»Edhems Ermahnungen.« Sie sind in einem von Fremdwörtern reineren Slavisch als die Avdija gehalten und für die Frauen leichter verständlich, während die Avdija manchen Ausdruck darbietet, den der Lehrer in der Schule erst erklären muss. Vom V. 27–29 ist der Text verderbt. V. 28 muss wohl lauten: slušajte vi svoje majke. V. 29: o kadune na vijeke (Befolgt o Edelfrauen die Ratschläge eurer Mütter bis in Ewigkeit).
| Slušajte što ću vam ja kazat, ne ću vam laži ja kazat; nasihet vi uzmite od mene pa ćete mlogo čut od sebe. | Hört, was ich Euch sagen werde. Ich werde Euch keine Lügen sagen. Nehmt Rat an von mir, und Ihr werdet viel von Euch zu hören bekommen. |
| 5Muža dobro slušajte; ako ste vi kadune ikolko a vi lude ne bu(d’)te mužu ugodne bu(d’)te, bogu robinje i svom mužu 10ter u dženet uho(d’)te. | Hört wohl auf des Mannes (Gatten) Wort. Seid Ihr auch nur ein wenig Edelfrauen (= habt Ihr etwas vom Adel in Euch) so seid nicht närrisch; seid dem Gatten angenehm, Dienerinnen Gott und Eurem Manne: und fürwahr, Ihr kommt ins Paradies. |
| Svaka žena zagluša koja čojka ne sluša, šejtan njome brukuša neka znate kadune. | Jedes Weib ist törisch (= schwerhörig), welche ihrem Mann nicht Folge leistet. Der Satan treibt sein (frevelhaft) Spiel mit ihr; wissen sollt Ihr’s Edelfrauen! |
| 15što muž reče ne radite već se š njime inadite mužu hator sve kvarite, ružno po vas kadune. | Was der Mann sagt, das mögt Ihr nicht tun, vielmehr zankt (hadert) Ihr mit ihm; Ihr verderbt dem Manne jede Lust. Das ist schimpflich für Euch, o Edelfrauen! |
| Mužu hizmet činite, 20l’jepo š njime živite; dobroga se bojite ružnom smrti ne mrite. | Seid dem Manne dienstbar (bedient ihn), lebt gut mit ihm. Fürchtet Euch vor dem Guten, (damit) Ihr nicht eines garstigen Todes sterbet. |
| Koja muža imade hak muževlji ne znade 25u džehennem ona ide, odveće je udavana. | Die einen Mann besitzt und von Mannesrechten nichts wissen will, die geht zur Hölle, die ist zum Überfluss verheiratet (= besser wäre es, sie wäre nicht verheiratet). |
| Ako će biti i mati kad vas na zlo navrati ne valja poslušati 30neka znate kadune. | Und wäre es selbst die Mutter, wenn sie Euch zum Bösen lenkt, sollt Ihr nicht folgen. Ihr sollt es wissen, o Edelfrauen! |
| Kogod ima pameti (p) a ako će bit za vratim valja njega slušati, neka znate kadune! | Wer immer Verstand hat (den Verständigen), und mag er selbst hinter der Türe (wie ein Bettler) stehen, so muss man seinem (Rate) Folge leisten. Ihr sollt es wissen, o Edelfrauen! |
| 35Pamet berte u glavu ter vi ho(d)te u pravu ter ne ho(d)te tamo amo â moje l’jepe kadune! | Verstand sammelt in den Kopf und geht den geraden Weg: und lungert nicht hin und her herum, o meine schönen (braven) Edelfrauen! |
| U džennet igjite za rana 40poslušajte korana čuvajte vi imana moje drage kadune! | In den Himmel geht Ihr frühzeitig ein, (wenn Ihr) den Koran befolgt; den Glauben bewahrt, meine lieben Edelfrauen! |
| čuvajte dobro mene vi, u dobro se zabavi, 45ne ljutite muža vi oj Zeničke kadune! | Achtet wohl (gut) auf mich; beschäftigt Euch mit Gutem, ärgert den Mann nicht, o Ihr Edelfrauen von Zenica! |
| Brez izuna kad hodi lanet na nju dohodi u džehennem odhodi. | Wenn sie ohne Erlaubnis ausgeht, kommt der Fluch auf sie, und sie fährt in die Hölle hinab. |
| 50Ona žena nesretna koja čojka namuči vrag je na zlo nauči, doće joj šejtan na oči kadno stane mrijeti. | Jenes Weib ist unglücklich, welches den Mann satt quält, der Teufel lehrt sie Böses (tun) an. Es wird ihr in der Todstunde der Teufel vor die Augen treten. |
| 55Koja čojka rasipa nije ona žena lipa ona gora nego slipa ružna puno do vika. | Die ihres Mannes (Habe) verschwendet, das Weib kann nimmer schön sein, sie ist ärger (unglückseliger), als wäre sie blind; sie ist viel garstig bis an ihr Ende. |
| Koja čojka ne će obuć 60u srcu joj pukla žuć tako dila kano lugj.[15] | Die ihren Mann nicht ankleiden[16] will, der soll im Herzen die Galle zerplatzen, sie handelt wie ein Verrückter. |
| Lajk je žena kaduna! kad se gizdaš dukatim zakat valja davati 65od onijeh dukati sve od groša po paru. | Es ziemt sich (ist ihrer würdig) für eine Edelfrau, wann Du Dich mit Dukaten schmückst, musst Du auch Almosen spenden, von jedem Dukaten, auf jeden Piaster eine Para. |
| Sve zine uiše i vlah krstu uiše i azap doiše 70bojte se boga kadune! | Alles liebt Kostbarkeiten, und auch der Christ liebt das Kreuz (als Schmuck zu tragen), fürchtet Gott o Edelfrauen! |
| Ne spavajte po svu noć bu(d)te mužu od pomoć uč’te buni u ponoć Umisli se ti u dragog Edhem ćatib’ jal imama. | Schlaft nicht die ganze Nacht. Seid dem Manne eine Hilfe. Lernet dieses um Mitternacht. Vertief dich in Gedanken an den liebwerten »Edhem den Schreiber oder Imam«. |
Es erübrigt noch, einige sachliche Bemerkungen über das Sprachmaterial dieser eigenartigen Literatur zu bieten, was um so eher gerechtfertigt erscheint, als der bosnisch-türkische Dialekt bisher nur in zwei oder drei Abhandlungen wissenschaftlich erörtert wurde. Dem grossen Kreise der Gebildeten blieb er aber sozusagen unbekannt. Und doch könnte niemand in Abrede stellen, dass eine eingehende Bearbeitung dieses Sprachmaterials in zweifacher Hinsicht nutzbringend ausfallen müsste. Denn wir haben es hier mit der seltenen Erscheinung zu tun, dass zwei ganz fremde Elemente — Zweige des indogermanischen und des turanischen Sprachstammes nämlich — zusammentreffen, teilweise ineinander verschmelzen und übergehen. Man hat daher Gelegenheit, die Gesetze der Lautwandlungen an einem ursprünglichen Beispiele beobachten zu können. Weiters aber wird sich ein unmittelbarer praktischer Nutzen für die türkische Lexikographie herausstellen, wie auch manche in anderen slavischen Sprachen anzutreffenden Ausdrücke, über deren Provenienz bisher gewagte Hypothesen aufgestellt wurden, nunmehr in anderem Lichte erscheinen müssen. Besonders der mit Rücksicht auf die noch unfertige türkische Lexikographie zu erwartende Fortschritt kann bedeutend werden, indem nicht nur eine mässige Bereicherung des türkischen Wortschatzes zu erhoffen ist, sondern auch eine Richtigstellung der vorhandenen Wörterbücher. Es ist in der Tat auffallend, dass Bianchi, Jenker u. a. Verfasser türkischer Wörterbücher für Ausdrücke unzweifelhafter slavischer Abstammung das Polnische als Quelle annehmen, während es doch notorisch ist, dass die Osmanen niemals in dauernder intimer Berührung mit dem Polenreiche standen. Schon Blau hat auf diesen Umstand hingewiesen, der sicherlich Beachtung verdient; und eine aufmerksame Vergleichung der gangbaren Lexika mit dem bisher gesammelten bosnisch-türkischen Wortschatze wird zu dankenswerten Korrekturen Anlass geben.
Die Anführung der aus der Beobachtung des Übergangs türkischer Ausdrücke oder Stämme auf slavischen Sprachboden gewonnenen Regeln und Gesetze gehört schon aus dem Grunde nicht hieher, weil sie bei dem Leser die Kenntnis beider Sprachen voraussetzt. Ebensowenig können wir hier eine Bereicherung des Wortschatzes anstreben, da eine solche Arbeit nur dann wissenschaftliche Berechtigung beanspruchen könnte, wenn sie in möglichster Vollständigkeit geboten würde.
Die bosnischen Moslimen, die sich nur durch den verschiedenen Glauben von ihren christlichen Landsleuten unterscheiden, bedienen sich — wie schon früher bemerkt — bei ihren Aufzeichnungen der arabischen Schriftzeichen. Einerseits mag die aus dem Koranstudium sich ergebende Notwendigkeit, das arabische Alphabet zu kennen, und anderseits der Wunsch, sich vor ihren geringgeschätzten andersgläubigen Mitbürgern in jeder Hinsicht auszuzeichnen, diesen Brauch gezeitigt haben, der als eine der Hauptursachen für die Entstehung der bosnisch-türkischen Mischsprache angesehen werden kann. Denn es ist unzweifelhaft, dass hier mehr oder weniger bewusste Absichtlichkeit vorliegt. Es galt vor allem, die Sittenlehren des Islam unter den neuen Gläubigen zu verbreiten, und hiezu musste eine Form zweckmässig erscheinen, die — indem sie die schwer übersetzbaren, wichtigen Ausdrücke in ihrer ursprünglichen türkischen oder arabischen Form übernahm, — sie doch kommentierend dem Alltagverstand zugänglich machte. Wir sehen auch, dass nahezu alle auf Religion, Moral, Seelenleben bezüglichen Ausdrücke dieses Dialektes türkisch sind. Um aber zu verhüten, dass die ursprüngliche Bedeutung der wichtigen Ausdrücke in der Übersetzung verloren gehe, hat man das ihnen eigene arabische Gewand beibehalten, und so war die Grundlage gegeben, auf der sich diese Literatur in orientalischem Gewande entwickeln konnte.
Nun ist aber zu bedenken, dass die arabische Schrift der türkischen Sprache selbst durchaus fremd ist und dass sie sich nur widerwillig dem ihr auferlegten Zwange fügt. Bekanntlich reicht das arabische Schriftsystem zur Vokalbezeichnung nicht aus, und gerade die türkische Sprache mit ihrer hoch entwickelten Euphonie und ihren vielen Vokallauten bedarf einer genauen Unterscheidung. Eine Folge dieses Umstandes ist die sehr mangelhafte türkische Orthographie, für die gangbare feste Regeln aufzustellen viele Männer — aber leider! bisher vergeblich — sich abmühten. Auch die Araber fühlen das Unzulängliche ihrer Schriftmethode, und in neuerer Zeit sind Bestrebungen zu verzeichnen, die unter Beibehaltung des arabischen Alphabets doch eine genauere Orthographie und vor allem bessere Bezeichnung der Selbstlaute zum Zwecke haben. In diesen mangelhaften, von vornherein unzulänglichen Apparat wurde nun eine slavische Sprache hineingezwängt, die bei ihrem grossen Vokalreichtume hiezu ganz und gar ungeeignet ist. Unmittelbare Folge war eine unbeschreibliche Verwirrung der Orthographie, die das Lesen und das Verständnis der Texte erschwert, ja letzteres stellenweise unmöglich macht. In den vorhandenen sechs Manuskripten des mit »Hajd Avdija ti na vaz« beginnenden Lehrgedichtes kommen in jedem Vers, in jeder Zeile so viel orthographische Varianten vor, dass man — um eine Vergleichung zu ermöglichen — alle sechs Texte vollinhaltlich hersetzen müsste.
Der hier benützte Text ist der deutlichste von allen und beweist durch eine gewisse Stetigkeit der Orthographie, dass der Schreiber ein gebildeterer Mann gewesen. Zu erwähnen ist noch, dass die von mir gesammelten bosnisch-türkischen Handschriften vielleicht alle aus der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts stammen und daher in ihrer argen Unbeholfenheit ein Bild eines halbverflossenen bosnischen Schrifttums gewähren.
Dass diese bilingue Literatur nie tiefere Wurzeln im Volke zu fassen vermochte und stets nur ein bestimmten Zwecken dienendes Kunstprodukt blieb, ist klar. Die nur wenigen verständlichen Texte erschwerten die Verbreitung der einzelnen Gedichte und waren auch Ursache, dass sie — mit zunehmender Verbreitung — immer mehr von der ursprünglichen Form abweichen. So kommt es, dass die vorhandenen Gestaltungen eines und desselben Gedichtes starke Abweichungen zeigen, indem in einzelnen ganz neue Verse und Strophen auftauchen, in anderen wieder der Wortlaut nicht übereinstimmt. Diese Abweichungen sind indes nicht ausschliesslich auf Rechnung der Kopisten zu setzen, denn auch die nach unmittelbarer mündlicher Überlieferung niedergeschriebenen Texte ergeben, dass so viele Rezitatoren, so viele individuelle Varianten vorkommen. Unter solchen Umständen, wo der stoffliche Inhalt allein massgebend ist, muss freilich die poetische Form allen Wert verlieren; jedenfalls kann man nicht erwarten, dass sich eine gesunde Kunstpoesie auf solchem Boden entwickle.
Fassen wir kurz zusammen. Die bosnisch-türkische Mischsprache weist zwar schon die Merkmale eines Dialekts auf, ist aber doch nicht so tief in das Geistesleben des Volkes eingedrungen, dass man sie als die hervorragend charakteristische Eigenschaft der ganzen bosnischen Volkindividualität betrachten müsste. Ihre Berechtigung datiert von dem Augenblicke an, als sich die Bošnjaken aus Nützlichkeitrücksichten dem türkischen Wesen anzupassen begannen, und hört mit dem Augenblicke auf, seitdem die türkische Herrschaft nur noch der Geschichte angehört. Vollends der Gebrauch der arabischen Schriftzeichen ist schädlich, da er als Hindernis gegen die Verbreitung der Literatur wirkt. Vom praktisch-zivilisatorischen Standpunkte aus verdienen daher alle auf Erhaltung und Pflege dieser eigenartigen Literatur gerichteten Bestrebungen keine Förderung. In neuerer Zeit nennen sich die bosnischen und herzogländischen Moslimen unter dem Einfluss der Schulbildung bald Serben, bald Chrowoten und bedienen sich sowohl der cyrillischen als der lateinischen Schrift. Es gibt auch unter ihnen schon Kunstdichter, die es mit ihren Brüdern auf den Agramer und Belgrader Parnassen in der Anstrudelung unerweichlich grausamer Huldinnen erfolgreich aufnehmen. Nur am übermässigen Gebrauch türkischer Lehnwörter halten sie noch fest. Das unterscheidet sie von den anderen, die man auch nicht liest und vom Guslaren, der in der Volksprache singt und überall dankbare Zuhörerschaften findet.