Verwandt mit dieser ist folgende Sage aus Dalmatien[18]:

Einst verhandelte die Pest mit einem Fährmann, der die Überfuhr zwischen dem Küstenland und einer Insel vermittelte, er möge sie allein auf die nahe Insel hinüberfahren, sie werde ihm nicht das Geringste anhaben, falls er aber kein Vertrauen in ihr Wort setze, so könne er ja in die Mitte des Schiffleins Dornen und Wacholdergesträuch legen. Um das Unheil von seinem eigenen Heimwesen abzuwehren, musste der arme Fährmann notgedrungen auf ihren Vorschlag eingehen, legte aber zur Vorsorge in die Mitte des Schiffleins Dornen, Judenstrauch und eine Wacholderstaude. Am Vorderteil liess er die Pest sich setzen, am Hinterteil sass er selber und fing zu rudern an. Als sie sich nun auf hoher See befanden, wollte die treulose Pest den Vertrag brechen, indem sie den Versuch machte, über die Judendornen hinüberzusetzen und den Schiffer anzustecken. Doch sie stach sich gewaltig und schrie aus: »Tukadar bukadar, u Primorje nikadar«[19] und das sollte bedeuten: »Überall einmal, ins Küstenland niemals!«

Von ihrer grossen Erkenntlichkeit meldet eine andere Sage:[20]

Es war einmal ein Bauer, der fuhr einen Juden aus einem Orte in einen anderen und bedang sich von ihm als Fuhrlohn fünf Gulden aus. Der Jude gab ihm drei Rheinische Drangeld und der Bauer liess ihn auf den Wagen steigen. So kamen sie vor die Maut und mussten ein Weilchen dort anhalten. Der Jude erlegte das Mautgeld. Der Abend war schon angebrochen und dem Juden kam plötzlich ein Gedanke. Er forderte nämlich den Bauer auf, ins Mauthaus hineinzugehen und dort um einige Zündhölzchen zu bitten. Arglos stieg der Bauer vom Wagen herab und begab sich zu dem Mautner, um einige Zündhölzchen zu holen. In der Zwischenzeit trieb der Jude die Pferde an und machte sich so mit Pferden und Wagen aus dem Staube. Zwar rief ihm der Bauer nach, er soll nicht davongehen, doch der Jude kehrte sich nicht daran und warf des Bauern Sachen aus dem Wagen heraus. Dieser Bauer war aber mit einer Pest bekannt. Das traf sich nämlich so: Einst fuhr er die Pest von einer Brücke bis zu seinem Hause. Als sie dort anlangten, fragte sie ihn, was er dafür verlange. Nun wusste er nicht, dass dieses Frauenzimmer die Pest sei, und sagte, er verlange gar nichts. Hierauf entgegnete die Pest, er möge sich, wenn er irgendwie in eine Notlage geraten sollte, drei Haare aus dem Kopfe reissen und sie werde gleich zur Stelle sein und ihm Hilfe leisten. Da dachte der Bauer in seiner jetzigen Notlage an die Pest und befolgte ihre Weisung. Sogleich stellte sich die Pest ein, fing den Juden und stellte dem Bauern seine Pferde und seinen Wagen zurück. Den Juden aber, sowie alle übrigen Juden, die in dem Dorfe wohnten, wo des Bauers Häuschen stand, raffte sie schmählich hin.

Man braucht der Pest nicht einmal einen Dienst zu erweisen, um sie gnädig zu stimmen, es genügt mitunter, wenn man ihrer Einladung Folge leistet.

In der Nähe von Pavlovac im Walde hauste einst die Pest. Ein Bauer fuhr auf seinem Wagen allein durch den Wald, da brach die Pest hinter dem Gesträuch hervor, schlachtete den Mann und die Pferde ab, und warf den Wagen in den Graben hinab, so dass der Wagen in Stücke zerfiel. Dann nahm sie die Halfter und die Holzstücke, trug sie zu einem nahen Baume und machte dort ein grosses Feuer an. Als sie einen Mann des Weges kommen sah, rief sie ihm zu: »Gevatter, kommen Sie doch her Fleisch essen. Ich habe eben Mann und Pferde abgeschlachtet, den Wagen zerschlagen und mit den Holzstücken ein Feuer angemacht. Die Halfter habe ich mir aufgehoben.« Hierauf trat der Mann zu ihr hin und sie gab ihm die Halfter. Er wärmte sich nun an ihrer Seite am Feuer, ass mit ihr von dem Fleische des Menschen, den sie abgeschlachtet und kehrte dann heim. Nun würgte die Pest im ganzen Pavlovac alles hin, nur im Hause des letzteren gab es keinen Toten, nicht einmal einen toten Hund oder eine tote Katze.

Am liebsten hält sich die Pest auf Friedhöfen auf, und Wehe dem, der sie plötzlich aufscheucht. Sie rafft ihn ohne Erbarmen hin, ja sie verscharrt ihn sogar sorgfältig, damit sie ihn nicht mehr vor Augen habe. Darauf bezieht sich eine zweite Sage:

Es traf sich einst, dass zu gleicher Zeit, wo die Pest auf dem Friedhofe herumging, ein Mann dort etwas zu tun hatte. Die Pest überfiel den Mann, schlachtete ihn ab und legte ihn ins Grab zu seinen übrigen Anverwandten. Am anderen Tag ging man ihn suchen, doch alles Nachforschen war vergebens. Sein Weib war vor Schmerz ganz aufgelöst und begab sich zuletzt auch auf den Gottesacker ihn suchen. Grab für Grab öffnete sie unter Beihilfe des Oheims und endlich fanden sie den Gesuchten in einem Grabe. Ihr Erstaunen war sehr gross: »Was mag ihn denn hierher geschafft haben?« — Schliesslich sagten sie, es könne nicht anders sein, als die Pest habe ihn erwürgt und hier verscharrt.

Es ist nicht unmöglich, dass ein Meuchelmord die Veranlassung zur Entstehung dieser Sage gebildet. Wie denn überhaupt ruchlose Subjekte zur Zeit einer Pest die Gelegenheit benützen, um zu stehlen und zu plündern. Niemand wagt es abends die Stube zu verlassen, aus Furcht, der Gevatterin zu begegnen. Das ist dann die Wonnezeit der Diebe und Verbrecher. So entstand das Sprichwort: »Er stiehlt wie die Pest.«[21] Zu Epidemiezeiten öffnen galizische Juden nachts die Türe nur, wenn der draussen stehende dreimal geklopft hat. Türen und Fenster hält man nachts geschlossen, öffnet sie aber auch tagsüber wenig. B. W. Schiffer, Am Urquell IV (1893) S. 272.

Mitunter gefällt es der »Gevatterin«, ihren Besuch anzukündigen. Doch es hält schwer, oder es ist gar unmöglich, sie um ihre Beute zu betrügen; davon erzählen folgende zwei Sagen:[22]