Parallelen und ausreichende Erläuterungen vrgl. bei Grimm, D. M. S. 1040 ff. u. K. Simrock Hdb. d. d. M. III, S. 452.
Schlussbemerkung. Wenn wir einen kurzen Rückblick auf die gegebene Darstellung des südslavischen Hexenglaubens werfen, so erkennen wir hier urälteste und allgemein verbreitete Anschauungen der Völker über Wald- und Feldgeister und Zauberweiber. Mit kleinen, fast unscheinbaren Variationen begegnet man ja demselben Glauben bei allen verwandten Völkern, bei dem einen Volke mehr, bei dem anderen weniger durch andere Vorstellungkreise durchkreuzt und verwischt. Mit dem Überhandnehmen des Christentums musste notwendigerweise der alte Glaube an die wohltätigen Schutzgeister der Wälder und Auen, an die Luftgeister eine wesentlich andere Gestalt annehmen, und sich in böse Dämonen, im Gegensatze zu der einen Gottheit des Christentums, umwandeln. Mit dem Hinschwinden des geistigen Glaubens übertrug das Volk die nun modifizierten Vorstellungen auf eine einzige Kategorie von Wesen höherer Art, auf die zauberkundigen Frauen, die vještice, denen man ehedem allgemein grosse Verehrung zollte.
Vergleicht man nach den bisherigen Auseinandersetzungen den südslavischen Hexenglauben mit dem abendländischen, vorzüglich mit dem deutschen und italienischen, aus welchem die Südslaven so viele Elemente entlehnt haben, so fällt es zunächst auf, dass in allen den Sagen eines Hexenmeisters gar keine Erwähnung geschieht. Ferner ist dem Teufelglauben eine sehr untergeordnete Stellung eingeräumt. In den deutschen und italienischen Hexenprozessen spielt der Teufel eine sehr grosse Rolle. Die Hexen verschreiben sich ihm mit Leib und Seele unter Hersagung besonderer Schwurformeln. Davon ist keine Rede im südslavischen Hexenglauben. Merkwürdigerweise wird den Hexen bei den Südslaven die Gabe der Weissagung in keiner Sage zugeschrieben. Die Weissagung erschien und erscheint noch heutigen Tags den Südslaven als nichts Verächtliches, geschweige denn Hassenswertes. An gewissen Festtagen im Jahre, z. B. am Tage der hl. Barbara und zu Weihnachten, weissagen noch gegenwärtig Frauen und Männer, die Frauen z. B. aus Fruchtkörnern, die Männer aus dem Flug der Vögel oder aus den Eingeweiden und Schulterstücken der für den Festtag geschlachteten Tiere.[62] Bei den Südslaven gab es offenbar ursprünglich keineswegs wie bei den Italienern und Deutschen einen besonderen Stand der Priesterinnen, Weissagerinnen und Ärztinnen. Das streng demokratisch-separatistische System der Hausgemeinschaft (zadruga), der Phratrie (bratstvo) und der Phyle (pleme), das die Südslaven als uraltes Erbstück noch bis auf die Jetztzeit zum Teil festgehalten, bot der Entwicklung von Priesterinnen-Kollegien nicht geringe Hemmnisse. Zudem nahm und nimmt das Weib im Volksleben der Südslaven eine ganz untergeordnete Stellung ein. Dem Weibe, das man sich wie irgend einen Gegenstand von ihren Eltern und Verwandten kaufte, konnte man unmöglich eine höhere geistige Befähigung einräumen, die sie über den Mann gestellt hätte. Infolgedessen konnten die Hexenprozesse des Abendlandes auf dem Balkan keinen günstigen Boden haben. In Steiermark, Istrien und Chrowotien, wo das Deutschtum festere Wurzeln gefasst, fanden zahlreiche Hexenprozesse statt. Daselbst wurden auch Hexen verbrannt.[63] In den Gesetzbüchern der serbischen Könige kommen dagegen gar keine Bestimmungen gegen Hexen vor. Die mittelalterliche Dämonologie des Abendlandes fand hier keinen rechten Eingang. Auch die türkische Herrschaft war ihr nicht günstig. Was die Südslaven von den Türken an Hexen- und Zauberglauben angenommen, kommt in zweiter Reihe hier in Betracht. Anders im Küstenlande, wo italienische Kultur das Slaventum durchdrang. Im Gesetzbuche der freien Gemeinde Poljica (poljički štatut) aus dem Ende des 14. Jahrhunderts steht eine Verordnung gegen die Hexen, Zauber- und Teufelweiber. § LXXXVIII lautet: »Ako bi se istinom našla koja višćica ali čarovnica ali vražarica, od prvoga obnašašća ima se fruštati; ako li se veće nadje ima se sažgati« (edit. Mesić Arkiv V, S. 302 f.) (Wenn sich in Wahrheit irgend eine Hexe oder eine Zauberin oder ein Teufelweib fände, so hat man sie gleich nach der ersten Entdeckung zu foltern; hat man den Beweis erlangt, so muss man sie verbrennen.) Fruštati ist das italienische frustare peitschen, mit Ruten hauen. Französisch heisst die Folter poultre, poutre, ursprünglich poledrus, davon das deutsche Folter. »Es war der Marterbalken, auf welchem der Angeschuldigte reiten musste.« (Vrgl. Grimm, D. M. S. 1029.) Volktümlich wurde unter den Südslaven diese Massregel nie.
Die Mittel, durch welche das Volk die Macht der bösen Frauen zu bannen sucht, sind zum grössten Teil Überbleibsel aus dem alten Heidentume. Die Gerte, die ehedem von einem segenspendenden Genius bewohnt zu sein schien, ward nun der Aufenthalt eines bösen Dämons, mit dessen Hilfe man die Kraft des Geistes in der Hexe zu bannen glaubte. Schliesslich verlosch im Volkbewusstsein auch die wahre Bedeutung der Gerte, und man gebraucht sie nur als ein überkommenes Erbstück aus der Väter Zeit, ohne sich mehr über die ursprüngliche Vorstellung Rechenschaft ablegen zu können. So offenbart sich im Hexenglauben ein Stück Entwicklunggeschichte der Menschheit, ein langwieriger Kampf zwischen altem und neuem Glauben, ein Kampf, der noch lange nicht ausgekämpft ist.[64]
Joseph Hansen,[65] Havelock Ellis[66] und Dr. Iwan Bloch[67] wiesen nach, dass der Hexenglaube seinen Ursprung aus dem Geschlechtleben ableite und dass der Geschlechttrieb allezeit in irgend einer Form mit der Zauberei verknüpft ist. Dieser Teil des Glauben entzieht sich einer Besprechung in diesem Buche, das Leser in den weitesten Kreisen finden soll, aber er bleibt darum nicht ohne Behandlung. Ein breiter Raum in den Anthropophyteia[68] ist ihm ständig gewidmet.
[1] Im »Gorski vijenac« (der Gebirgkranz) des Petrović Njeguš heisst es an einer Stelle:
| Ima kneže, takovih roguša | Ja, o Fürst, es gibt wohl solcher Hexen. |
| Pod oblak će ustrijelit orla. | Selbst in Wolken trifft den Aar ihr Bolzen. |
[2] Vrgl. Vuk Karadžić im Wörterbuche unter krstača und rogulja.
[3] Über die Etymologie von Hexe vrgl. Grimm, Deutsche Mythologie, S. 991 ff.