V. 2–5 und 6–8 stereotype Einleitungformeln bei Verwandlungen eines Menschen in einen Vogel. Auch der neugriechischen Volkpoesie nicht fremd. V. 14: Der Guslar hat keine Ahnung, wie Löwen ausschauen. Er vermutet, dass sie eine Unterart von Jagdfalken wären. V. 46: Raben als Unglückboten. V. 48: Der weisse Schaum vor Anstrengung, die ihm das Fortschaffen der schweren Hand verursacht. V. 50: Ein vergoldeter Silberring, wie ihn Bäuerinnen tragen. Ein glatter Trauring. V. 63: Der grüne Apfel, nicht ausgereifte Frucht, getäuschte Hoffnung; eine beliebte Wendung im Sprachschatz der Guslaren.
Die Neunzahl von Brüdern und die zehnte, die Schwester, spuken öfters in den Sagen der Südslaven. So erzählt z. B. ein Guslarenlied vom Prinzen Marko, der als Held auch ein Don Juan gewesen, er habe sich gerühmt, dass er auch die einzige Schwester der neun Brüder zu Fall bringen werde. Die Brüder erbauen einen festen Turm für die Schwester. Sie erkrankt und Marko schwindelt in der Verkleidung eines Arztes der alten Mutter den Turmschlüssel ab. Darauf hatte das Fräulein nur gepasst. Nach vollbrachter Arbeit zieht Marko seine Heldentat besingend durchs Land. (Das Stück im Vienac uzdarja narodnoga O. A. Kačić-Miošiću. Zara 1861. S. 9.) In der serbischen Fassung der Lenorensage macht das Frauenzimmer den unheimlichen Ritt zu ihren neun Brüdern (siehe oben S. 120–122). Neun spielt eine Rolle beim Abzählen nach rückwärts; zu Zauber braucht man neunerlei Kräuter und soviel verschiedene Quellwässer. Zu vergleichen ist A. Kaegi: Die Neunzahl bei den Ostariern, Zürich 1891. (Vergl. E. Monseur im Bulletin de Folk-Lore 1892, S. 259 f.).
[1] Bei Vuk Stef. Karadžić: Srpske narodne pjesme. Offiz. Ausg. Belgrad 1887. S. 316 (im Fragment).
[2] Bei V. Bogišić: Narodne pjesme iz starijih najviše primorskih zapisa. Belgrad 1878. S. 6. V. 100 f.
[3] Bei Vuk St. Karadžić a. a. O. S. 314.
Novak der Heldengreis.
Für »Oberhaupt« oder »Befehlhaber« hat die serbische und bulgarische Sprache das Wort starešina. Es bezeichnet einen Alten oder im allgemeinen einen älteren Mann von gesetzten Jahren. Ehrfurcht, Achtung, Ehrerbietung dem Alter gegenüber sind anerzogene, aufgezwungene Begriffe. Bei den Südslaven erklären sie sich einfach und klar aus der altüberkommenen Stammorganisation und den geschlechterrechtlichen, gesellschaftlichen Verhältnissen. Es wäre vom Überfluss dies hier des Näheren zu erörtern. Übereilt wäre jedoch die Annahme, dass der Südslave dem Alter an und für sich grosse Verehrung zolle. Nur den Alten ehrt und schätzt man, der als Mann in der besten Lebenskraft seinen Mann gestellt und noch als Greis Achtung verdient. Die Erfahrungen eines langen Daseins erscheinen den Jüngeren als ein wertvoller Besitz, als ein köstlicher Ersatz für dahingeschwundene leibliche Rüstigkeit und Stärke. Wenn nun ausnahmweise trotz der Betagtheit Geist und Leib männliche Frische bewahrt haben, beugt sich der südslavische Bauer vor dem Begnadeten wie vor einem Wunder, wie vor einem auserlesenen Wesen. Solche Greise besingt das Volk und feiert sie noch nach Jahrhunderten.
Brez starca nema udarca, »Ohn Alten gibt es keinen Angriff«, sagt das Sprichwort, das unzweifelhaft mit Hinblick auf greise, in Guslarenliedern verherrlichte Helden entstanden sein dürfte. Es gab solcher Helden oder richtiger, die mythenbildende Volkphantasie schuf sich welche, um einem bestimmten Empfinden und Gefühl der poetischen Eingebung gerecht zu werden. Jug Bogdan, der altehrwürdige Greis, der Schwiegervater des Kaisers Lazar, zieht mit allen seinen neun Söhnen in die Schlacht auf Leitengeben (Kosovo) und findet mit den Seinigen im Schlachtgewühl den Tod. Mehr und anderes weiss das Guslarenlied von ihm nicht zu künden. Von einem anderen alten Herrn, dem Stari Stipurile (der alte Steffel) erzählt ein Lied meiner Sammlung.[1] Stipuriles feste Burg stand irgendwo im dalmatischen Küstengebiet. Einmal traf es sich, dass seine Söhne und Eidame mit ihren Reisigen auf Abenteuer über den Karst ins Türkische ziehen sollten, um Vergeltung zu üben. Ohne den Alten mochten sie nicht aufbrechen. Gerüstet und kampfbereit, wie sie waren, eilten sie in die Weinberge zum Alten und trafen ihn, dem edlen Waidwerk ergeben: