Begierig lauschte Jung und Alt solchen seltsamen Mären. Eine ungeahnte Welt voll verlockender Zauberdinge hielt ihren Einzug in das bäuerliche Gemüt des Serben. Unter dem bezwingenden Eindruck solcher Schilderungen regte sich im Bauer ritterlicher Sinn, Tatendrang und die Lust an waghalsigen Abenteuern. Das war wie nach langem Winterschlafe ein sonniges Frühlingauferstehen der südslavischen Volksdichtung.
Noch gegenwärtig, volle fünf Jahrhunderte nach jenen Ereignissen, weiss der illiterate serbische Guslar in Bosnien und dem Herzogtum davon zu singen und zu sagen. Und selbst wenn er ein Geschehnis späterer Zeit, aus der Epoche der Türkenherrschaft besingt, so schmückt er seine Darstellung mit dem überkommenen Vorrat von stereotypen Wendungen und Gleichnissen aus jener ersten grossen Periode der epischen Volksdichtung aus.
In der Schlacht am Leitenfelde (Kosovo polje), am 13. Juni 1389, unterlagen die vereinigten serbischen Kriegscharen der türkischen Übermacht. Einige Jahrzehnte nachher kam auch Bosnien und bald darauf das Herzogtum unter türkische Botmässigkeit.
Die Türken hatten den Balkan nur politisch, nicht auch sozial erobert. Ein beträchtlicher Teil der Südslaven serbischen Stammes flüchtete nach Dalmatien, ins Küstenland, nach Chrowotien und Istrien und auf die Inselwelt der Adria. So wuchs allmählich ein Damm an gegen die Romanisierung Dalmatiens und gegen die Germanisierung Chrowotiens. Selbst die Slovenen in Krain und Kärnten wurden durch die neuen Zuzüge aus dem Süden, besonders aus Bosnien, gegen die Verdeutschung widerstandfähiger. Andererseits begann nach und nach die chrowotische Mundart in der lebenskräftigeren, volltönenderen serbischen aufzugehen und ist schliesslich in ihr so gut wie ganz aufgegangen. Wenn man heutigen Tages von einer chrowotisch-serbischen oder serbisch-chrowotischen Sprache und Literatur spricht, so ist darunter die slavische Mundart des Serbenstammes und das in dieser Mundart verfasste Schrifttum zu verstehen.
Vom Gesichtpunkte des Ethnographen aus betrachtet, sind die Chrowoten und Serben trotz ihrer nahen Verwandtschaft doch zwei selbständige eigenartige Typen der slavischen Völkerfamilie. Genaue, rein sachliche Untersuchungen wären aufzustellen, um klarzulegen, wie viel die Serben und Chrowoten einander in ethnographischer Hinsicht zu verdanken haben. Die serbischen Flüchtlinge verpflanzten unter die Chrowoten die Epen, die von der Leitenfelder Schlacht, vom Car Lazar, von den Helden Obilić Miloš, Relja Krilatica, Starina Novak, dijete Grujica, von den beiden Kosančić und vielen anderen, am meisten verhältnismässig vom Prinzen Marko erzählen. Die Jahrhunderte hindurch gebräuchlichen kleinen Raub- und Plünderzüge der Magyaren, Chrowoten[1] und Serben ins türkische, und der Türken oder der moslimischen Slaven ins ungarische und venezische Gebiet wanden immer neue Episoden in das schier endlose Epengeranke der Südslaven ein.
Einen neuen mächtigen Impuls, den zweitkräftigsten, seitdem der serbische Volkstamm in der Geschichte aufgetreten, erhielt die epische Volkdichtung in den letzten Dezennien vor der Verdrängung der Türken aus Ungarn. Die ritterlichen moslimisch-slavischen Grenzwächter (serhatlije od ćenara), die beiläufig dreissigtausend[2] Mann auserlesener Truppen ins Feld stellen konnten, hatten einen gar schweren Stand, die weithin ausgedehnten Marken des türkischen Reiches im Westen gegen die fortwährenden Anstürme venezischer, deutscher und magyarisch-chrowotischer Kriegscharen zu verteidigen. Die gewaltigen Kriegzüge gegen Österreich boten den Moslimen serbischer Zunge und serbischen Stammes weitaus reichere und für sie erfreulichere Motive für eine epische Volkdichtung dar, als solche in der älteren Überlieferung vorhanden waren. Meine grossen Sammlungen moslimisch-slavischer Epen[3] legen ein glänzendes Zeugnis dafür ab, dass das südslavische Volktum in diesen Schöpfungen seinen höchsten und künstlerisch vollendetsten Ausdruck gefunden. Nur die altgriechischen Epen Homers sind den moslimisch-slavischen ebenbürtig, sonst hat kein Volk unter den sog. Indogermanen so gediegenen Reichtum an Volkepen »aus tiefen Furchen seiner Brust« gezogen.
In der Crnagora, in Bosnien, im eigentlichen Serbien und in Bulgarien entfaltete sich vom 15. Jahrhundert ab unter den slavischen Nichtmoslimen eine Hajduken-Epik, die stofflich und in der Ausführung auf ein Haar den neugriechischen und den albanesischen Klephten-Epen gleicht. Die dicht bewaldeten Höhenzüge der Balkan-Gebirge und die höhlenreichen Karstgebiete sind die wahren Heimstätten der Hajduken gewesen, von denen der Guslar singt:
| mač i puška i otac i majka | Seine Flinte heisst er »Mutter!« und sein Schwert »lieb Väterchen!« | |
| dvije male bratac i sekuna | Zwei Pistolen in dem Gürtel »Brüderchen und Schwesterchen:« | |
| oštra ćorda vijernica ljuba | An dem Gurt ein scharf Gewaffen ist sein »trautes Ehgemahl!« | |
| tvrda st’jena mekano uzglavje | Und der harte Felsen dient ihm nachts als weiches Polsterpfühl; | |
| 5 | kabanica kuća do vijeka. | Und sein Heim, das ist sein Mantel bis zur letzten Lebensstund. |
Merkwürdig ist die Erscheinung, dass bei den Bulgaren sowohl die epischen Lieder aus der älteren Periode als die Hajduken-Epen vorwiegend auf Anlehnung an serbische Originale oder auf unmittelbare Entlehnung aus dem Serbischen hindeuten. Dafür haben die Bulgaren die Sagen, Märchen und Legenden mehr ausgebildet. Die Stoffe sind vielfach orientalischen Ursprungs. Bulgarien hatte es unter türkischer Herrschaft verhältnismässig weitaus besser als die Bewohner der übrigen Provinzen. Bei den Bulgaren entwickelte sich frühzeitig ein beträchtlicher Gewerbefleiss, dessen Erzeugnissen leicht alle Märkte des Orients zugänglich waren. Der regere Handelverkehr und der aufsteigende Volkwohlstand beanspruchten den Bulgaren derart, dass er den Sinn und das politische Verständnis für seine Volkindividualität verloren zu haben schien und bis zum Anfang dieses Jahrhunderts gar keine grösseren Anstrengungen machte, die Türkenherrschaft abzuschütteln. Fanden sich ja erst vor zweihundert Jahren die Rhodopebulgaren sogar bewogen, samt und sonders den Islam anzunehmen.[4]
Im allgemeinen hat sich der Islam als nicht geeignet erwiesen, die Abendländer für seine Prinzipien zu gewinnen. Die Serben und die Bulgaren, sowie ein Teil der Balkan-Zigeuner, machten in dieser Hinsicht die alleinige Ausnahme unter den Völkern Europas. Dagegen bewährte sich der Islam unter den turanischen und semitischen Völkerschaften in Asien und unter den Negern in Afrika als höchst wirksames Förderung- und Bindemittel der Kultur.