Besonders gefürchtet sind die Hexen, die Kühe behexen. Wenn einer Kuh die Milch versiegt, oder wenn, wie man im Volke sagt, eine Kuh eintrocknet, so schnitzt man einen Keil aus Birkenholz und keilt ihn im Stalle unter dem Lager der Kuh, gerade unter ihrem Nabel in den Boden ein. Damit ist der Hexenzauber gebrochen. Wird eine Hexe auf frischer Tat ertappt, so soll man sie mit einem Birkenrutenbesen schlagen und sie wird nimmer zaubern können.[55] Will man sein liebes Vieh gesund erhalten, so schlage man es nur mit Birkenreisern. (Slavonien.) Ein anderes Rezept aus Čehovci im Murlande lautet:
Um zu verhüten, dass Hexen den Kühen die Milch entziehen, nehme man die Mistel,[56] die auf Bäumen wuchert und Holz vom Kornellkirschbaum, füge Schiesspulver hinzu, lasse die Dinge einsegnen und wickle sie in einen kleinen Leinenlappen, den man der Kuh, bevor sie noch einmal abkalbt, in ein Horn hineingibt, nachdem man vorher das Horn oben abgeschnitten. Infolgedessen wird keine Hexe dieser Kuh etwas anhaben können.
In der Weihnachtnacht muss man den Kühen Heu vorlegen, und zwar muss man damit rauschen, damit die Kühe nicht hören, wie sie der Reihe nach von den Hexen angerufen werden und sich ihnen nicht melden. Der Kuh, die sich auf den Ruf der Hexen meldet, entziehen die Hexen die Milch.
Am Samstag vor Pfingsten (na soboto pred binkošti. Binkošti ist das deutsche Wort Pfingsten, das wieder ein Lehnwort aus dem Griechischen ist: πεντεκοστή, das slavische Wort ist duhovi) werden in Ormuž in Steiermark von alten Weibern die Kühe angeräuchert, damit ihnen die Hexen nichts anhaben können.
Will man verhüten, dass eine Hexe das Vieh behext, so pflegen die chrowotischen Bauern einen Faden um das ganze Gehöfte herum zu ziehen, den Faden muss man aber eigenhändig am Quatemberfasten gesponnen haben.[57]
Hexen vermögen eine fremde Kuh auszumelken, wenn sie auch nicht im Stalle bei der Kuh sind, wie es aus folgender Sage erhellt. Es waren einmal zwei Nachbarinnen, von denen die eine eine Hexe war. Diese Hexe pflegte das eine Ende eines langen Seiles über den Zaun in den Stall ihrer Nachbarin zu werfen, steckte dann das andere Ende des Seiles in ihren Milchkübel und melkte so die fremde Kuh aus. Sie wusste nur nicht, dass sie bei diesem bösen Treiben von ihrer beschädigten Nachbarin beobachtet wurde, und so selbst verriet, dass sie eine Hexe sei.[58] Von der Strafe, die eine Hexe wegen unbefugten Ausmelkens fremder Kühe erleiden musste, erzählt folgende Sage aus Chrowotien:
Es war einmal ein reiches und ein armes Weib. Die reiche Frau hatte nur ein einziges Kind, die arme ihrer sieben. Die Reiche besass sieben Kühe, die Arme nur eine und die gab keine Milch; denn sie wurde von der Hexe ausgesaugt. Einmal ging die Arme in den Stall und erblickte eine Kröte, die an dem Euter der Kuh säugte. Rasch ergriff sie eine Axt und schlug auf die Kröte los. Diese Kröte war niemand anderer als die reiche Nachbarin, die gleich am nächsten Tage gegen das arme Weib beim Pfarrer Beschwerde führte. Der Pfarrer liess auf der Stelle das arme Weib vor sich laden und fragte sie, wie sie es gewagt, ihre Nachbarin so schmählich zuzurichten. Das Weib erklärte, sie habe bei Leibe niemand anderen als nur eine Kröte geschlagen, die an dem Euter ihrer Kuh gesaugt. Auf diese Weise erfuhr man, dass die reiche Frau eine Hexe ist und liess sie auf Pferdeschweifen in Stücke reissen.
Die Hexe erlangt über die fremde Kuh durch ein sogenanntes sympathetisches Mittel Gewalt. Darin liegt aber auch zugleich die innere Kraft der Hexe. Gelingt es dem Beschädigten, die Stücke in die Hand zu bekommen, so ist er zugleich Herr der Hexe. Er kann sie dann nach Belieben vernichten. Darüber belehrt uns ein Märchen aus Chrowotien.
In Cepirlak lebte ein Weib, das hatte drei Kühe. Die eine Kuh war weiss, die andere schwarz, die dritte rot. Diese Kühe gaben recht viel Milch. Das Mütterchen wurde reich und schenkte viel den Armen. Auf einmal trockneten die Kühe ein, doch nicht plötzlich, sondern so, dass sie immer weniger und weniger Milch gaben. Das Weib fütterte und hielt wohl immer besser ihre Kühe, doch alles umsonst, zusehends wurden die Kühe immer magerer, und darüber weinte das Mütterchen. Sie wusste sich schon nimmer zu helfen, sondern suchte ein altes Mütterchen auf und befragte sie um ihren Rat wegen der Kühe. »He«, sagte das alte Mütterchen zu ihr, »da weiss ich dir wirklich keinen Rat und keine Hilfe. Ein Weib hat dir die Kühe verhext (edna ti je žena scoprala krave). Geh nach Haus, vielleicht findest du irgend etwas.« — Geht das Weib heim, sucht in allen Winkeln herum, kann aber nirgends etwas finden. Schaut sie da nicht zufällig in den Rauchfang hinauf und erblickt im Rauchfang einen schwarzen Gegenstand. Nimmt sie ihn herab, um doch zu sehen, was das sein soll. War das ein Pack Lumpen. In den Lumpen aber waren drei Nägel und um jeden Nagel ein Haar gewunden: ein rotes, ein schwarzes und ein weisses, gerade solches Haar, wie es die Kühe eben hatten. Ging sie nun wieder zu dem alten Mütterchen mit den Sachen, die sie da gefunden. Schaut das Mütterchen die Sachen an und spricht zu ihr: »Nimm diese drei Nägel und schmiede sie zu einem einzigen zusammen, dann nimm um 12 Uhr nachts diese drei Kuhhaare und leg jedes mit einem Ende ans Feuer, und zwar so, dass sie nur ein klein winzig anbrennen. So musst du nach und nach jeden Tag tun, so lange, bis deine Kühe gesund werden.« Schmiedet sie wirklich die drei Nägel in einen zusammen und fängt an, die drei Haare zu versengen. Gott soll mich strafen, wenn nicht wirklich von dem Augenblicke ab die Kühe immer gesunder wurden. Schlimm aber erging es dem Weibe, das die Kühe verhext hatte. Noch den Tag vorher war das Weib frisch und gesund. Von dem Augenblick ab, wo das Weib die Haare zu versengen anfing, wurde die Hexe immer hinfälliger, und je mehr die Kühe an Gesundheit und Kraft zunahmen, desto mehr nahm die Hexe ab. Wenn das Weib schlief, kam die Hexe immer unter ihr Fenster und fing zu jammern und zu winseln an: »Gib mir die Nägel, gib mir die Haare zurück!« und so kreischte sie fort und fort, bis der Hahn in der Früh »Kukuriku« krähte. So ging es Nacht für Nacht, und die Hexe winselte immer mehr und mehr. Einmal winselte sie so stark, dass ihr das Weib beinahe die Nägel und Haare schon zurückgeben wollte. Wie sie sich aber erhob, um sie der Hexe zurückzugeben, fingen die Kühe so jämmerlich zu brüllen und muhuen an, dass sie sich darüber ganz entsetzte, und so gab sie der Hexe weder die Nägel noch die Haare zurück. Ging sie wieder zu jenem alten Mütterchen und erzählte ihr die Sache. »O Weh«, sagte das alte Mütterchen, »gib es nicht her, um Gotteswillen, nicht! Sie möchte gesund werden und das ganze Dorf verhexen. Verbrenn du nur noch den Überrest der Haare, sonst ist’s in Zukunft um dich und um uns schlimm bestellt.«
Das Weib ging jetzt nach Haus, nahm die Nägel, die in eins geschmiedet waren, sowie den Rest der Haare und legte sie ins Feuer. Sobald die Haare verbrannt waren, da züngelte flugs ein mächtiges Feuer durch den Rauchfang im Hause der Hexe, eine schwarze Gestalt bemächtigte sich der Hexe und flog mit ihr fort bis zu jenen Bergen. Dies aber war der leibhaftige Teufel, der die Seele der Hexe mit sich forttrug in die Hölle, auf dass sie dort ewige Qualen erdulde.