Zur Einführung.
Ansätze zu einem moslimisch-slavischen Schrifttum. — Einflüsse des türkischen auf das slavische Volktum. — Probestücke aus der handschriftlichen Literatur bosnischer Moslimen.
Wir wollen einige merkwürdige Proben des orientalisch-slavischen Schrifttums vorlegen, das sich in Bosnien und dem Herzoglande bei den moslimischen Slaven entwickelt hat. Es sind dies Erzeugnisse einer gar bescheiden auftretenden Kunstdichtung, wo die Kunst keine besondere Dichtung und die Dichtung keine erhebliche Kunst zeigt. Die Kunstdichtung gehört eigentlich nicht zur Ethnographie, sondern, wie es sich von selbst versteht, hauptsächlich zur schöngeistigen Literatur und will vornehmlich vom Standpunkte des Ästhetikers aus betrachtet werden. Das gilt aber im allgemeinen von jeder literarischen Schöpfung, im einzelnen können doch noch immer andere Gesichtpunkte zur Geltung kommen. So muss z. B. gegebenenfalls der Ethnograph die allerersten Ansätze zu einer Kunstliteratur, wo noch immer die Individualität des schaffenden Dichters soferne unter der Menge verschwindet, als sein geistiges Eigentum als blosser Ausdruck des Fühlens und Denkens der breiten Menge angesehen werden kann, ganz gewiss in den Kreis seiner Betrachtungen ziehen. Ein literarisch gebildeter Dichter kann ins Volk hinabsteigen oder das Volk zu sich emporheben, je nachdem er die Gabe besitzt, auf die Menge nachhaltig einzuwirken. Erst die für einen beschränkteren Kreis des Volkes berechnete literarische Produktion, die, um verstanden zu werden, beim Zuhörer oder Leser eine nicht ganz alltägliche Auffassung und Bildung zur Voraussetzung hat, soll man füglich der Kunstdichtung beizählen.
So legt die Kunstdichtung mittelbar dafür Zeugnis ab, dass in gewissen gesellschaftlich bevorzugten Kreisen die lebendige Volküberlieferung nicht mehr ausreiche, um das erwachte Bedürfnis nach geistiger Nahrung zu befriedigen. Die Kunstdichtung mag, z. B. wie bei den Hebräern des Altertums und den Hellenen, auf heimatlichem Boden unter günstigen Umständen in Anlehnung an die Volküberlieferungen der illiteraten Menge entstanden oder als ein Reisschössling aus der Fremde importiert worden sein. Im ersteren Falle muss auch der Kunstliteratur ein ungleich höherer, ethnographisch relativer Wert innewohnen, als im letzteren, denn sie wird ihm mitunter wohl recht schätzbare Aufschlüsse über das Volktum bieten. Die aus der Fremde verpflanzte Literatur verleugnet dagegen höchst selten ganz ihren ursprünglichen fremden Charakter; sie zu durchforschen wird für den Ethnographen nur soweit von Belang sein, als er aus solchem Schrifttum beiläufig entnehmen kann, in welcher Form und in welcher Art ein Volkgeist dem anderen sich anbequemt, wie ein Volk die Gedanken eines anderen Volkes geistig zu verarbeiten vermocht hat.
Die Kunstliteratur der moslimischen Slaven Bosniens und des Herzoglandes besteht vorwiegend aus importierten und in slavischer Sprache nachgebildeten türkischen und arabischen Geisterzeugnissen. Es ist gewiss nicht wenig anregend, den Grundursachen nachzuspüren, die die Entwicklung einer orientalisch-slavischen Literatur bei den Südslaven begünstigt haben. Die Erscheinung ist ethnographisch um so auffälliger und bemerkenswerter, als die Südslaven sich nicht bloss einer alten klösterlichen Literatur, sondern auch einer überaus reichhaltigen, sagen wir gleich, einer wunderbar herrlichen epischen Volküberlieferung, der Guslarenlieder, berühmen können.
Kurz mag man die Frage so stellen: Wiefern sind die Südslaven, die älteren Bewohner des Balkans, in ihrer geistigen Entwicklung von den späteren Nachkömmlingen, von ihren Herren, den Türken, bestimmt worden?
Über vierhundert Jahre lang herrschte der Halbmond über das weit ausgedehnte, von Natur aus so eigentümlich gestaltete Gebiet der Balkan-Halbinsel. Hier suchten die Türken festen Fuss zu fassen, weil sie vom Balkan aus die vitalen Interessen ihres Reiches Westeuropa gegenüber am erfolgreichsten verteidigen konnten. Der innige Kontakt zwischen so verschieden gearteten Völkerschaften, wie die Türken und Slaven, musste einen Verschmelzungprozess hervorrufen. Es fällt nicht leicht, einen klaren Einblick darein zu gewinnen, weil es noch an einschlägigen Vorarbeiten sehr gebricht.