Vilenpfeile.

(Drei Guslarenlieder.)

Eine der wichtigsten Aufgaben ist den Volkforschern durch die historische Kritik ihrer Stoffe geboten. Der einzuschlagende Weg erschliesst sich einem von selber. Bei dem zuweilen unergründlich hohen Alter von Volküberlieferungen, namentlich volkreligiöser Anschauungen, ist die älteste Aufzeichnung einer Überlieferung für uns nicht selten belanglos, weil wir gewohnt sind, unsere Quellen anderswo und tiefer als in zufälligen Niederschriften zu suchen. Wir haben keine ursprüngliche Fassung eines literarischen Machwerkes herzustellen, sondern die einfachsten Umrisse einer Überlieferung, mag sie von welcher Art immer sein, herauszufinden. Dabei kann uns z. B. eine erst gestern vorgemerkte Sage ungleich wichtigeren Aufschluss darbieten, als vielleicht eine Variante derselben Sage in den Veden.

Manche vergleichenden Märchenforscher begnügen sich allzuhäufig mit der mehr gesäss- als geistanstrengenden Arbeit des Zusammentragens von Varianten aus allen Literaturen, und mit der Hervorhebung der abweichenden Züge einer Überlieferung. Man ist darüber so ziemlich ins Klare gekommen, dass die überwiegende Mehrheit der Sagen und Märchen und sehr viele religiöse Grundanschauungen zum gemeinsamen Besitz aller Völker dieser Erde in geschichtlichen Zeiten gehören. Das ist eine höchst schätzbare Erkenntnis, deren Wert wir keinen Augenblick verkennen wollen. Es scheint aber, dass gerade hierin die Forschung am ehesten auf Abwege geraten kann. Es ist an der Zeit, dass die Arbeiter dazu schauen, einer schändlichen Verflachung vorzubeugen. Man muss trachten jede Überlieferung innerhalb der Grenzen eines bestimmten Volkes in allen ihren Fassungen zu ergründen und sie innerhalb des engeren Bezirkes zu erklären. Man wird es so herausbekommen, welche Wandlungen ein und derselbe Stoff bei ein und demselben Volke unterworfen ist. Dadurch lernen wir nebensächliche Zutaten als solche zu erkennen und den wahren Kern einer Überlieferung herauszuschälen.

Ich will dies an einer kleinen Sage darzustellen suchen, die ich in drei Fassungen aufgezeichnet habe. Zuerst gebe ich die schlichteste und durchsichtigste Fassung, mit welcher verglichen sich die Ausschmückungen der beiden anderen desto deutlicher zeigen werden. Alle drei Lieder haben wohl den gleichen Vorwurf, doch ist jedes in der Ausführung so lieblich, dass ich nicht fürchten muss, durch den Abdruck aller drei Texte auch nur den Laien in der Folklore zu langweilen.


Bei grossen körperlichen Anstrengungen in sengend heisser Sonnenglut pflegt sich mitunter bei Menschen und Tieren eine Störung der Gehirntätigkeit einzustellen. Es tritt der Sonnenstich oder Hitzschlag ein, der nicht selten den Tod des Getroffenen zur Folge hat. Auf einem mühseligen Marsche durch wildes Hochgebirge in Sommerzeit ist man der Gefahr des Sonnenstiches sehr leicht ausgesetzt. Das Hochgebirg ist aber nach dem Volkglauben der Aufenthalt der Vilen. Der ursächliche Zusammenhang zwischen Hitzschlag und Vilen ist bald hergestellt. Das Volk sagt: die Vilen sind erzürnt über die unberufene Störung durch einen verwegenen Eindringling in ihr heiliges Wirksamkeitgebiet. Die Vilen bestrafen also den Frevler, indem sie ihn mit ihren Pfeilen erlegen. Dass Vilenpfeile nichts anderes als s. g. Sonnenstiche sind, geht aus der Schilderung des pathologischen Zustandes eines Getroffenen hervor. So erzählt z. B. ein Lied: Vilen erblicken einen Hochzeitzug durchs Gebirge ziehen und neiden der Braut den prächtigen Bräutigam. Spricht eine Vila zu anderen: »Schwesterlein Vila, erlegen wir ihn mit unserem Pfeil!« (ustrilmo ga vilo sele moja!) Der vom Pfeil getroffene Bursche klagt seinen Schmerz dem Ohm im Brautzuge: »Der Kopf fängt mich an zu schmerzen; wenn es bloss im Kopf schmerzte, doch auch mein Herzlein ist ergriffen!« (bora tebi moj ujače Janko, moja j mene zabolila glava, da bi glava nego i srdašce!) Darauf rät ihm der Ohm: »bind dir ein färbiges Tüchel um den Kopf!« (veži glavu va šaru maramu!), doch half es ihm nichts. Als er heim kam, legte er sich zu Bett und verstarb.

Da das Volk weit davon entfernt ist, die wahre Art der Erkrankung durch Sonnenstich zu erkennen, gebraucht es auch keine gesundheitlich entsprechende Gegenmittel, sondern sucht in Zaubereien vorbeugenden Schutz. Gegen Vilenpfeile kann einen z. B. schon in der Kindheit die eigene Mutter feien, indem sie nie mit Steppzwirn und mit Fäden, die vom Zettel übrig geblieben, dem Sohne ein Kleidungstück näht, an der hl. Paraskewe nie Weberarbeiten verrichtet und nie an einem Dienstag spinnt oder Gespunst aufwickelt. Darauf bezieht sich eine Sage in Liedform: Eine Mutter beweibt ihren einzigen Sohn Vojin. Die Muhme ist dem Burschen zu Tode neidisch und lässt sich durch nichts begütigen. »Sie eilt ins grüne Gebirge und ruft zur Wahlschwesterschaft die Vila Ravijojla und deren sämtliche Genossinnen an: »O Schwester durch Gott, Vila Ravijojla, Ravijojla und Ihr alle übrigen Vilen! Hier wird Vojin mit den Hochzeitleuten vorbeiziehen, erlegt ihn mit Eueren Pfeilen, lasst ihn nicht vorbei!« Antwortet ihr die Vila Ravijojla, Ravijojla und alle übrigen Vilen: »Sei keine Närrin o du Muhme Vojins, treib keine Dummheit, bist ja doch nicht närrisch. Die Mutter hat Vojin wohl behütet vor Steppzwirn und vor Zettelfäden usw. (Vojina je sačuvala majka od ujamka i od ureznika, svete Petke, snutka, navijutka, utorničke pregje i motanja).

Auch Freitagkinder und rotbärtige Leute sind vor Vilenpfeilen sicher.

Die nachstehende Fassung einer Vilensage ist darum besonders zu beachten, weil sie uns lehrt, dass Vilen sterblich sind. Das ist ein Beweis, dass man Vilen als wirkliche Baumgeister anzusehen hat.