Zur Zeit als die ersten türkischen Kriegerscharen die kleinasiatischen Besitzungen des oströmischen Kaiserreiches zu bedrängen anfingen, war der bulgarische Staat innerlich zerfallen, das serbische Reich stand erschöpft und geschwächt da, das bosnische lag, durch jahrhundertelange heftige Religionkriege aufgerieben, förmlich in den letzten Zügen, das halbmythische chrowotische endlich war schon längst zum Anhängsel Ungarns geworden.

Unter dem Drucke einer unproduktiven, geistertötenden spätgriechischen Kultur, hart bedrängt von der griechisch-orientalischen und von der römischen Kirche, hatte sich der südslavische Grund- und Lehenadel zumeist zum Bogomilentum geflüchtet. Es scheint, als ob die Lehre Bogomils ihren Anhängern die meisten persönlichen Freiheiten gewährt habe. Die Ursprünge dieser Sekte dürften im Arianismus zu suchen sein. Sehr häufig standen in Religionstreitigkeiten und Angelegenheiten Adel und König in einander entgegengesetzten Lagern. Das Bogomilentum hatte die jungen südslavischen Staatenbildungen in ihren Grundvesten zerfugt, indem es die breite Menge des Volkes in wahnwitzvolle Religionhetzen hineingetrieben. Delirant reges, plectuntur Achivi. Kriege mit auswärtigen Feinden haben fast immer zur kräftigeren Ausbildung der Individualität des obsiegenden Volkes beigetragen; mitunter haben selbst erlittene Niederlagen ein Volk zur höchsten Ausnützung und Betätigung der in ihm schlummernden Kräfte genötigt; die Flamme von Bürgerkriegen aber, zumal derjenigen, die religiöser Fanatismus auflodern lässt, die zehrt Mark und Bein des Volkes auf. Der grösste Sieg bleibt stets ein Pyrrhussieg.

Solcher düsterer Siege hatte das vortürkische Südslaventum an allen Ecken und Enden, am meisten in Bosnien, aufzuweisen. So mochte den Bošnjaken der Türke als ein ersehnter Befreier und Erlöser aus unleidlichen gesellschaftlichen Verhältnissen erscheinen. Auf eine andere Weise kann man sich füglich die eine Tatsache nicht erklären, wie die Türken mit verschwindend geringen Opfern an Blut, nahezu ohne Schwertstreich, über Bosnien Herren geworden. Fast der ganze Adel und ein grosser Teil des Volkes hatte sich vom König losgesagt und freiwillig zum Islam geschworen. Feigheit war gewiss nicht der Beweggrund, und die Habsucht, um die ererbten Güter weiter im Besitz zu behalten, wohl auch nicht, helle Verzweiflung war es, die den stolzen Adel zu diesem Schritt getrieben.

Der Übertritt zum Islam dürfte den Bošnjaken nicht besonders schwer gefallen sein, denn Adel und Volk hatten im Religionwechseln schon förmlich eine Übung erlangt. Von den Türken aus wurde in dieser Hinsicht auf die Bošnjaken kaum ein besonderer Zwang ausgeübt. Das muss wohl auch der erbittertste Türkenhasser den Türken wahrheitgemäss zu ihrem Lobe nachsagen: sie waren in Europa weder in religiöser noch in nationaler Beziehung Proselytenmacher. Der Türke blickte mit viel zu viel Geringschätzung auf den Slaven herab, als dass er es für wünschenswert gehalten hätte, ihn zum Islam zu bekehren. Tatsächlich hatte sich der bosnische Adel durch seinen Übertritt nicht viel genützt. In den ersten zwei Jahrhunderten der Okkupation durch die Türken spielt der moslimische Slave eine durchwegs höchst untergeordnete Rolle im politischen Leben; und die moslimischen Slaven, die sich später als Helden hohen Ruhm erwarben, die Mujo Hrnjica, Siv sokol Alile, Ćejvan aga dedo, dedo Varićak, Pandžić Huso, Tale Orašjanin, Džanan sarajlija und so viele andere waren ausnahmlos homines novi, Männer aus der Schichte der Ackerbauer, die ihre Stellung und ihre Macht lediglich ihrer persönlichen Tapferkeit und ihrem Mute zu verdanken hatten.

Immer wieder muss sich der südslavische Ethnograph, angesichts solcher mächtigen Wandlungen im Volkleben, die Frage zu beantworten suchen, wie war es denn mit dem südslavischen Volktum in den Zeiten vor der türkischen Invasion beschaffen?

Über die ethnographischen und kulturellen Verhältnisse der Südslaven in den der türkischen Herrschaft vorausgegangenen Jahrhunderten sind wir leider äusserst mangelhaft unterrichtet. Was uns von der altsüdslavischen Literatur überkommen, sind trümmerhafte Petrefakte einer slavisierten spätbyzantinischen Literaturströmung. Einige magere, gedankenarme Chroniken über kriegerische Ereignisse, zweifelhafte Geschichten von Duodezkönigen, einige Bändchen königlich oder »kaiserlich« serbischer Gesetze und diplomatischer Korrespondenzen sind, abgesehen von zahlreichen sachlich und sprachlich minderwertigen Evangelien-Übersetzungen, Homilien und ungemein naiven Heiligenlegenden, fast die einzigen, freilich sehr dürftigen literarischen Quellen unseres Wissens vom Kulturleben der Südslaven in vortürkischen Zeiten. Man hat zwar ein Sammelwerk aller südslavischen Steininschriften in Angriff genommen. Den Hauptvorteil dürfte aus dieser Sammlung vorzugweise der Philolog als Grammatiker ziehen; wie denn im allgemeinen die altslavischen Texte, die dem Süden entstammen, immer die sorgfältigste Beachtung der Linguisten verdienen.

In die verknöcherte byzantinische Schablone, die den Südslaven aufgenötigt wurde, liess sich unter den damals obwaltenden Verhältnissen unmöglich originelles, individuelles Wesen einfügen. Der byzantinische Geist musste, wie er schon einmal war, entweder vollinhaltlich aufgenommen oder zurückgewiesen werden. Den Südslaven ist der Byzantinismus hauptsächlich durch die griechisch-orientalische Kirche vermittelt worden, die keine Kompromisse zuliess. Die illiteraten Südslaven hatten wohl damals, in der Periode ihrer ersten Staatenbildungen, keine eigene, widerstandfähige Kultur der eindringenden byzantinischen als Wehr entgegenzustellen. Auch wetteiferten die Fürstenhöfe und der Adel in der Nachahmung byzantinischer Vorbilder. Byzanz war der erste und bedeutendste Lehrmeister der Balkan-Slaven. Andererseits drang zu den Südslaven vom Südwesten italienische, vom Nordwesten deutsche Kultur ein.

Den weitaus überlegenen Kulturen ihrer sprachstammverwandten Brüder, den Griechen, Italienern und Deutschen gegenüber, konnten sich die Südslaven doch nur stets aufnehmend verhalten. Es ist nicht leicht annehmbar, das südslavische Volktum hätte unter diesem Einstürmen dem slavischen Vorstellungkreise durchaus nicht abartiger Elemente noch Raum zu einer freien und gedeihlichen Entwicklung gefunden. Das echtslavische, aus den nördlichen Heimatstätten mitgebrachte Volktum blieb jedoch fast ausserhalb der Berührung mit der Literatur und Kultur, die von Mönchen und Adeligen aus dem Auslande mitgebracht wurde. Man sah mit Gleichmut, wo nicht mit Verachtung auf das ungebildete Volk herab und bekümmerte sich um sein inneres Leben und Weben so gut wie gar nicht. Wie lässt es sich denn anders erklären, dass uns die gesamte altsüdslavische Literatur nicht einmal die blossen Namen der altsüdslavischen vorchristlichen Gottheiten oder ihrer Kultusstätten, geschweige erst Nachrichten über Sitten und Gebräuche oder zum mindesten ein einziges episches oder vielleicht lyrisches Lied aufbewahrt hat? Die alten slavischen religiösen und gesellschaftlichen Anschauungen bildeten eben keinen Faktor, mit dem die Missionare des östlichen und westlichen Christentums hätten rechnen müssen.

Bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts bedrohte die Südslaven Gräzisierung im Osten, Romanisierung und Germanisierung im Westen. Als aber die Türken Glied für Glied dem byzantinischen Reiche in Asien ausrissen, behob sich auch rasch das politische Alpdrücken der Balkan-Slaven; da streckte und reckte sich das Serbenreich, von Byzanz frei geworden, gar mächtig aus, östlich fast über ganz Bulgarien und südlich bis tief nach Griechenland hinab. Es gewann für einen Augenblick den Anschein, als sollte sich unter dem Szepter der serbischen Eroberer ein grosses Reich bilden, das alle Südslaven vom Schwarzen Meer und der Donau-Mündung angefangen bis zu den blauen Fluten der Adria zu einem Staate vereinigen wird.

Der Bošnjak verlegt das goldene Zeitalter seines bosnischen Stammes unter die Regierung des halbmythischen bosnischen Fürsten Kulinban, noch mehr feiert der Serbe seinen Car Dušan. Der eine wie der andere hatten es verstanden, die Präponderanz der Pleme-Oberhäupter zu Gunsten der Krone bedeutend zu schwächen und die kleinen Spaltungen unter den Phylen (plemena) und Phratrien (bractva) auszugleichen. Beider Politik rüttelte das Volkbewusstsein auf. Das eigentliche Erwachen zur Erkenntnis ihrer Volkkraft verdanken die Südslaven im allgemeinen, insbesondere aber die Serben, mittelbar dem Ansturm der Türken gegen das byzantinische Reich. Die serbischen, Byzanz tributären Herrscher wurden zu Bundgenossen Byzanz’ gegen die Türken. Damals mochte der poetisch veranlagte serbische Streiter, heimgekehrt aus siegreichem Kampfe in weiter Ferne, an langen Winterabenden seinen um das Herdfeuer lagernden Plemegenossen in rhythmischem Singsang, begeistert von den Erinnerungen, Kunde tun von Kampfmühen und herber Not, von kühnen, abenteuerlichen Zügen durchs schauerliche Dunkel der Urwaldbestände des Balkans, von reissenden Gebirgströmen und von endlos weiten weizenspendenden Gefilden, von gleissenden Gewaffen und stahlbepanzerten fremden Kriegerscharen, von der stolzen Pracht und Herrlichkeit der Tempel und Paläste in Kaiser Konstantins weissen Stadt am Meere. Und gerne flocht er mit das Lob der holdseligen, liebreichen Frauengestalten am Hofe der Komnênen ein.