Es war einmal ein Messner, der läutete einst am späten Abend »Ave Maria« und gewahrte ein scheussliches Gespenst, das auf dem Berge auf einem Karren gegen ihn zufuhr. Das Gespenst hatte einen Totenkopf auf und ein Kreuz, und ging schnurstracks auf den Mann los. Da ergriff ihn panischer Schrecken und er rannte wie blind dem Dorfe zu, doch das Gespenst holte ihn ein, trat vor ihn und sprach: »Steh still! Sei ausser jeder Furcht, ich bin die Pest, und tu Dir gar nichts an, nur sollst Du Morgen kund machen, dass Du beim »Ave Maria-Läuten« die Pest gesehen, und dass ich erklärt habe, innerhalb fünf Wochen zurückzukehren und dreihundert Seelen dahinzuraffen.« — Mit diesen Worten liess sie ihn stehen. Am nächstfolgenden Tage erzählte der Messner alles haarklein, was er gesehen und gehört. Auf das hin wanderten die Leute aus dem Dorfe aus und kehrten nach Ablauf von fünf Wochen wieder zurück, die Pest aber stellte sich drei Tage später in der sechsten Woche im Dorfe ein. Da kamen die Leute der Reihe nach elendiglich um und im ganzen Dorfe blieben etwa fünf oder sechs Seelen am Leben.

In einem Dorfe trat eine so verheerende Rinderpest auf, dass kaum einem oder keinem ein Rind am Leben blieb. Ein Weib aber hatte zwei Kühe und dachte bei sich: »Am Gescheidtesten ist’s, wenn ich meine Kühe da verkaufe und den Gelderlös aufhebe. Hört die Seuche auf, so kauf ich mir andere Kühe. Warum sollt ich durch meine Kühe solchen Schaden leiden?« Gedacht, getan. Da besuchte sie die Rinderpest in Gestalt einer Frau und sagte: »Gevatterin, wie ich gehört habe, hast Du Deine Kühe verkauft.« — »So ist es, ich hab mich vor der Pest gefürchtet.« Hierauf bemerkte hinterlistigerweise die Pest: »Freilich hast Du die Kühe verkauft, aber der Mann, dem Du sie verkauft, hat Dich betrogen.« — »Das ist doch nicht möglich, er kann mich nicht betrogen haben.« — Doch die Pest behauptete Stein und Bein: »Er hat Dich ganz gewiss betrogen, wenn Du es nicht glaubst, lass uns das Geld nachzählen.« — So liess sich das Weib bereden, das Geld aus dem Kasten herauszunehmen, die Pest überzählte es, verschlang den Erlös von der einen Kuh und sagte zu dem Weibe: »Die eine Kuh hätte ich Dir ohnehin fortgerafft, Du hast sie aber verkauft, dafür habe ich Dir den Erlös verschluckt. Hilf Dir wo du kannst, suche aber nie, Gottes Willen zu durchkreuzen!«

Charakteristisch ist die Auffassung von der Rinderpest. Schon oben aus der Sage vom Pfarrer Vojskec und seinem getreuen Knechte geht hervor, auf welche Weise sie heraufbeschworen werden könne. Zumeist aber sind es alte Bettler (bogci), die aus Rache, dass man sie abgewiesen, die Pest herbeirufen. Die Rinderpest erscheint gewöhnlich in der Gestalt eines Tieres. Tritt die Pest aber z. B. als Schwein oder Ziege auf, so kommen die Schweine und Ziegen um. Das sicherste Merkmal, woran man sie erkennt, ist: 1. dass sie ganz buntgefleckt ist, 2. dass sie nur drei Füsse hat.[23] Ich fand nur zwei Sagen, die davon erzählen. Sie lauten:

In einem Dorfe wütete einmal furchtbar eine Rinderpest. Der Viehstand ging zusehends zu Grunde, denn es gab kein Haus, wo nicht über Nacht ein Stück verendete. Einigen Leuten im Dorfe glückte es, die Pest zu sehen, und zwar gaben sie an, sie hätte die Gestalt eines Hundes. Vorzugweise suchte sie Misthaufen auf, ging daselbst herum und muhte wie eine Kuh. Kam sie in einen Stall, sie suchte eben nur das liebe Vieh heim, so küsste sie dieses oder jenes Stück Rind, und wenn eines von ihr geküsst worden, so war es in der Früh gewiss schon verendet. Die Leute sannen fortwährend nach, wie sie dieses entsetzlichen Ungemachs los und ledig werden könnten, und so stellten sie der Pest auf den Düngerhaufen Milch hin, in der Hoffnung, es könnte dies möglicherweise von Nutzen sein. Und wirklich war das sehr nützlich und vorteilhaft, denn wo sie Milch fand, in dem Hause richtete sie keinen Schaden an.[24]

Diese Pest ging regelmässig zu einem Bauer auf die Herberge. Sie schlief immer auf der Bank am Ofen und sobald ihre Stunde schlug, entfernte sie sich, ohne den geringsten Schaden in diesem Hause angerichtet zu haben.

Einst erblickte jemand die Pest, als sie sich in Gestalt eines Schweines am Ufer eines Flusses gelagert und dort Krebse fing. Sie starrte den Mann gross an, er entsetzte sich gewaltig, und ergriff schleunigst die Flucht, indem er alles, was er mit sich trug, gleich dort von sich wegwarf. Als er nach Haus kam, erzählte er was ihm begegnet, und alle erklärten einstimmig, das sei die Pest gewesen, und zwar die Schweinepest, denn sie hatte ganz das Aussehen eines Schweines. Und wirklich, kurze Zeit darauf gingen plötzlich scharenweise die Schweine in jener Gegend zu Grunde.[25]

Mehr Mährchen als Sage und wieder mehr Fabel im Stile Äsops und Babrios ist das merkwürdige Geschichtchen, das der um die südslavische Volkliteratur unendlich verdiente Vuk Vrčević aus dem Herzogtum aufgezeichnet hat.[26] Es ist nicht sonderbar, dass in dieser Erzählung der gewöhnliche Name der Pest »Kuga« nur einmal vorkommt und dafür fünfmal der fremde »Kolera« eingesetzt ist, denn es ist eine in Asien und Europa allgemein bekannte und in Pestzeiten immer neu aufgefrischte Geschichte. Es scheint aber das Fremdwort doch nicht ganz einheimisch geworden zu sein; denn, wenn die Bauern in der folgenden Erzählung die Pest ansprechen, so bedienen sie sich doch des slavischen Wortes.

In irgend einer Stadt erfuhr man, dass sich die Pest zu ihnen auf den Weg gemacht, um die Bevölkerung der Stadt hinzuwürgen. Da rüsteten sich alle waffenfähigen Männer in der Stadt und erwarteten die Pest in einem engen Passe, durch den sie, die Pest notwendigerweise durch musste. Da naht ein hühnengrosses Weib, ganz in Schwarz gekleidet; in der rechten Hand trägt sie einen Speer, in der linken eine Sense. Das Volk stellte an sie die Frage: »Was bist Du so zeitlich aufgebrochen, wohin lenkst Du deine Schritte und was gedenkst Du zu tun?« — »Ich will«, entgegnete die Pest, »in Euerer Stadt einige ihrer Bewohner hinwürgen!« — »Zurück!« donnerten sie alle wie aus einer Kehle, spannten die Gewehre und legten auf sie an. Kaltblütig versetzte die Pest: »Wenn ihr mich tötet, so ist’s um Euch und Euere Stadt getan. Ich mach Euch allen den Garaus. Lasst ihr mich aber in Frieden meinen Einzug halten, so schwöre ich Euch bei Gottes Treu, dass ich nicht mehr als fünf von hundert hinraffe.« Das Volk überlegte sich diesen Vorschlag und sagte nach erfolgter Verabredung zur Pest: »Wenn dem so ist, zieh denn ein, doch hüte Dich anders zu tun!« Innerhalb zehn Tagen starben aber schon von je hundert Einwohnern zehn, worauf das Volk die Pest einfing, um sie zu töten. Man sprach zu ihr: »Was hast Du aus uns gemacht? Du verfluchte Menschenpest! Wie mochtest du dein bei Gott gegebenes Treuwort mit Füssen treten! Gott und sein Treuwort mögen deinen Sinn verwirren!« Hierauf erwiderte ihnen die Pest: »Ich habe mein Wort gehalten und ich kann Euch jeden namentlich anführen, den ich bisher hingewürgt!« »Wie denn das? Du ehrloses Geschöpf!« rief das Volk aus, »nach unserer Abmachung hättest Du im schlimmsten Falle ihrer hundert hinmähen dürfen, es sind aber ihrer mehr als zweihundert gestorben!« Da lachte die Pest und entgegnete: »Ich habe wohl auch nicht mehr als ihrer hundert hingewürgt, das andere hundert Menschen, die vor Schrecken gestorben sind, habe ich doch nicht zu verantworten, denn wisst, es sterben mehr an der Furcht vor mir, als an mir.«

Schlusswort: Überblicken wir zum Schlusse noch einmal die hier mitgeteilten Pestsagen, so fallen uns zwei Hauptmomente vorzüglich in die Augen. Einerseits begegnen wir, wie einem roten Faden, der sich durch alle Sagen hindurchzieht, der Vorstellung von der Krankheit als einer Person, als einem Krankheitdämon, der dem Baum oder Wald entstammt, andererseits finden wir in den verschiedenen Arten und Weisen, wie man diesen Dämon abzuwehren sucht, mannigfache Erinnerungen sowohl an uralte heidnische Agrarkulte, als auch an Geisterbeschwörungen, in genau erkennbarer Gestalt erhalten. Durch das Ganze wieder machen sich überall rein christliche Vorstellungen von bösen Geistern, dem Teufel und seiner Sippe bemerkbar. Ferner konnten wir die Erscheinung beobachten, wie fremde Namen für einheimische allmählich in Gebrauch kommen, ohne dass dadurch die ursprünglichen Volkvorstellungen eine auffällige Schwächung erlitten. Hieraus lernen wir zugleich, dass religiöse Vorstellungen auf viel festerer Grundlage als die Sprache im Volkgemüte fussen, die viel leichter als jene fremden Einflüssen weicht. Die eigentliche geistige Anschauung eines ganzen Volkes geht nur sehr langsam unter. Um einen vollständigen Umschwung hervorzubringen, dazu bedarf es eines jahrtausendelangen Zersetzungvorganges.