Auf einer folkloristischen Wanderung im Sommer 1907 erzählte meinem Schüler Otto Goldstein der Bauer Lazo Tadić zu Gradski Vrhovci in Slavonien: ‘Bei der Besiedelung von Gradski Vrhovci zogen sich Bruder und Schwester nackt aus und sie spannten zu stockdunkler Nachtzeit zwei von einer und derselben Mutterkuh herstammende schwarze Ochsen vor den Pflug und umackerten das Dorf, damit darin die Pestfrau keine Gewalt erlangen könne.’[15] Das war eine Vorbeugungmassnahme für die Zukunft.
Warum besorgen splitternackte Leute die Umackerung? Es ist zu erinnern, dass noch in Bulgarien die Erzeugung des reinen Feuers durch Holzreibung nackten Leuten obliegt und dass alle die schweren Zaubereien zur Abwehr tückischer Waldgeister ganz nackt zu vollziehen sind. Was die Nacktheit zu bedeuten hat, lehren die erotischen Zauberbannsprüche in den Anthropophyteia IV. und Dr. Iwan Blochs treffliche Darlegungen im Sexualleben unserer Zeit (1908). Es ist nicht angebracht, hier auf Anschauungen einzugehen, deren nähere Besprechung nur unter strengstem Ausschluss der Öffentlichkeit kaum noch geduldet wird, aber ich muss bemerken, dass der Kleidermangel beim Umackern und der Feuererzeugung nicht allein auf die religiöse Vorstellung hinweist, sondern auch auf eine Zeit, wo das Volk, klar und klipp herausgesagt, nur bei festlichen Gelegenheiten Kleider als einen Schmuck und im Winter zum Schutz gegen Kälte anzulegen pflegte. Sonst wandelte man sonder Scheu und Scham ohne Gewandung einher und ward sich seiner Nacktheit nicht bewusst. Weil man in längst vergangenen Tagen nur im natürlichen Kleide der Unschuld den Brauch vollzog, meinen die späten Nachfahren, die was anzuziehen haben, die Nacktheit gehöre mit zur Weihe des Umzuges und der Feuererzeugung. Darin bestärkt sie die Anschauung, den Bösen dürfe man nicht einen Faden von seinem Leibe überlassen, damit sie keine Gewalt über einen gewinnen mögen. Beim Umzug aber tritt man in unmittelbare Berührung mit den Geistern, und da ist es am rätlichsten, man habe nichts am Leibe, wessen sich die Namenlosen bemächtigen könnten. Darum eben bewahrt man tiefstes Schweigen, denn auch ein unbedachtes Wort, das einem über die Lippen glitte, könnte zu einem Haken werden, an dem einen der tückische Waldgeist an sich zöge.
Weitere Angaben über die Pest bieten folgende Sagen.
Ein Mann ging spät abends vom Felde nach Hause. In der Nähe des Dorfes begegnete er zweien merkwürdigen Weibsbildern. Die Weiber waren von etwas kleiner Gestalt, ohne Nasen und Ohren und hatten kleine Schlangenaugen, die tief im Spitzkopf drin sassen, die Hände glichen Katzenpfoten und die ganze Gestalt trugen Bockfüsse. Der Mann entsetzte sich bei diesem Anblick, ermannte sich aber schnell und fragte sie, wer sie sind und wohin sie gehen.
Die furchtbaren Weiber gaben ihm zur Antwort: »Wir sind die Pest, zwei leibliche Schwestern. Eine von uns wird die Leute in diesem Dorfe hinraffen, während die andere weiterzieht. Wir kommen geradenwegs aus Sarajevo und stammen aus dem Pestlande. In Sarajevo erhielten wir von unserem Pestkönig den Befehl, auf eine Zeitlang hieher zu ziehen.«
Bei diesen Worten vermeinte der Mann, er müsse sich auf der Stelle vor Grauen in einen Baum oder Felsen verwandeln. Doch die Pestschwestern sprachen ihm Mut zu und suchten ihn zu beruhigen. »Sei ganz getrost,« munterten sie ihn auf, »Dir und Deinem Gesinde soll kein Haar gekrümmt werden, wenn Du uns Folge leistest und bereit bist, uns eine kleine Gefälligkeit zu erweisen.«
Der Mann wäre bereit, mit blossen Händen glühende Kohlen zu scharren, damit ihn die Pest nur verschone, er fleht sie an und beschwört das Schwesterpaar bei allem, was ihnen hoch und heilig ist, Gnade zu üben.
»Es soll Dir nicht das Geringste widerfahren,« beruhigten ihn die Pestschwestern, »nur musst Du uns auf deinen Rücken nehmen und in Euer Dorf hineintragen, damit uns die Hunde nicht zusetzen; dann wirst Du uns dein Haus bezeichnen, damit wir es umgehen können, sobald wir von Haus zu Haus zu wandern und die Menschen hinzuraffen beginnen.«
»Warum mordet Ihr denn die Menschen hin, die sich ja nie auch das Geringste gegen Euch zu Schulden kommen liessen?« fragte der Mann.
»Wir gehorchen nur dem Befehle,« entgegneten die Schwestern.