Milovan war weder vom Liede, noch vom Guslaren Marko befriedigt. Er setzte an ihm Sprachfehler aus, so z. B. wollte er mir weismachen, Marko habe im 6. Verse ka nji statt k njim gesagt und im 73. Vers hob er boshaft sa svojijem hervor, was aber kein Fehler, sondern eine erklärbare dialektische Eigentümlichkeit des aus dem oberen Herzogtum eingewanderten Guslaren ist. Er moquierte sich auch über das unerhörte Wort spavećiva im 74. Vers. — Im V. 141 steht in meiner Niederschrift ostavile, ich musste es in postavile oben ändern. Unser Lied dürfte von hohem Alter sein. Die guten, alten Lieder verraten sich schon äusserlich für ein musikalisches Ohr und bei der Niederschrift für das Auge durch eine gewisse Regelmässigkeit in einer Art von natürlichem Strophenbau. Den Fälschern von Guslarenliedern ist dieses Prinzip primitiver poetischer Technik, das ich bei den Guslaren als der Erste wahrgenommen und in meinen Text-Ausgaben versuchweise durchzuführen mich bemüht habe, allem Anschein nach entgangen; denn ihre Erzeugnisse entbehren dieses nicht unwesentlichen Behelfes im poetischen Satzbau. Die Diärese nach der vierten Silbe, die Koinzidenz vom Sinn- und Wortende in der epischen Zeile sind jüngere Prozessergebnisse, ursprünglicher und älter ist die Strophe, die nicht bloss den Sinn, sondern einen Gedanken anschaulich abrundet und sich in Bezug auf ihre Ausdehnung nach der Bedeutung ihres geistigen Inhaltes richtet. Die Strophe stellt auf dieser Entwicklungstufe den poetischen Satz in seiner Ganzheit dar. Die Strophe ist das ein echtes Guslarenlied aufbauende formell-poetische Element. Das lehrt z. B. auch unser vorliegendes Stück, das, falls ich’s richtig abteilte, folgendes Bild aufweist:
3 + 2, 3, 3, 3, 2 (= 1 + 1), 3, 3 (= 1 + 2), 2 (= 1 + 1), 3, 2 (= 1 + 1), 3, 3, 2, 2, 2, 2, 3, 4 (= 2 + 2), 3, 6 (= 3 + 3), 3 + 2, 3, 3, 4 (= 2 + 2), 6 (= 3 + 3), 4 (= 2 + 2), 3, 6 (= 3 + 3), 6 (= 3 + 3), 3, (1), 3, 3, 3, 3, 3, 3, 3, 3, (1), 3, 7, 7, 7, 7, 7 (es spricht ein Frauenzimmer!), 3, 9 (= 3 + 3 + 3), 4 (= 2 + 2), 3, 3, 3, 2, 3, 3, 4 (= 2 + 2), 4, 4, 3, 3, 4 (= 2 + 2), 3, 3, 3, 3, 4, 4, 4, 4, 4 (= 2 + 2), 4 (= 2 + 2), 4, (1), 2 = 269 Zeilen.
V. 2. Lonjdžić; nach dem Ortnamen Londža; serb. und bulg. londža, ngrch. Λοντζα, gewölbte Brücke, aus dem türk., das aus dem italien. loggia, dieses aus dem althochd. laubja, die Laube. Neuslov. und kroat. loža, eine Entlehnung aus dem modernen deutschen Sprachgebrauch. Londža als Ort-, Flur-, Fluss- und Bachname im ehemals oder noch türkischen Gebiete sehr häufig, wo eine gewölbte Brücke stand oder steht. Der Türke strengt bei Namengebungen seinen Geist nicht stark an und macht sich wenig aus der Konfusion, die aus der Namengleichheit entsteht. Der Südslave behilft sich aber doch durch Beiwörter zum Substantivum Londža: mala (die kleine), velika (die grosse), duga (die breite), gornja (die obere), dolnja (die untere), bijela (die weisse), selska (die des Dorfes ist), auch durch das Deminutiv Londžica.
V. 10. Der Moslim nennt den Christen einen Kafir, Ungläubigen, der Christ erwidert mit gleicher Münze, indem er den Islam als eine Glaubenlosigkeit bezeichnet.
V. 12 und 13. Der Guslar will sagen: ‘Es kam der Abend und es kam die Nacht. Gegen Mitternacht stellte sich der Beg ein.’ Die erstarrte Phraseologie des Guslarenliedes gestattet ihm aber nicht, sich so einfach auszudrücken. Der Guslar gebraucht beim Dichten nicht wie ein moderner Poet flüssige Worte, sondern fertige, ererbte Wendungen, mit denen er musivisch seine Erzählung aufbaut. Die Folge ist eine für einen abendländischen Leser häufig als sprunghaft erscheinende, in ihrer Logik zerrissene Darstellung und eine ermüdende Wiederholung. Die letztere finde ich bei Gelehrten ständig mit dem Ausdruck ‘behagliche epische Breite’ charakterisiert, während ich sagen muss, dass von einer Behaglichkeit beim Guslaren wenig, dafür mehr von bestimmter sprachlicher Unbeholfenheit zu spüren ist. Mancher Guslar empfindet ja auch selber seine bezügliche Unzulänglichkeit und spricht sich sogar während des Vortrages darüber aus, aber selbst die Wendung ist stereotyp: a šta ću vam duljit lakrdiju? ‘Ja, was soll ich euch die Rede in die Länge ziehen?’
V. 22. Das Schinden als Strafe für einen, der das Gastrecht verletzt; bei den alten Deutschen aber, wie es scheint, nur für Ehebrecher.
V. 23. Aus Guslarenliedern ist zu entnehmen, dass an der herzögisch-türkischen Grenze gegen Montenegro zu noch anfangs dieses Jahrhunderts im wilden Karst ein Dorf mit einer Warte Kitog bestanden. Karadžić dagegen bemerkt im Wtb.: Kitog ein grosser Wald in der Mačva zwischen der Drina und der Festung Šabac. — Ich hörte nur Kitok und möchte türkischen Ursprung annehmen Kötük, der Baumstamm, der Klotz und als pars pro toto: der Waldbestand.
V. 69. Vergl. Krauss: Volkglaube usw. S. 88 f.
V. 83. Schilderung der Burgverliesse bei Krauss: Orlović, der Burggraf von Raab, Freiburg im Br. 1889, S. 117 f.
V. 86. Vilen sind ebenso wie die Adler und die Raben nur dank der dichterischen Einbildung des Guslaren zu Bewohnern des Verliesses geworden.