Wiederum hub der Mann an: »Gibt es nicht irgend ein Mittel, durch das sich der Mensch vor Euch Pestschwestern irgendwie schützen könnte?«

»Freilich,« erwiderten die Pestschwestern, »es gibt gar so manches, da hast gleich eines: Es müssten zwölf Burschen und zwölf makellose Jungfrauen von tadelloser Lebensweise am Vorabende des Sonntags nach dem Neumond in der Geisterstunde einen Pflug nehmen, sich damit hinaus vor das Dorf begeben, sich splitternackt ausziehen, so wie sie die Mutter geboren, sich dann ins Joch spannen und das Dorf ringsherum umackern.«[16]

»Noch eins. Während des Umackerns müssten sie wie ein Marmorstein das tiefste Schweigen beobachten, keiner dürfte begierig und lüstern den Blick erheben, geschweige denn den anderen berühren. So müssten sie siebenmal immer in derselben Furche ackernd ums Dorf ziehen, bis die Furche zu einem kleinen Graben erweitert ist.«

Während die Pestschwestern, bald die eine, bald die andere, erzählten, musste sie der Mann fortwährend tragen. Die Augen traten ihm aus den Höhlen vor der grossen Bürde — so schwer waren sie —, doch er durfte ja mit keinem Worte Einspruch erheben. Sobald sie in die nächste Nähe des Dorfes gelangten, erhoben alle Hunde ein Gebell, als wenn sie jemand loshetzte. Da fragte der Mann die Pestschwestern, wie sie sich denn, wenn sie allein gehen, der Hunde erwehren. Die Pestschwestern antworteten: »Trifft es sich, dass uns ein wilder Hund anfällt, so verwandeln wir uns schnell in eine Wetzkiste oder einen Korb oder eine Fledermaus.« — »Wie rafft Ihr aber die Menschen hin?« fragte der Mensch und sie gaben ihm zur Antwort: »Entweder vergiften wir die Luft und die Brunnen, oder wir gehen von Haus zu Haus, wenn die Leute beim Nachtmahl sitzen, und jeder, den wir ins Auge fassen, bekommt eine schwarze Beule, an der er sterben muss. Ein andermal fangen wir mit Gedärmereissen, Erbrechen, Durchfall und Krämpfen an.«

Der Mann begab sich in sein Haus, indessen die Pestschwestern von Haus zu Haus im Dorfe ihren Besuch machten. O, welch ein Morgen! Im ganzen Dorfe gab es Wehklagen und Jammer ohne Ende, die Menschen sanken wie Halme hin und hätte man nicht Essig, Wacholder, Kampfer und Branntwein gebraucht, und hätten Burschen und Mädchen das Dorf in der Runde nicht umgeackert, alles wäre ausgestorben.[17]

Diese Sage tritt in ihren Grundzügen in mannigfachen Versionen auf, z. B. in folgender: (Valjavec, Narodne pripoviedke, p. 243 f.)

Ein Bauer kehrte aus der Stadt, wohin er einen Wagen Steine geführt, abends nach Haus, als er plötzlich ein ganz weiss gekleidetes Frauenzimmer herannahen sah, das sich ohne Umstände zu ihm auf den Wagen setzte. Er erschrak darüber gewaltig, denn er dachte, Gott weiss was dies zu bedeuten habe. Doch das Weib beruhigte ihn: »Du brauchst nicht die geringste Furcht zu haben, fahre Du mich nur getrost bis zu Deinem Hauswesen.« — Als sie im Dorf anlangten, war schon vollends Dunkelheit angebrochen. Da sprach das Weib zu dem Bauer: »Nun gut, Du hast mich hiehergebracht, doch ich habe kein Geld, um Dich dafür zu bezahlen, aber ich will Dich ein Bild sehen lassen, komm näher und tritt mir auf die grosse Zehe.« — Er näherte sich ihr, trat ihr auf die Zehe und er schaute ein grausiges Bild, ganze Ströme von Blut, abgeschlagene Köpfe und tote Menschen. Hierauf versetzte das Weib: »Siehst Du dieses Schauspiel? — So wie es Dir jetzt vorgeführt wird, so wird es in kürzester Zeit hier aussehen, drum trachte Du mit allen Deinen Angehörigen aus diesem Dorfe fort auf mindestens drei Tagereisen weit Dich zu entfernen.« — Und so geschah es. Er wanderte mit den Seinen aus und die Pest stellte sich nach seinem Abzug ein, raffte die Menschen hinweg, stachelte sie gegeneinander auf, so dass sie einander selber hinmordeten. So kam es, dass Blut in Strömen floss, und es überall abgeschlagener Köpfe und toter Menschen gab.

Etwas vollständiger ist folgende Sage:

Als uns letztesmal die Pest aufsuchte, wohnte sie bei einem alten Weibe, das weder einen Hund noch eine Katze hatte; vor diesen Tieren hat nämlich die Pest eine besondere Furcht, ausgenommen, sie wären von jemand mit einem Besen, einem brennenden Holzscheit oder einem Schürhaken geschlagen worden. Nach geraumer Zeit liess sich die Pest durch jemand in ein anderes Dorf tragen, und diese Geschichte trug sich folgendermassen zu:

Es kam einmal an einem Abend ein Wanderer zu derselben alten Frau, um bei ihr über Nacht eine Herberge zu nehmen. Die Pest, die schon im ganzen Dorfe gehörig aufgeräumt hatte, beschloss ihre Reise fortzusetzen, doch da ihr kein Wagen zur Verfügung stand, um darauf zu fahren, befahl sie dem Manne, er müsse sie tragen. Er lud sie sich auf den Rücken und machte sich mit ihr auf den Weg. Nachdem er eine Weile gegangen, fragte ihn die Pest, ob sie ihm schwer scheine. Er verneinte es. Doch, sowie er das Wort aussprach, in demselben Augenblicke machte sie sich schwerer. So richtete sie mehrmals an ihn dieselbe Frage und machte sich jedesmal schwerer, so dass der Ärmste jeden Augenblick umsinken zu müssen glaubte. Die Pest merkte, der Mann könne unter ihrer schweren Last kaum mehr von der Stelle — sie spielte ihm nur deshalb so arg mit, weil er fortwährend sagte, sie falle ihm nicht schwer, er getraute sich eben aus Furcht nicht die Wahrheit zu gestehen — und so forderte sie ihn auf, ein Weilchen Rast zu halten. Kaum war er wiederum ein wenig zu Atem gekommen, so warf sie sich schon wieder auf ihn, damit er sie weiter schleppe. Und wieder fragte sie ihn fast jeden Augenblick, ob sie ihm schwer erscheine. Er verneinte es neuerdings, worauf sie sich allmählich so leicht machte, dass er schon vermeinte, er trage sie überhaupt nicht mehr. So kamen sie endlich in das Dorf, wo ihm die Pest zum Lohn dafür, dass er sie getragen, die Zusicherung gab, sie werde niemand aus seinem Hause hinraffen. Kurze Zeit darauf gelang es den Leuten, die Pest aus dem Dorfe zu vertreiben, sie flüchtete an die Save. Das Wasser war ausgetreten und hatte weit und breit alles überschwemmt, die Pest aber konnte nicht hinüber. Und sie bat einen Fährmann, der die Leute auf seinem Kahne über die Save setzte, er möge sie hinüberfahren, doch wusste sie zu ihrem Leide nicht, dass der Mann unter seinem Pelze einen Hund habe. Der Mann nahm sie ohne weiteres in seinen Kahn auf und fing zu rudern an. Als sie sich nun in der Mitte des Flusses befanden, erwachte der Hund, erblickte die Pest und griff sie unbarmherzig an. Die Pest flehte den Mann an, er möge sie schützen, doch alles umsonst; der Hund setzte ihr so lange zu und zerbiss sie so jämmerlich, bis sie ins Wasser fiel. Mit grosser Müh und Not gewann sie das jenseitige Ufer und drohte ihre Wunden zu rächen, bis alle Hunde verenden. Doch, Gott sei Lob und Dank, das wird nicht so bald geschehen, denn das Hundegeschlecht vermehrt sich von Tag zu Tag immer mehr.