Mehr Märchen als Sagen sind folgende zwei Hexengeschichten, beide aus der Umgegend von Warasdin.

I.

Es waren einmal eine Mutter mit einem kleinen Kinde, das sie vor kurzem zur Welt gebracht. Da sie ein armes Weib war, konnte sie keine Gevatterin finden. Nun begegnete ihr einmal auf dem Wege, als sie auf Arbeit ging, eine Hexe und sie bat sie ihrem Kinde Gevatterin stehen zu wollen. Nach der Taufe sagte die Gevatterin zur Mutter, sie möge sie einmal besuchen, wenn das Kind etwas grösser geworden. Nach geraumer Zeit machte sich die Frau auf den Weg zur Gevatterin in ihr Schloss. Vor dem Schlosstore angelangt, fielen ihr zwei Hähne auf, die als Torwächter auf und abgingen. Sie schritt vorbei, kam in die Küche und erblickte Schürhaken und Schaufel gegeneinander schlagend und herumtanzend. Als sie auf den Söller kam, sah sie in dem ersten Zimmer nur Blutlachen, im zweiten Zimmer nur Fleischstücke, im dritten lauter Hände und Füsse, und als sie durchs Schlüsselloch ins vierte hineinlugte, gewahrte sie die Gevatterin, mit einem Pferdekopfe auf dem Haupte, damit beschäftigt den Pferdekopf zu lausen. Kaum trat sie in die Stube hinein, schleuderte die Gevatterin den Pferdekopf unter den Stuhl, und der Besuch fing ihr zu erzählen an, was für Merkwürdigenkeiten sie im Hinaufgehen gesehen: »Beim Eingang ins Schloss sah ich zwei Hähne als Torwächter.« — »Das sind«, erklärte die Alte, »meine Wächter.« — »Im Hinaufgehen sah ich in der Küche Schürhaken und Schaufel tanzen.« — »Das ist meine Dienerschaft, sie feiert Hochzeit und erfreut sich am Tanz.« — »Als ich schon oben am Söller war, sah ich ein Zimmer voll Blutlachen.« — »Das ist mein Wein.« — »Im zweiten und dritten Zimmer sah ich lauter Fleischstücke.« — »Das ist mein Braten.« — Hierauf ging die Hexe hinaus, brachte Blut und Fleisch und bot es der Frau zu essen und zu trinken an, doch die weigerte sich beharrlich auch nur das Geringste zu sich zu nehmen. Beim Abschiede gab ihr die Hexe das Vortuch voll Kohlen und schärfte ihr ein, sie nicht wegzuwerfen, wofern sie etwas Gutes zu haben wünsche. Auf dem Wege aber fiel der Frau ein Teil davon aus der Schürze und sie fand es nicht der Mühe wert, das zu Boden Gefallene mehr aufzulesen. Wie sie nach Haus kam, warf sie verächtlich die Kohlen auf den Tisch, und siehe da! — es war lauter blankes Gold.[59] Jetzt tat es ihr freilich leid um das, was sie weggeworfen, und sie tummelte sich an den Ort zurück, um es aufzulesen, doch es war keine Spur mehr von den Kohlen, ebensowenig auch von einem Schlosse zu entdecken. Da ward es der Frau klar, dass sie es mit einer Hexe zu tun gehabt.

II.

Es war einmal eine Gräfin, die hatte ein kleines Töchterchen. Die Kleine ging einmal in den Wald und verirrte sich darin. Als sie so hin- und herirrte und weinte, erblickte sie in weiter Ferne ein kleines Häuschen, zu dem lenkte sie ihre Schritte. Als sie dort ankam, pochte sie an der Türe an. Jemand rief von drinnen: »Herein«. — Das Mädchen öffnete die Türe und trat in die Stube ein und erkannte gleich beim ersten Blick, dass sie sich in der Behausung einer Hexe befinde. Die Hexe sprang sogleich auf sie los, stach ihr die Augen aus und jagte sie so lange um den Tisch herum, bis sich die Kleine ganz wund schlug; dann aber trieb sie sie ins Bett. Am nächsten Tage ging die Alte irgend wohin in den Wald und das Mägdlein blieb allein zu Hause. Das arme Kind war vollkommen blind und sass traurig in einem Winkel. Auf einmal hörte sie ein Vöglein singen und vernahm deutlich seine Worte: »Öffne den Kasten, der dort steht, nimm das Fett heraus, das sich darin befindet und bestreich dir damit die Augen.« — Das Mägdlein tappte nach dem Kasten, schloss ihn auf, nahm das Fett heraus, bestrich sich die Augen damit und ward auf der Stelle wieder sehend. Jetzt schaute sie sich nach dem Vöglein um und entdeckte es in einem Käfig. Sie trat zum Vöglein hin und sprach ihm ihren Dank aus, und das Vöglein entgegnete ihr: »Ich habe dir nicht ganz umsonst geraten, ich fordere einen Gegendienst. Du sollst mir den Kopf abschlagen; ich bin nämlich so wie du ein verzaubertes Mägdlein und kann wieder meine ehemalige Menschengestalt erlangen, wenn du mir den Kopf abschlägst. Ich verstehe mich nicht wenig auf Hexenkünste und werde leicht Mittel und Wege finden, um uns Beiden aus der Klemme zu helfen.« — Gut. Das Mägdlein schlug dem Vöglein das Köpfchen ab und das Vöglein verwandelte sich augenblicklich in eine schöne Maid. Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, ergriffen die zwei Mädchen die Flucht durch den Wald. Als inzwischen die Hexe nach Haus kam und die Mädchen nicht mehr vorfand, sattelte sie rasch eine Wildsau und setzte den Fliehenden nach. Wie sie ihnen schon, wie man sagt, auf den Fersen war, merkte das Mädchen, das sich auf Hexenkünste verstand, dass ihnen die Hexe nachsetzte und sagte zu ihrer Fluchtgenossin: »Hörst du, wie sie hinter uns einherjagt? — Doch, ich kann ja hexen: du sollst dich in ein Fischlein verwandeln, ich verwandle mich in eine Lache.« — Sie hatte noch nicht recht diese Worte ausgesprochen, so war die Verwandlung auch schon geschehen. Als die Hexe fort war, verwandelte das kundige Mädchen sich und ihre Genossin wieder in Menschengestalt und sie setzten ihre Flucht fort.[60] Auf einmal vernahmen sie hinter sich Pferdegetrappe; das eine Mädchen hörte die Stimme ihres Vaters und sagte zum anderen: »Hier wollen wir warten, man sucht mich.« — Kaum hatte sie dies gesprochen, war ihr Vater auch schon zur Stelle und hob Beide zu sich auf den Wagen, den Soldaten aber, die er mit sich führte, befahl er, der Hexe aufzulauern, sie festzunehmen und ins Schloss zu befördern. Die Hexe wurde wirklich bei ihrer Rückkehr festgenommen, gefesselt und ins Schloss gebracht. Zur Strafe musste sie eine ganze Woche lang auf der Sau herumreiten und wurde schliesslich am achten Tage der Sau zum Frasse vorgeworfen.

Bisher lernten wir die Wandlungen der Vila als Dryade und Nymphe in die Gestalt der Hexe kennen. Den Namen Vila übertrug man schon frühzeitig auch auf die Kategorie jener weiblichen Luftgeister, die Regenwolken sammeln und zerstreuen, milden Tau und ergiebigen Regen den Fluren spenden, und wenn sie den Menschen grollen, verheerende Wirbelwinde erregen und die Gefilde mit Hagelwetter verwüsten. Die Vilen sind demnach auch Wettermacherinnen. Sagen erzählen, wie die Vilen auf Wolken dahinfahren. Schon durch ihren Blick allein vermag die Vila Wolken auf dem Himmel zu sammeln. Das Volk drückt treffend die Feuerglut, die aus den Augen eines schönen Mädchens sprüht, durch den Vergleich aus, des Mädchens Auge vermöge am Himmel die Wolken zu trüben. Das tertium comparationis wird als so selbstverständlich vorausgesetzt, dass man im Vergleiche die Vila gar nicht nennt. So z. B. in folgendem Liede:

Mili bože, čuda velikoga! Gdje pogibe devet za jednoga! Da z bog koga, ne bi ni žalio, Neg z bog Soke, lijepe djevojke, 5Koja muti na nebu oblake, Kamo l ne bi na zemlji junake! »Lieber Gott, o grosses Wunder! Wie da neun für Einen umkamen! Wär’ es noch um jemands Rechten wegen, tät’s mir gar nicht leid, doch um Sokas, des schönen Mädchens wegen, die am Himmel die Wolken trübt (verwirrt), wie sollte sie nicht erst der Helden Sinn verwirren!«[61]

Bei der Wandlung der Wolkenvilen zu Hexen behauptete sich ihre Beziehung auf die Fruchtbarkeit und den Segen, doch in schlimmer Bedeutung. Die Wolkenvilen wurden zu Wetterhexen. Über die Vorstellungen des Volkes in Bezug auf die Wetterhexen haben wir ziemlich genaue Kunde.

Wenn sich der Himmel verfinstert und alle Anzeichen auf ein nahendes Hagelwetter schliessen lassen, so muss man mit geweihten Glocken läuten, um dadurch die Hexen zu verscheuchen, ferner muss man sein Gewehr mit Pulver laden und statt der Bleikugeln, wie üblich, soll man Köpfe von Nägeln, mit denen einem Füllen das Hufeisen angeheftet gewesen, auf das Pulver geben und damit in die Luft schiessen. Die Hexe fällt darauf unfehlbar aus den Wolken auf die Erde herab.

Das Schiesspulver muss in der Kirche eingesegnet werden. Ebenso muss das Gewehr geweiht sein. Man braucht die Hexe gar nicht einmal von Angesicht zu sehen, es genügt, dass man sie dahinsausen hört. Schiesst man auch nur blind in die Luft hinein, so muss die Hexe schon allein vom Dampf des geweihten Pulvers ersticken.