Satan spuckt ihr ins Gesicht.

Merkt euch’s wohl, o Edelfraun!

Wir wollen unsere Vorlagen doch lieber in guter Prosa darbieten, schon um der getreueren Verdeutschung willen. Es widerstrebt auch unserem Formgefühl, so schlechte deutsche Verse, wie es die slavischen der Originale sind, zu machen. Bessere darf ja füglich der Übersetzer nicht substituieren, denn das wäre in gewissem Sinne auch eine Entstellung des ursprünglichen Bildes. Sollten die Diktion und die Wendungen der Originale in der Übertragung ganz getreu sich abspiegeln, so müssten für die slavischen Fremdworte auch im Deutschen fremde, beispielsweise französische, Ausdrücke eingesetzt werden. Das wäre aber zu viel des Guten.

Wir beschränken uns hier auf die Wiedergabe zweier sowohl sprachlich, als inhaltlich für die ganze moslimisch-slavische paraenetische Literatur besonders charakteristischer Texte, die sich auch durch Kürze auszeichnen: auf das Gedicht Edhems und die Avdija: oh drvišu otvor oči.

Die Avdija ist für den südslavischen Ethnographen eigentlich belanglos. Es ist ein moslimisches Lehrgedicht in überwiegend slavischen Worten, weiter nichts. Die darin enthaltenen religiösen Vorschriften sind freilich zum grossen Teil allgemeiner Natur, sofern als sie Grundzüge der Moral enthalten, die den Ariern und den Semiten, den Arabern nämlich, gemeinsam sind.

Weitaus bedeutsamer ist Edhems Gedicht, das einen Zuchtspiegel der Frauen vorstellen soll. Ich habe die soziale Stellung des Weibes bei den Südslaven schon öfters beleuchtet, z. B. in meinem Buche »Sitte und Brauch der Südslaven«, Wien 1885, S. 482—529, dieses hochwichtige Kapitel ist aber noch lange nicht zu Ende geschrieben. Sowohl bei den Südslaven als bei den Orientalen (den Türken und Arabern) hat das Weib seit den ältesten Zeiten einen sehr untergeordneten Rang eingenommen. Die orientalischen Anschauungen klangen in dieser Beziehung dem Serben gar nicht besonders fremdartig. Sie sagten ihm beinahe noch mehr zu wegen ihrer grösseren Strenge und Rücksichtslosigkeit. Wenn bei den Serben, dem Bauernvolke in Serbien, Bosnien, im Herzogtum, in Slavonien und teilweise selbst in Chrowotien die Frauen mit den Männern gemeinschaftlich an einem Tische nicht essen, wenn sich die Frauen vor Fremden nicht zeigen dürfen, wenn sie des Mannes geringe Dienerinnen und Lastträgerinnen sind, so mögen die Südslaven in dieser sozialen Einrichtung von den Türken nur noch bestärkt worden sein. Manche Härte im Brauche der Südslaven mag das Türkentum und Arabertum verschuldet haben. Den stattgefundenen Einfluss können wir derzeit noch nicht genauer bestimmen. Uns liegt es vorderhand ob, die Erscheinungen und Tatsachen aufs gewissenhafteste zu fixieren. Soviel aber darf man getrost sagen, dass die nüchternen Strafreden und Zurechtweisungen, die Edhem an Frauen, und noch dazu an Edelfrauen (Kadune) richtet, in dieser rohen, witzlosen Art kein Seitenstück weder in der christlich- noch moslim-slavischen Volksliteratur des Serbenstammes finden. Edhem verrät sich als das pedantische Schulmeisterlein mit der Schmitzrute als dem unfehlbaren Attribut; nur lässt er diesmal seine gestrenge Gesinnung zur Abwechslung einmal die hochgestellten Frauen fühlen. Er hat das Bedürfnis, als Sittenverbesserer sich recht bemerkbar zu machen. Um auf jeden Fall sicher zu gehen, borgt er seine Weisheit türkisch-arabischen Autoritäten ab. In der Meinung, dass er etwas besonders Gediegenes zu stande gebracht, fordert er zum Schluss seiner Ermahnungen die Frauen noch auf, sie möchten seiner, des »liebwerten« Edhem, gedenken.

Vergleicht man die Erzeugnisse der Kunstliteratur der moslimischen Slaven mit ihrer Volkliteratur, so muss man wohl eingestehen, dass die erstere mit der letzteren gar keinen Vergleich verträgt.

Die Avdija lautet im Texte (die Fremdworte sind hier kursiv gedruckt):

Oh drvišu otvor oči, batiluka ti ne uči tefhit srcom pravo uči; sevap hoćeš, nefsa muči. O Derwisch, öffne die Augen, lehre keine Schlechtigkeiten, lehre vom Herzen recht die Einheit Gottes. Wenn du Belohnung willst, quäle die Seele.
5Krivo nikom ti ne čini, haka na hak ti ne čini, hair što je ono čini, dunjaluka mejl ne čini, zićir boga puno čini. Tue niemandem Unrecht an, tue kein Unrecht (unter dem Scheine von Recht). Was Segen bringt, das sollst du tun. Hege keine Neigung für weltliche Dinge. Ruf oft Gott an.
10Allah, allah aškila jahu. Rizaluka puno čini i za zićir misô podaj, selameta duši gledaj, allah (etc.). Übe viele gottgefällige Werke aus und richte deine Gedanken auf die Anrufung Gottes, sei besorgt für dein Seelenheil.
šučur čini kad je kolaj, 15sabur čini kad je belaj zalaleta ti ne gledaj, tahret nefsu dobro podaj, zulum nefsa dizgin ne daj, amel čini, sunet gledaj, 20gaflet digni ter pogledaj. Fars štogod je ono čini, kazajeta sve naklanjaj. Erweis dich dankbar, so oft es nur möglich ist; drückt dich die Not, sei geduldig. Geh nicht auf Irrwege, verleihe wohl der Seele Reinheit, lass der herrschsüchtigen (ungerechten) Seele die Zügel nicht schiessen (amet čini?), beobachte die Überlieferung. Behebe die Sorglosigkeit und öffne die Augen; halt das Zeremoniell ein; neig dich immer der Gerechtigkeit zu; halt dich an die gute Sinnart und hüte dich stets vor gemeiner Gesinnung.
Ti se drži l’jepe huje, sve se čuvaj murdar huje. 25Nehi što je ono bježi, već se prava puta drži. Laf ne čini i ne laži jer sirrija laži ne će. U elifu sirra traži, allah (etc.). Fliehe vor dem Verbotenen, vielmehr halt dich stets an den geraden Weg. Schwätz kein leer Gewäsch und lüge nicht, denn Sirrija verabscheut (mag nicht) die Lügen. Im Genossen suche Sirrija usw.
30U pamet se ti obuj, terk učini alčak huju, dragom bogu ti robuj. Ti nikoga ne muči, svoje srce poturči 35hevhit srcem sve uči. Sve nek ti je ašk’ ullah a na srcu fićr’ ullah na jeziku zićr’ ullah, allah (etc.). Hüll dich in Verstand ein, und gib auf die tölpelhafte Sinnart. Diene dem lieben Gott. Du sollst niemand quälen. Dein Herz bekehre zum Türkentum. Lehre fortwährend mit dem Herzen die Einheit Gottes. Immer sei dir Allah lieb; auf dem Herzen soll dir der Gedanken an Gott, auf der Zunge der Name Gottes liegen.
U gafletu ne budi 40brez avdesta ne hodi srcu jezik ugodi. Nemoj biti bi nemaz, vaktom hajde na nemaz, bogu ćini sve niaz. Gib dich der Sorglosigkeit nicht hin; geh nicht ohne Waschung einher, passe die Zunge dem Herzen an; sei nicht ohne Gebet (ohne gebetet zu haben), geh pünktlich zum Gebet und bezeuge Gott immerfort Verehrung.
45Ovi svijet kilu kal, ašk ne čini ti na mal već nauči ilmi hal, allah (etc.). Diese Welt ist ein leeres Gewäsch. Hege keine Liebe zu weltlichen Gütern, sondern lerne den Katechismus (die Glaubenssatzungen) auswendig usw.
Gr’jehovâ se pokajati, šerijata sve gledati 50od insana u kraj bježati. Die Sünden sollst du bereuen und immerdar das göttliche Gesetz beachten, (und) den Menschen aus dem Wege gehen.
šućur ćini daima i za muke lastima srce nek ti je daima, allah (etc.). Sei immer dankbar und besonders hege dein Herz für die Mühen Dankbarkeit. Allah usw.
Ako hoćeš mumin biti 55valja srce očistiti boga zićir učiniti, grihovâ se pohajati šerijata sve gledati na grijeh se ne varati 60dragom bogu robovati. Willst du ein Gläubiger sein, so musst du dein Herz reinigen und Gottes gedenken; die Sünden bereuen, das göttliche Gesetz beobachten, auf die Sünde sich nicht betrügen (sich durch die Sünde nicht verführen lassen) und dem lieben Gott dienstergeben sein.
Vi slušajte amr’ ullah a na srcu sve činite zićir allah. Ovi svijet sve će proć po dušu će meleć doć 65već je nama do pomoć, allah (etc.). Ihr sollt dem Befehl Gottes gehorchen und im Herzen allezeit den Gedanken an Allah hegen. Diese Welt wird samt und sonders vergehen, der Engel wird kommen um die Seele (abzuholen); wir stehen auf Hilfe an, Allah usw.
Nut pogledaj sirrije sve turčine miluje, i dan i noć kazuje allah (etc.).[14] Nun schau dir an den Sirrija, der tut fortwährend den Türken schön und spricht so bei Tag als bei Nacht: Allah, Allah aškila jahu.