel?
35 Il je gladan šenice bjelice quält Hunger ihn nach weisser Weizenfrucht?
il je žedan vode sa Zvečana? leicht lechzt er durstig nach dem Zvečanquell?
Progovara ljuba Damjanova: Zur Antwort gibt des Damjans Eheliebste:
— Svekrvice majka Damjanova! — Lieb Schwiegermütterlein, du Mutter Damjans!
nit je gladan šenice bjelice, es quält kein Hunger ihn nach weissem Weizen,
40 nit je žedan vode sa Zvečana, er lechzt nicht durstig nach dem Zvečanquell,
već je njega Damjan naučio vielmehr, es hatt’ ihn Damjan angewöhnt
do po noći sitnu zob zobati, bis Mitternacht an feine Haferatzung,
ot po noći na drum putovati. von Mitternacht zu reisen auf der Strasse.
Kad u jutro jutro osvanulo, Als morgens früh der Morgen angekommen,
45 osvanulo i sunce granulo, gekommen und der Sonne Licht erglommen,
ali lete dva vrana gavrana, zwei schwarze Raben kamen hergeflogen,
krvava im krila do ramena, die Flügel bis zum Leibe blutgerötet
na kljunove bjela pjena trgla; und ihren Schnäbeln weisser Schaum entquoll;
oni nose ruku od junaka, sie trugen eines Helden Hand daher,
50 na ruci je burma pozlaćena, ein Trauungring vergoldet an der Hand;
bacaju je u krioce majci. sie warfen sie der Mutter in den Schoss.
Uze majka ruku od junaka Des Helden Hand die Mutter nahm entgegen
pa dozivlje ljubu Damjanovu: und rief herbei des Damjans Ehelieb;
— Snaho moja ljubo Damjanova! — O meine Schnur, o Damjans Ehelieb!
55 bi l poznala čija j ovo ruka? wess Hand dies ist, vermöchtest du’s zu sagen?
Al govori ljuba Damjanova: Doch spricht zu ihr des Damjans Ehelieb:
— Svekrvice majko Damjanova! — O Schwiegermütterlein, o Mutter Damjans!
ovo ruka našega Damjana, die Hand dahier gehört ja unserm Damjan,
jer ja ruku po burmi poznajem, denn ich erkenn am Trauungring die Hand,
60 sa mnom burma na vjenčanju bila. der Trauring war mit mir bei meiner Trauung.
Uze majka ruku Damjanovu Des Damjans Hand die Mutter wieder nahm
pa je ruci tijo beśjedila: und führte leise Rede mit der Hand:
— Ruko moja zelena jabuko! — O meine Hand, o du mein grüner Apfel!
Gdi si rasla, gdi si ustrgnuta? wo wuchsest du? wo hat man dich gepflückt?
65 Ti si rasla na kriocu mome, Du bist auf meinem weichen Schoss gewachsen,
ustrgnuta na polju Kosovu! man hat gepflückt dich auf dem Leitenfeld!

Anmerkungen.

Siebenzig oder fünfundsiebzig Jahre vor mir zeichnete Vuk St. Karadžić das Liede in einer Variante in Chrowotien auf. (In der offiz. Ausg. Nr. 48. S. 310 B. 12). Bei ihm zählt das Stück 85 Verse und führt den Titel: Der Tod der Mutter Jugović. Es ist merkwürdig, doch nicht auffällig für Volkforscher, dass diesmal die von mir um so viel Jahrzehnte später aufgezeichnete Fassung ursprünglicher und vollendeter ist als die ältere Niederschrift. Das Lied ist unzweifelhaft durch einen serbischen Auswanderer nach Chrowotien gebracht worden. Die Zusätze verraten den Stümper. Die ersten vier Verse, die für einen serbischen Bauer von Überfluss sind, setzte er vor zur Einführung für den chrowotischen Hörer. Sie lauten: Du lieber Gott, welch mächtig grosses Wunder! — Als sich auf Leiten tät das Heer versammeln, — befanden sich im Heer neun Jugović — als zehnter noch der greise Jug Bogdan. Nach V. 5 hat Vuk: Als zehnten noch den greisen Jug Bogdan. (Ich halte die Zählung unserer Fassung bei.) V. 9. Bei Vuk: ona leti (sie fliegt). Nach V. 10: und als zehnten usw. V. 12, 13: na kopljima — oko koplja — a porednji. V. 16 zaklikta. V. 23 (bei Vuk V. 30) pak se vrati svome. V. 25 (32): malo bliže. Nach V. 27 (34) bei Vuk wiederholt V. 15–17. V. 31: al zavr. V. 32: pita m. Nach V. 43 (53): pak on žali svoga gospodara — što ga nije na sebi donijo (und nun er klagt um seinen Herrn Gebieter — weil er ihn nicht auf sich nach heim gebracht). Darauf wieder V. 18–19. V. 44. — danak osvanuo. V. 45 fehlt. V. 52 (65): Jugovića majka. Nach 52 (V. 66): okretala, prevrtala s njome (sie drehte sie her und drehte sie hin). V. 56 (70): progovara. Nach 61 (75) wieder der V. 66 der Fassung Vuks: okretala usw. Der Schluss V. 82–85 ist eine dem Liede aufgepfropfte Geschmacklosigkeit, die ihresgleichen sucht: Es blähte sich auf die Mutter der Jugović, — sie blähte sich auf und zerplatzte — [aus Gram] nach ihren neun Jugović und dem zehnten den greisen Jug Bogdan.