Zu V. 93. smiješna in der sehr seltenen Bedeutung »lachlustig«, die gewöhnliche ist: »lächerlich, albern«. Ozimačna »die für die Winterarbeit taugt«, die hauswirtliche Schaffnerin.
Zu V. 95. Kiselica, saure Suppe, ein Lieblinggericht des Bauernvolkes. Man kocht die Buttermilch ab, salzt und pfeffert sie ein, brockt Brot ein, und die Suppe ist fertig.
Der Guslar heisst Kuzman Bjeletić und stammt aus dem Dorfe Bjeletić im Herzögischen. Stolz sagte er zu mir: »Ich bin der Brudersohn des Popen Bjeletić Alexa aus Bjeletić«.
Das nachfolgende Guslarenlied hat zum Vorwurf ein in den asiatischen und europäischen Literaturen allbekanntes und vielbenütztes wirkliches oder erdichtetes Geschehnis vom heldenmütigen, männlichen Sinne eines Frauenzimmers, das als Ritter verkleidet in die Welt auszieht, um ihres Herzens Liebsten aus feindlicher Haft zu erlösen. In unserem Falle befreit die Schwester den einzigen Bruder. Daneben erscheinen in der Guslarenüberlieferungen Varianten: Die Mutter erkämpft ihre dem Tode in Feindehand verfallenen Söhne oder die Gattin verschafft ihrem Manne die Freiheit wieder, oder die Tochter erobert sich ihren Vater oder sie legt männliche Rüstung an und dient im Heere für den Vater[1]. Jede Schlussfolgerung auf eine bevorzugte gesellschaftliche Stellung der Frau unter den Südslaven, die einer nur aus dieser Sage zöge, müsste man als haltlos bezeichnen. Mehr kann ich nicht zugestehen, als dass hier eine serbische Lokalisierung eines internationalen Erzählungstoffes vorliegt.
Die Slavisierung erfolgt hauptsächlich durch die Einschaltung eines Abenteuers mit Vilen, das dem Heldenfräulein auf dem Befreiungzuge im wilden Hochgebirgwald zustiess. Damit führt uns der Guslar auf das Gebiet echtslavischen Volkglaubens hin, über den man sich ausführliche Belehrung aus meinem Buche ‘Volkglaube und religiöser Brauch der Südslaven’ (Münster i. W. 1890 S. 69–109) holen mag. Die primäre Gleichheit dieser Vilengestalten mit altgermanischen Valkyrien ist augenfällig. Des Vergleiches halber verlohnt es sich die Ausführungen Elard Hugo Meyers und Wilhelm Hertzs nachzulesen[2]. Hinsichtlich des Völkergedankens aber, der mit der Vilenepisode einen weiteren Beleg erhält, enthebt mich jeder Erörterung das VIII. und XI. Kap. des klassischen Werkes Edwin Sidney Hartland’s: The Legend of Perseus. The Life-token. (London 1895).
Der nachstehende Liedtitel vom Guslaren, nach dessen Auffassung Beg Kitonjić die Hauptperson des Stückes ist.
| O begu
Kitonjiću. | Wie es
Kitonjić dem Beg ergangen. |
|
Majka rani sina jedinoga
|
Grosszog die Mutter einen einzigen Sohn,
|
|
po imenu Lonjdžića Ivana,
|
Johannes Lonjdžić war er zubenannt;
|
|
ranila ga petnaes godinica;
|
sie zog ihn gross wohl fünfzehn traute
Jahre.
|
|
i u nje još dvije ćeri bjaše:
|
Auch waren Töchter zwei ihr noch zu
eigen,
|
| 5 |
bješe Jela i Angjuša sestre.
|
es war Helen und Schwester Angelina.
|
|
K njim dohodi beže Kitonjiću.
|
Beg Kitonjić zu ihnen pflag zu
kommen.
|
|
Njega vigje Lonjdžiću Ivane,
|
Johannes Lonjdžić ihn allhier erschaute,
|
|
sestri svojoj tiho govoraše:
|
mit leisem Laute sprach er so zur Schwester:
|
|
— Progj se sestro bega
Kitonjića!
|
— Gib Kitonjić dem Beg den
Laufpass, Schwester!
|
| 10 |
Zâr ćeš dati vjeru za nevjeru?
|
Gäbst du den Glauben für den Ohneglauben?
|
|
Zâr ćeš meni obraz ocrniti?
|
Willst du zur Unehr’ meine Ehr’
verkehren?
|
|
U večer je večer omrknula;
|
Am Abend war der Abend angedämmert,
|
|
beže dogje oko pola noći,
|
der Beg zur mitternächtigen Stunde kam,
|
|
Angjelije po imenu viče:
|
er rief heran beim Namen Angelina:
|
| 15 |
— Ustan Angjo, da s razgovorimo!
|
— Wach auf, mein Engel! Auf zum
Plauderstündchen!
|
|
Na njega se izadrije Angja:
|
Da fuhr ihn grausam Angelina an:
|
|
— Ajd otale prokleta balijo!
|
— Von hinnen troll dich, Tuchrock du
verfluchter!
|
|
ja nijesam odgojila lice,
|
Nicht darum hab’ mein Antlitz ich gepflegt,
|
|
da ga ljube turci kitoljani!
|
dass Kitokburger Türken sein liebkosen!
|
| 20 |
Onda Angji beže odgovara:
|
Zur Antwort Angelinen gab der Beg:
|
|
— Ak t uhitim tvog brata Ivana,
|
— Ergreif’ ich je dir deinen
Bruder Ivan,
|
|
živa ću ti ogulit Ivana!
|
lebendig schinden will ich deinen Ivan!
|
|
Ode turčin u Kitoka svoga.
|
So zog nach seinem Kitok ab der
Türke.
|
|
Ivo s moli svojoj staroj majci:
|
Einschmeichelnd Ivo bat die alte Mutter:
|
| 25 |
— Daj mi majko svijetlo
oružje,
|
— O Mutter, gib mir ein Gewaffen
gleissend,
|
|
da ja igjem u lov u planinu,
|
dass auf die Jagd ich zieh’ ins Hochgebirge,
|
|
ne bi l štagogj lova ulovio!
|
vielleicht mit Glück ein Jagdstück ich
erjage!
|
|
Mati ne da svijetla oružja.
|
Die Mutter ihm versagt Gewaffen
gleissend.
|
|
Tude progje godinica dana
|
Seitdem ein trautes Jahr verstrich an
Tagen
|
| 30 |
a i druga nastade godina,
|
und kam auch in das Land ein zweites Jahr,
|
|
od matere zaiska oružje.
|
Gewaffen wieder heischt’ er von der Mutter,
|
|
Mati njemu ne dade oružja.
|
die Mutter ihm Gewaffen tat versagen.
|
|
Umoli se sestre Angjelije:
|
Einschmeichelnd bat er Schwester
Angelinen:
|
|
— Ukradi mi ključe od matere
|
— Geh, stiehl die Schlüssel weg
mir von der Mutter
|
| 35 |
i iznes mi svijetlo oružje!
|
und bring heraus mir ein Gewaffen gleissend!
|
|
U po noći ključe izbavila,
|
Um Mitternacht bekam sie frei die
Schlüssel,
|
|
u po noći dade mu oružje,
|
um Mitternacht sie gab ihm ein Gewaffen,
|
|
u po noći ode u planinu.
|
um Mitternacht er zog ins Hochgebirge.
|
|
Prvi dan je po planini odo
|
Am ersten Tag er zog durchs Hochgebirge,
|
| 40 |
a od lova ništa ne ulovi.
|
doch nicht ein einzig Jagdstück er erjagte.
|
|
Pa i drugi po planini odo
|
Am zweiten zog er auch durchs
Hochgebirge,
|
|
a od lova ništa ne ulovi.
|
doch nicht ein einzig Jagdstück er erjagte.
|
|
A i treći po planini odo
|
Am dritten zog er auch durchs
Hochgebirge,
|
|
a od lova ništa ne ulovi.
|
doch nicht ein einzig Jagdstück er erjagte.
|
| 45 |
A trećega polovina progje
|
Verstrichen schon die Hälfte war vom
dritten
|
|
a Ivana soisala žegja,
|
und Durst mit arger Qual befiel Johannes,
|
|
jere tude kapi vode nema:
|
dieweil zu finden hier kein Wassertropfen:
|
|
— Što ću jako, moja mila
majko!
|
— Was tu ich itzt, o meine teuere
Mutter!
|
|
Mila majko, umrijo od žegje!
|
Vor Durst ich schier verstarb, o teuere Mutter!
|
| 50 |
Prorezaću svoju desnu ruku,
|
Die rechte Hand ich mir durchschneiden werde,
|
|
da s napijem svoje crne krvce!
|
um satt an meinem Schwarzblut mich zu laben!
|
|
Pa on trže andžar ot pojasa,
|
Und riss heraus den Handžar aus dem
Leibgurt,
|
|
da proreže svoju desnu ruku.
|
um aufzuschneiden seine rechte Hand,
|
|
Dok ga vila is planine viknu:
|
als ihn vom Hochgebirge rief die Vila:
|
| 55 |
— Ne, Ivane, žalosna ti majka,
|
— Halt ein, Johannes, wehe deiner
Mutter!
|
|
ne rež ruke, ne kvari tijela!
|
Schneid nicht die Hand, den Leib dir nicht
verschände!
|
|
Tamo kreni stazom poprijeko,
|
Dort auf dem Querpfad ein die Richtung schlage,
|
|
tamo ima spletena jelika
|
dort auf der Höh’ ein Tannenbaum
verschlungen
|
|
i pod njome studena vodica
|
und unter ihm entquillt ein kalter Bronnen;
|
| 60 |
pa se napi i razladi lice!
|
da trink dich satt und kühl dir ab dein
Antlitz!
|
|
U zo čas je poslušao vile!
|
Zur bösen Frist er folgt der Vila
Weisung
|
|
I okrenu stazom poprijeko
|
und schlug die Richtung auf dem Querpfad ein;
|
|
pa on nagje spletenu jeliku
|
er fand dortselbst den Tannenbaum verschlungen
|
|
i pod jelom studenu vodicu
|
und unterm Tannenbaum den kalten Bronnen,
|
| 65 |
pa s umijo i vode napijo.
|
er wusch sich ab und trank sich satt mit Wasser.
|
|
Kako s napi studene vodice,
|
Sobald als er vom kalten Quell getrunken,
|
|
uz jeliku pušku prislonio,
|
die Büchse an den Tannenbaum er lehnte,
|
|
namah leže u zelenu travu.
|
ins grüne Gras er gleich sich niederlegte.
|
|
A voda se zvala nesretnica;
|
Der Quell jedoch, der hiess der
Unglückselige,
|
| 70 |
ko je pio nesretan je bio.
|
wer daraus trank, nur unglückselig ward.
|
|
Nama zaspa, ni za žta ne znade.
|
Gleich schlief er ein, verlor sein klar
Bewusstsein.
|
|
Al eto ti bega Kitonjića
|
Ei, siehe da! Beg Kitonjić des Weges
|
|
sa svojijem trijest kitoljana.
|
mit seinen dreissig Kitokmannen naht.
|
|
Spavećiva Ivu savezao,
|
In Bande schlägt er Ivo den verschlafnen.
|
| 75 |
oteraše u Kitoka grada.
|
Nach Kitokburg von hinnen sie ihn schleppten.
|
|
Izigjoše na polje zeleno.
|
Ins grüne Blachgefild hinaus sie
kamen.
|
|
Do po polja detjelina trava
|
Kleegras bedeckt des Blachfelds eine Hälfte,
|
|
a ot pola kosti pritisnule,
|
die andere Hälfte Knochen niederdrücken,
|
|
pritisnule konjske i junačke,
|
darnieder Ross’- und Heldenknochen
drücken;
|
| 80 |
što s isjekli bezi Kitonjići.
|
die Wahlstattsaat der Begen Kitonjić!
|
|
Ivan cvili kano ženska glava.
|
Aufwimmert Ivo, wie ein Frauenzimmer.
|
|
Dotera ga do Kitoka grada,
|
Er schleppte fort ihn auf die Burg von
Kitok,
|
|
u tavnicu ubaci Ivana.
|
ins Burgverliess er warf hinab Johannes.
|
|
U tavnici voda do pojasa
|
Im Burgverliess das Wasser bis zum
Leibgurt
|
| 85 |
a šešina poviše perčina.
|
und Riedgras ragt empor noch überm Haarzopf.
|
|
Zalupaše po zindanu vile,
|
Hei, plätscherten die Vilen toll im
Kerker,
|
|
zapištaše zmije i aždaje,
|
kraftvoll die Schlangen und die Molche zischten,
|
|
zagrktaše orli i gavrani:
|
Gekrächz erscholl der Adler und der Raben:
|
|
— Fala bogu i begu našemu,
|
— Gott sei’s gedankt, gedankt
auch unsrem Beg,
|
| 90 |
kad ubaci Lonjdžića Ivana,
|
dieweil herab er warf Johannes Lonjdžić.
|
|
barem će nas mesom naraniti
|
Uns nähren satt er wird mit Fleisch zumindest
|
|
a i crnom krvi napojiti!
|
und satt wohl auch mit schwarzem Blute laben!
|
|
Pod njim ćemo zimu zimovati,
|
Den Winter unter ihm wir überwintern,
|
|
ot po zime u njedra pribjeći.
|
nach Wintermitt’ in seinen Busen flüchten.
|
| 95 |
U proljeće o Jurjevu danu
|
Im Frühling, um die Zeit des
Géorgtages,
|
|
onda ćemo u perčin pribjeći,
|
dann flüchten wir hinauf ihm in den Haarzopf,
|
|
u perčinu navijat gnijezdo
|
ein Nest wir werden in dem Haarzopf winden
|
|
i iž njega ptiće izvoditi,
|
und aus dem Nest heraus die Vöglein
führen,
|
|
ja sve tiće šarene gujiće
|
wohl lauter Vöglein, buntgefleckte
Schlänglein
|
| 100 |
i guštere ot četiri glave!
|
und Echsen, denen Köpfe vier gewachsen!
|
|
Uplaši se Lonjdžiću
Ivane,
|
In Lonjdžić Ivo fuhr darob ein
Grausen.
|
|
cvili Ivo ko šarena guja
|
Gleich einer scheckigen Natter jammert Ivo,
|
|
a u Lonjdži Ivanova majka.
|
und Ivo’s Mutter auch daheim zu Lonjdža.
|
|
A dan po dan tri godine dana.
|
So Tag auf Tag ergab drei Jahr an Tagen.
|
| 105 |
Svu je Lonjdžu stara pokupila
|
Aufbot die alte Frau das Volk von
Lonjdža,
|
|
i akove vina izvalila,
|
liess Wein heraus in Eimerfässern wälzen,
|
|
napojila pa je naranila.
|
das Volk mit Trank und Nahrung reich bewirten.
|
|
Ona viče grlom iza glasa.
|
Sie schrie mit hellem Laut aus voller
Kehle:
|
|
— Tko bi m kazo za Ivana moga,
|
— Wer Kunde mir von meinem Ivo
gäbe,
|
| 110 |
ja za živa ja za mrtvu glavu,
|
ob er noch lebt, ob nicht schon tot sein Haupt,
|
|
dala bi mu svu Lonjdžu bijelu!
|
ganz Lonjdža weiss dem Manne würd’ ich
schenken!
|
|
Jednu bi mu ćercu poklonila
|
Den tät bedenken ich mit einer
Tochter,
|
|
a jednu bi sebi ostavila,
|
und würd’ mich auch mit einer nur
behagen,
|
|
nek me rani za života moga!
|
dass sie mich nähr’ in meines Lebens
Tagen!
|
| 115 |
A nitko se nalazit ne more,
|
Doch solchen Kämpen kriegen man nicht konnte.
|
|
razbiše se ot kule Ivine.
|
Von Ivo’s Warte alle sich verliefen.
|
|
Angjelija k majci uljetjela:
|
Zur Mutter kam geflogen Angelina:
|
|
— Majka naša mili roditelju!
|
— O unsre Mutter, teuere
Schöpferin!
|
|
Izvedi mi krilata gjogata
|
Geh, führe mir heraus den Flügelschimmel
|
| 120 |
i izvedi debela putalja.
|
und führe mir heraus den feisten Fleckfuss.
|
|
Iznesi mi bratove aljine,
|
Mir bringe das Gewand heraus des Bruders;
|
|
ić će sestra brata potražiti,
|
den Bruder suchen wird die Schwester gehen.
|
|
ja ću ići sa sestrom Jelunom.
|
Ich werde mit Helenen gehn der Schwester!
|
|
Ja Ivana živa nahoditi,
|
Entweder finden lebend wir Johannes,
|
| 125 |
ja li i mi pogubiti glave,
|
wo nicht, auch unsre Häupter preis wir geben,
|
|
ja li dati vjeru za vevjeru!
|
oder den Glauben für den Ohneglauben!
|
|
Itro njima konje izvodila.
|
Die Renner rasch hinaus sie ihnen
führte.
|
|
Ovde svoje ćeri opremila,
|
Allda sie angekleidet ihre Töchter,
|
|
što nosaju carske pašalije.
|
gleich wie sich kleiden kaiserliche Pagen.
|
| 130 |
Obadvije konje uzjašiše,
|
Aufschwangen alle beide sich zu Rosse,
|
|
Angjelija krilata gjogata
|
wohl auf den Flügelschimmel Angelina,
|
|
a Jeluna debela putalja.
|
Helenchen auf den feisten Fleckenfüsser.
|
|
Pa odoše a Rogoš planinu.
|
Sie zogen ab ins
Rogoš-Hochgebirge.
|
|
Kad iziše na Rogoš planinu,
|
Als sie ins Rogoš-Hochgebirge
kamen,
|
| 135 |
gje se biju tri druma četiri,
|
wo drei bis vier der Wege sich begegnen,
|
|
Angjelija Jeli besjedila:
|
Helenen Angelina also ansprach:
|
|
— O Jeluno sestro moja draga,
|
— O du Helenchen, meine teuere
Schwester!
|
|
valja ići drvenu čardaku,
|
Zum holzgebauten Blockhaus gilt’s zu gehen,
|
|
dobro čuvaj debela putalja,
|
behüte bestens deinen feisten Fleckfuss,
|
| 140 |
gje su vile čardak načinile,
|
allwo ein Blockhaus aufgebaut die Vilen,
|
|
[p]ostavile sopre i trpeze,
|
wo festlich Tafeln reich bedeckt mit Esswerk,
|
|
pune čaše naljevene vina
|
die vollen Humpen angefüllt mit Wein
|
|
a endeci krvi nalaženi.
|
und wo mit Blut die Gräben vollgestockt.
|
|
Kogod junak progje kros planinu
|
Welch Held noch immer durch den Hochwald
zog
|
| 145 |
i naigje njiovu čardaku,
|
und auf ihr Blockhaus stiess von ohngefähr,
|
|
uzimaju svoje dugovanje:
|
von jedem ab sie nahmen ihre Fordrung:
|
|
od junaka oba oka vrana,
|
vom Helden beide rabendunkle Augen
|
|
obadvije iz ramena ruke,
|
und aus den Schultern alle beiden Arme.
|
|
čuvaj nama konja vi planini,
|
Behüt im Hochgebirg uns unsre Rosse.
|
| 150 |
ja ću s kriti od jele do jele.
|
Vom Tann zum Tann verbergen ich mich werde.
|
|
Jere veće oko pola dana,
|
Denn schon ist’s um des Tages
Mittagstunde,
|
|
vile legnu oko pola dana
|
um Mittag nieder sich die Vilen legen
|
|
a poskidaju svilene košulje,
|
und ziehen sich vom Leib die seidnen Hemden,
|
|
objese ih o čardaku svome.
|
die hängen auf an ihrem Blockhaus sie.
|
| 155 |
Ako bog da i sreća božija
|
So Gott es gibt und göttlich Glück es
gönnt,
|
|
pa ja njima ujagmim košulje,
|
dass ich vorweg die Hemden ihnen nehme,
|
|
lasno ćemo čardak prolaziti.
|
mit leichter Müh vorbei wir ziehn am
Blockhaus!
|
|
Ako oto sestro ne uradim,
|
Sofern die Tat ich, Schwester, nicht
vollführe,
|
|
objema će oči izvaditi,
|
heraus sie beiden reissen uns die Augen,
|
| 160 |
obje će nas rukam rastaviti.
|
uns beiden sie vom Leib die Arme rauben.
|
|
Ako bog da d ujagmim košulje,
|
So Gott es gibt und ich gewinn die Hemden,
|
|
zajmiće me nis planinu vile.
|
talabwärts jagen mich die Vilen werden;
|
|
Nemoj mi se sestro priplašiti,
|
erschrecken darfst du, Schwester, drob mit nichten;
|
|
dobro čuvaj konja obadva nam!
|
behüt nur gut uns unsre beiden Renner!
|
| 165 |
Oto reče, zag je us planinu
|
Dies sprach sie, wandte sich hinan zum
Hochwald
|
|
pa se krije od jele do jele.
|
und barg behutsam sich vom Tann zum Tanne,
|
|
Primače se drvenu čardaku.
|
schlich sich heran ans holzgebaute Blockhaus.
|
|
Sve pospale po čardaku vile.
|
Im Schlaf die Vilen alle drin im Blockhaus.
|
|
Ujagmi im sve devet košulja,
|
Beraubte sie der Hemden aller neun,
|
| 170 |
naže bežat Angja nis planinu.
|
hub an hinab vom Hochgebirg zu flüchten,
|
|
Gole lete vile nis planinu:
|
ihr fliegen nach die Vilen nackt vom Hochwald:
|
|
— Sestro naša glavna
Angjelijo,
|
— O unsre Schwester, schmucke
Angelina,
|
|
povrati nam svilene košulje,
|
gib unsre seidnen Hemden uns zurücke,
|
|
išći sestro, štogod ti je drago!
|
du heische, Schwester, was dir mag behagen!
|
| 175 |
— Sikter vile ajte us planinu,
|
— Verbuhlte Vilen, trollt ins
Hochgebirge
|
|
oboriti drvena čardaka
|
zurück euch, stürzt das holzgebaute
Blockhaus
|
|
i zaspite krvave endeke,
|
und schüttet zu die blutgestockten
Gräben,
|
|
što st junačkom krvi natočile!
|
so vollgefüllt Ihr habt mit Blut von Helden.
|
|
a prolite vino i rakiju,
|
Dann leert den Wein und Branntwein aus zu Boden,
|
| 180 |
polupajte čaše i maštrape
|
zerbrecht die Humpen und zerschlagt die Becher
|
|
pa bježite u pećine vile,
|
und flüchtet, Vilen, wieder in die Felsen,
|
|
u pećine gje st i prije bile
|
in Felsen wieder, wo ihr früher weiltet,
|
|
pa ću onda povratit košulje!
|
dann mag ich euch zurück die Hemden geben!
|
|
Itro vile čardak oborile
|
Die Vilen rasch das Blockhaus rissen
nieder
|
| 185 |
i zasuše krvave endeke
|
und schütteten die blutigen Gräben zu
|
|
i proliše vino i akove,
|
und gossen aus den Wein und aus die Eimer,
|
|
polupaše srče i maštrape.
|
die Humpen sie zerschlugen und die Becher.
|
|
Dade njima sve devet košulja.
|
Gab wieder ihnen alle Hemden neun.
|
|
Pobjegoše vile u pećine,
|
Zurück die Vilen in die Felsen flohen,
|
| 190 |
u stijene gje su j prije bile.
|
in Felsen wieder, wo geweilt sie früher.
|
|
Onda sestre konje projašiše
|
Die Schwestern drauf sich auf die Rosse
schwangen
|
|
i odoše u Kitoka grada;
|
und drangen weiter vor zur Burg von Kitok.
|
|
na kitočko polje izodiše.
|
Aufs Kitok-Blachgefild hinaus sie kamen.
|
|
Do po polja djetelina trava
|
Kleegras bedeckt des Blachfelds eine
Hälfte,
|
| 195 |
a ot pole kosti pritisnule,
|
die andre Hälfte Knochen niederdrücken,
|
|
pritisnule konjske i junačke.
|
darnieder Ross- und Heldenknochen drücken.
|
|
Jeluna se vrlo uplašila.
|
Gar mächtiglich erschrocken war
Helenchen.
|
|
Angjelija Jeli besjedila:
|
Helenen also Angelina ansprach:
|
|
— Ne plaši se sestro moja
draga!
|
— Erschrick dich nicht, o meine teuere
Schwester!
|
| 200 |
Ja ću bega živa savezati,
|
Den Beg lebendig ich in Bande binde
|
|
doterat ga u Lonjdžu bijelu!
|
und treibe fort ihn bis zur weissen Lonjdža!
|
|
U avliju konje utjeraše,
|
Hinein sie jagten in den Hof die Renner,
|
|
u avliji konje odjašiše.
|
im Hofe von den Rennern ab sie stiegen.
|
|
Angjelija Jeli besjedila:
|
Helenen also Angelina ansprach:
|
| 205 |
— Čuvaj sestro konja na
avliji,
|
— Behüt die Renner, Schwester, in
dem Hofraum.
|
|
ja ću begu na bijelu kulu!
|
Den Beg besuch’ ich auf der weissen Warte!
|
|
Ode begu na bijelu kulu,
|
Zum Beg sie abging auf die weisse Warte.
|
|
ona nosi pernu topuzinu.
|
Sie trug mit sich den spitzen Stachelkolben.
|
|
Beže sijo, pije za trpezom.
|
Es sass der Beg beim Tisch am Trank sich
labend.
|
| 210 |
Kad upade k njemu Angjelija
|
Als Angelina hier zu ihm
hineinfällt,
|
|
bega uze za jaku za vratom,
|
ergreift im Nacken sie den Beg beim Kragen,
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sve ga vuče a topuzom tuče:
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schleift ihn herum und drischt ihn mit dem Kolben:
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— Zar ti piješ za trpezom
vino
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— Wie, Kerl, am Wein du tust zu Tisch
dir gütlich!
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a zar ne znaš za careve ljude?
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Wie, ehren kannst du nicht des Kaisers Leute?
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| 215 |
Tebe zove care ka Stambolu,
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Dich ladet nach Istambol vor der Kaiser,
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da povedeš sužnje is tamnice!
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und sollst auch mit die Kerkersklaven führen!
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Dovuče ga do jedne tavnice:
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Wohl hin zu einem Kerker sie ihn zerrte,
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u njoj ima stotinu sužanja,
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ein hundert Mann Gefangener unten schmachten,
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sve sužanja a težaka ljudi!
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durchaus gefangener, denkt nur, Ackerbauer!
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| 220 |
Pa otvori na tavnici vrata
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Die Falltür zum Verliesse schloss sie
auf
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pa ispušća stotinu sužanja,
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und liess herauf das Hundert Mann Gefangener.
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bega vuče a topuzum tuče:
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Den Beg sie schleift und drischt ihn mit dem
Kolben:
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— Kam ti beže Lonjdžića
Ivane?
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— Wo steckt, o Beg, dir denn Johannes
Lonjdžić?
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Car ga ište Carigradu gradu!
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Der Kaiser ihn nach Stadt Istambol fordert!
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| 225 |
— Aman draga carska
pašalijo!
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— Erbarmen, liebster kaiserlicher
Page!
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Sam je Ivan u drugoj tavnici!
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Im zweiten Kerker weilt allein Johannes!
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Odvede ga do druge tavnice,
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Sie führte hin zum zweiten Kerker
ihn.
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otvorio na tavnici vrata
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Die Falltür zum Verliesse schloss er auf
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pa ispušća Lonjdžića Ivana:
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und liess herauf Johannes Lonjdžić
steigen.
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— Vež mu beže naopako
ruke,
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— Bind, Beg ihm auf dem Rücken
fest die Hände,
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valja ti ga gonit Carigradu!
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du hast zu treiben fort ihn nach Istambol!
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Beže sveza Lonjdžića
Ivana.
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Der Beg in Bande legt Johannes
Lonjdžić,
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— Ajde beže izvezi gjogata,
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— Nun tummle, Beg, dich, zieh herauf
den Schimmel;
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neka sužanj jaši na gjogatu,
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den Schimmel soll da reiten der Gefangene,
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| 235 |
ti ćeš pod njim voditi gjogata!
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du führst den Schimmel unter ihm am
Zügel!
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Beže itro izvede gjogata
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Der Beg herauf den Schimmel hurtig
führte,
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pa povede konja on pot sužnjom.
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zog mit den Renner unter dem Gefangenen.
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I zeleno polje prilaziše.
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Und quer sie schritten übers grüne
Blachfeld.
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Kad u crnu goru zaodiše,
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Als sie im schwarzen Hochwald sich
befanden,
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| 240 |
one begu ruku savezaše,
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dem Beg sie banden allda beide Hände,
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oteraše u Lonjdžu bijelu
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sie trieben fort ihn nach der weissen Lonjdža,
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a Ivanu odvezaše ruke.
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Johannes aber lösten sie die Bande.
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Jaši Ivo konja Kitonjića.
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Den Renner Kitonjić’s Johannes ritt.
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Kad dogjoše staroj svojoj majci,
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Als sie zu ihrer alten Mutter kamen,
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| 245 |
dovedoše svog brata Ivana,
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Johannes, ihren Bruder, heim sie brachten.
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šire ruke, u čelo se ljube.
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Stirnküsse sie mit offenen Armen tauschten.
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Majka mu se oko vrata ujti
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Um seinen Hals sich ihm die Mutter hang.
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pa odoše u bijele dvore
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Hinauf sie stiegen in die weissen Stuben,
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a baciše bega u tavnicu.
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den Beg jedoch sie warfen ins Verliess.
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Beg tamnuje devedeset dana.
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Der Beg da schmachtet volle neunzig Tage.
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Kad izigje devedeset dana,
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Als hingeflossen volle neunzig Tage,
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izvede ga sestra is tamnice,
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herauf ihn führt aus dem Verliess die
Schwester,
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izvede ga svom bratu Ivanu,
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führt ihn herauf zu ihrem Bruder Ivo.
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za punu ga posadi trpezu:
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Sie pflanzte hin ihn an die volle Tafel:
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— Dera kurvo beže
Kitonjiću
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— Wohlan, o Beg, du Metze
Kitonjić,
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z bratom mojim sastavi se pićom!
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verein dich hier im Wein mit meinem Bruder!
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Vidi momka a vidi junaka,
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Schau an den Kerl und schau dir an den
Kämpen,
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gje ga sveza jedna ženska glava!
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ein Weibsbild war’s, das ihn in Bande legte!
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Da b u gori, ne bi ni žalio,
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War’s noch im Hochwald, tät
mich’s nicht gereuen,
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već u tvome dvoru i timaru!
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doch gar auf deinem eigenen Hof und Gute!
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A da si mi brata pogubio,
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Und hättest du getötet mir den
Bruder,
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danas bi te žive ogulile!
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wir zögen heut dir lebend ab die Haut!
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Napij s vina, ajde u Kitoka!
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Trink an mit Wein dich, kehr zurück nach
Kitok,
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Tvoju ću ti pokloniti glavu,
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dein Haupt dir will ich zum Geschenk belassen,
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jer si mojem bratu poklonio,
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weil du das Haupt geschenkt auch meinem Bruder,
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i izvesti tvojega gjogata!
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und auch herauf dir deinen Schimmel führen!
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Izvede mu debela gjogata:
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Herauf sie ihm den feisten Schimmel
führte:
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— Ajd se fali po Kitoku gradu,
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— Nun geh, berühme dich auf Burg
von Kitok,
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di te sveza jedna ženska glava!
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wie dich gelegt ein Magedein in Bande!
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Am 3. Jänner 1885 gegen 3 Uhr nachmittags hielt ich am Ufer der Spreča einige Stunden vor Dolnja Tuzla Einkehr in einen Han. Der Wirt war ein katholischer Christ und bei ihm kauerten in der Selchkammer oder Gaststube um das qualmende Feuer im Fussbodenloch drei Männer herum, ein älterer und zwei jüngere Tagediebe. Hinter mir kam mein Diener, der Guslar Milovan Ilija Crljić Martinović Rgovljanin. Nach bosnischem Brauch begrüsste ich jede einzelne der vier, bis dahin mir völlig unbekannten Herrschaften besonders, erkundigte mich mit den üblichen Phrasen eingehend über eines jeden Wohlbefinden (nur nicht nach dem Namen) und gab der Reihe nach jedem nicht minder ausführlichen, befriedigenden Aufschluss hinsichtlich meiner. Dann fragte ich den Wirt: Hast du Branntwein? — Habe. — Hast du Kaffee? — Habe. — Plötzlich fuhr ich ihn mit erheuchelter Wütigkeit an: Du Unglückmensch! Warum lässt du dich und meine Freunde Durstqualen erleiden? Heute für alle umsonst. Ich bezahle. Wenn mir einer dieser wackeren Rottgesellen vor Durst verschmachtet, bezahlst du mir Wergeld! — Er ging unter dem Gelächter der Gäste auf den Spass ein, tat sehr furchtsam, bewirtete die Leute und vergass dabei nicht, auch seine Kehle anzufeuchten. Ich inquirierte weiter: Hast du Brot? — Habe keines. — Hast du Mehl? — Gottlob, habe welches! — Dann knet einen Teig an, heiz den Backofen ein und back mir für die Gesellschaft einen Fladen. Dazugeschaut, sonst binden wir dich den Rossen an die Schweife und es ereignet sich etwas, wovon ein Geschlecht dem andern Mären künden wird! — Inzwischen liess ich meinen Pelzrock in den Rauchfang hängen, und als der Wirt den Fladen einschoss, ersuchte ich ihn, auch mein gesamtes Leibgewand, das ich samt Hemde usw. abgelegt, auf einer Weidenflechte mit in den Ofen hineinzustecken. Ich stand fröstelnd da in der Tracht eines badenden Negers und rieb mir die Epidermis ab. Was an der Hand blieb, warf ich auf die Feuerstätte hin. Sagte der Alte: Hör mal, Herr, du bist von weit daher. Hast nicht auch du erzählen gehört von einem schwäbischen Narren, der sich im Gebirge herumtreibt und von Guslaren Lieder niederschreibt? — Wohl, doch für einen Narren halte ich ihn nicht. — Vorgestern erfuhr ich, dass er gegen Tuzla herwandere, und da machte ich mich mit meinen zwei Brudersöhnen auf, um ihn abzuwarten, damit er auch von mir ein Lied aufnehme und es ins Buch stecke. Seit gestern harren wir seiner hier. Kommt er wohl? — Nein. — Ja, kennst du ihn? — Das Glück soll ihn so kennen, wie ich meiner Mutter einzigen Sohn kenne und so gewiss ich dich, Bruder Marko, den Guslaren, aufzusuchen im Begriffe war. Man hat mir dich empfohlen. — Wir schlossen gleich Wahlbruderschaft und er hub an, zu meinen Guslen Lieder vorzutragen. Mir sagte nur das vorliegende zu, doch war ich, auch nachdem ich meine desinfizierte Kleidung wieder angelegt hatte, so durchfroren, dass ich es nicht aufzeichnen konnte. Ich befahl nun meinem Milovan, aufzumerken und dem Wahlbruder Marko, es ihm besonders nochmals vorzutragen. Am nächsten Tage schrieb ich es im Hotel zu Dolnja Tuzla nach dem Diktat Milovans nieder.