»An die Daseinwirklichkeit von Vampiren glauben Christen gleich Moslimen ebenso fest oder wenigstens nicht minder als an einen Gott im Himmel (vjeruju — ko da ima Bog na nebu)«, schreibt mir einer meiner Berichterstatter aus Bosnien. Diese Behauptung ist durchaus nicht übertrieben, sie entspricht vielmehr den tatsächlichen Glaubenverhältnissen und gilt im allgemeinen für alle Südslaven, insbesondere für die Serben und Bulgaren, aber auch die übrigen slavischen Völker hegen denselben Glauben, wenn auch vielleicht in einer klein wenig verschiedenen und abgeschwächten Äusserung im Volkleben. Andree gibt der Meinung Ausdruck, der Vampirglaube habe »sein Zentrum, seinen Focus bei slavischen Völkern, wenn er auch weiter sich nachweisen lasse und in verwandten Formen oder anklingend über die ganze Erde vorkomme«. Das bedarf einer geringen, doch wesentlichen Berichtigung, etwa in der Weise: Der Vampirglaube ist bei allen Völkern heimisch, doch die uns bekannteste Form, weil am häufigsten besprochene, ist die slavische, die einige Eigentümlichkeiten gegenüber dem analogen Glauben anderer Völker aufweist. Von einschneidender Bedeutung sind aber diese Eigenartigkeiten mit nichten.[1]

Dass der Name Vukodlak (Werwolf) auf den Vampir übertragen wurde, ohne dass eine Begriffverwirrung im Volkglauben stattgefunden, bespreche ich im nächsten Aufsatz. Der Name Vukodlak ist seltener als Vampir, wie das Wort bei den Slovenen und Chrowoten lautet. Die Bulgaren sagen vampir, häufiger vapir, vepir, vupir, die Serben: vampir, lampir, lapir, upir, und upirina. Letztere zwei Ausdrücke vernahm ich meist aus dem Munde von Popen. In und um Spalato in Dalmatien ist der mir seiner Bedeutung nach dunkle Name Kozlak gewöhnlicher als Vukodlak und Vampir. Vampirhafte Wesen (Kozlaštvo iliti vukodlaštvo) gilt als erblich (nasljedno, ereditario). War der Vater ein Kozlak, so wird auch der Sohn einer werden. Ganz identisch mit einem Vampir ist der Kozlak denn doch nicht. Der Kozlak kann bei Lebzeiten als Mensch zukünftiges Wetter voraussagen und leichter und schneller als andere Leute gehen. Das Volk glaubt, die Kozlaki besässen gewisse besondere Bücher, aus denen sie nur allein zu lesen verständen und woraus sie die Kunst erführen, Wunder zu verrichten. Der Mann im Volke hütet sich, einem Menschen sich zu vermessen, den er für einen Kozlak hält. Zu streiten wagt er es schon lange nicht mit ihm. Auf einigen dalmatischen Inseln, auf denen eine slavisierte italienische Bevölkerung wohnt, heisst man den Vampir auch Orko (Orcus). In Montenegro und im südlichen Teil des Herzögischen sagt man für Vampir: tenac oder tenjac (wohl für tenarac; tenar = Gruft; vom griech. thénar) und für: sich in einen Vampir verwandeln: potenčiti se. Einem bösen Menschen flucht man z. B. so: »Gäbe es Gott, dass du zu einem Tenac werden sollst, wie du einer auch werden wirst, so Gott will!« (da Bog da, potenčio se, kao što i hoćeš ako Bog da!). Ein einziges Mal hörte ich eine beschönigendere Bezeichnung für Vampir: mrtva nesreća (das tote Unglück oder Unheil); den blossen Namen glattwegs auszusprechen, ist nicht geheuer. Ist die Rede von einem Vampir, so pflegt man jedesmal dazu den Fluch hinzuzusetzen: na putu mu broč i glogovo trnje! (Auf seinem Wege mögen Färberrötel und Weissdorndickicht gelegen sein!) Auf blutfarbigem (rötlichem) Gestein gedeiht nämlich Weissdorn am besten.

Bemerkenswert ist die Definition eines serbischen Bauers von »vukodlak ili vampir«. Er sagte: »Wir nennen so verstorbene Menschen, in die 40 Tage nach ihrem Tode ein höllischer Geist fährt und sie belebt. Der Vampir verlässt nächtlich sein Grab, würgt die Menschen in den Häusern und trinkt ihr Blut.« Ein anderer Bauer verbesserte den Sprecher: »Nein, du hast es gefehlt. Die verfluchte Seele findet weder in den Himmel noch in die Hölle Eingang. Der Vampir ist den Tieren (dem lieben Vieh) noch weit gefährlicher als getauften Seelen« (Menschen).

Vampire erscheinen zumeist zur Winterzeit in der Zeit zwischen Weihnachten und Christi Himmelfahrt. Man glaubt, wenn eine Hungernot ausbricht, streifen Vampire um Wassermühlen, Fruchtscheuern und Maisvorratkammern herum. Schon einer meiner Gewährmänner erwähnt, dass sich Fruchtdiebe in Hungerjahren den Glauben des Volkes zunutze zu machen wissen.

Das Volk glaubt, zu einem Vampir werde nur ein ruchloser Bösewicht oder sonst ein Verfluchter, ein rechtschaffener Mensch könne sich aber in keinen Vampir verwandeln, ausser es fliegt über den aufgebahrten Leichnam ein unreiner Vogel hinweg, oder es springt ein unreiner Vierfüssler hinüber, oder es schreitet ein Mensch oder auch nur der Schatten eines Menschen über den Toten. Vor solchen Zufälligkeiten wird der Tote aufs ängstlichste beschützt und bewacht. Als unreine Vögel betrachtet man die Elster (svraka) und die Henne (kokoš), nicht aber einen Hahn, als unreine Vierfüssler eine Hündin (vaška) und die Katze (mačka). Dass die Katze einen bösen Angang bedeute und zu Wahrsagungen herangezogen wurde, lehrt uns L. Hopf;[2] der Südslave hält jedoch die Katze für ein Unglückgeschöpf bösester Art. In Bosnien lässt man z. B. keine Katze über den aufgelegten Webeaufzug schreiten, weil man glaubt, dass derjenige, der in einem aus solchem Leinen angefertigten Hemde stirbt, unfehlbar ein Vampir werden müsse. Schliesst sich eine Katze an einen Kranken an, oder legt sie sich gar zu ihm aufs Bett, so glaubt man, der Kranke werde in zwei, drei Tagen das Zeitliche segnen. Läuft eine Katze gern zu einem Toten, so glaubt man, der Tote sei noch vom neunten Gliede an verflucht oder verdammt. Die südungarischen Serben glauben wieder, dass, wenn ein Hund oder eine Katze, besonders letzteres Tier, unter dem Tisch durchläuft, auf welchem ein Leichnam aufgebahrt liegt, der Tote als Vampir wiedererstehen müsse. Besorgt der Bauer im Savelande, dass trotz aller Wachsamkeit doch irgend ein unreines Tier über den Toten schreiten könnte, so legt man ihm auf die Brust einen Kloss Erde (grumen zemlje) oder sticht ihm unter die Zunge ins Fleisch eine Weissdornnadel (glogov trn) und hofft dadurch eine sonst allenfalls mögliche Verwandlung des Toten in einen Vampir zu vereiteln. Im Drinagebiete sticht man nur ausnahmweise dem Toten besagten Dorn unter die Zunge, wenn es bekannt ist, dass einmal in der Verwandtschaft des Verstorbenen ein Vampir vorgekommen. Dagegen ist es bei den slavischen Moslimen durchgehends gebräuchlich, sobald einer verstirbt, dem Toten auf die Brust und unter das Haupt je ein Knöllchen Erde zu legen, und ihn, so lange er im Hause bleibt (nie länger als 24 Stunden), aufs allersorgfältigste vor den gedachten unreinen Tieren und vor dem Schatten eines Menschen zu bewachen. Besonders gefürchtet wird der menschliche Schatten, gleichsam als ob der Schatten als ein Sonderwesen in den toten Leib hineinfahren und ihn zu neuem Scheinleben befähigen würde. Ähnlich ist der Glaube, dass ein totes Frauenzimmer zum Vampir werden müsse, falls sich ein Mann mit ihrem Leichnam vergisst. Ich habe eine hierher gehörige Sage aufgezeichnet.[3]

Die Lebenden ergreifen mannigfache Massnahmen zu ihrem eigenen Schutze, damit eine Vampirverwandlung von vornherein hintertrieben werde. In Serbien und Bulgarien steckt man dem Toten einen Weissdorn in den Nabel hinein. Man glaubt allgemein, dass sich, wer im Alter unter zwanzig Jahren verstirbt, überhaupt in keinen Vampir verwandeln könne, doch sind mir genug Ausnahmefälle bekannt geworden. Nur die Wahrscheinlichkeit für eine Verwandlung ist eine geringere zufolge der unschuldigen Jugendlichkeit. Danach richtet man sich. Stirbt einer im Alter über zwanzig Jahre, so pflegen die Serben alle behaarten Stellen am Leib des Toten, den Kopf ausgenommen, mit Werg zu bedecken und den Werg mit der Sterbekerze anzuzünden, damit die Haare niederbrennen, um so für jeden Fall die Verwandlung des Toten in einen Vampir unmöglich zu machen. Einem toten Mörder, oder einem Meineidigen, oder überhaupt einem verruchten Kerl (Frauen ungemein selten), von dem man glaubt, er könnte noch als Vampir den Überlebenden schaden, verstümmelt man den Leichnam, indem man ihm entweder die Fussohle durchschneidet, oder eine Zehe abhackt, oder ihm einen grossen Nagel in das Hinterhaupt eintreibt, »damit sich die Haut nicht aufblähen könne, sollte der Teufel sie aufzublasen versuchen, um den Toten in einen Vampir zu verwandeln.«

Die Unschädlichmachung eines Toten erfolgt auch durch eine Art symbolischer Leichenverbrennung. Die Symbolik für ein Überlebsel eines uralten südslavischen Brauches der Leichenverbrennung anzusehen, verbietet uns der sonstige an die Toten sich anknüpfende Volkglaube, über den ich mir auf Grund meiner besonderen, ausnehmend reichhaltigen Sammlung ein sicheres Urteil bilden konnte. Um zu verhindern, dass sich ein Toter in einen Vampir verwandele, begeben sich an manchen Orten in Serbien die alten Weiber am Abend des Begräbnistages ans Grab des Verdächtigten, bedecken es im Kreise mit Lein- und Hanfwerg, streuen darauf Schwefel oder Pulver und zünden letzteres an. Nachdem das Werg niedergebrannt ist, stecken sie fünf alte Messer oder vier Weissdornspitzen ins Grab: das Messer in die Brust und je zwei Spitzen in die Füsse und in die Hände des Toten, damit er sich an den Messern und Dornen anspiesse, sollte er, zum Vampir geworden, dem Grabe entsteigen wollen.

Gegen einen Vampirbesuch schützt man seinen Leib und die Behausung auf mancherlei Art. Im bosnischen Savelande pflegen die Bäuerinnen, wenn sie nach Brauch auf einen Totenbesuch gehen, alte abgenutzte Opanken an die Füsse anzulegen und sich ein wenig Weissdorn (glogovine) hinters Kopftuch (šamija) zu stecken. Auf dem Rückwege nach dem Besuch werfen sie auf der Strasse die Opanken und die Weissdornen weit weg von sich (zuweilen unter Verwünschungen) und kehren barfüssig heim. Man glaubt nämlich, sollte der Verstorbene zum Vampir werden, so werde er zum mindesten die Weiber, die ihm die Ehre eines letzten Besuches erwiesen, nicht heimsuchen können, sondern die weggeworfenen Opanken und Weissdornen aufzulesen haben. Damit ein Vampir den Lebenden und ihrer Habe nichts antun können soll, nehmen die Serben reinen Teer her, sprechen darüber Beschwörungen aus (obajaju ga) und bestreichen damit kreuzweise (krstošu) die Türen und Eingänge ihrer Häuser, Hütten und Scheuern. Türen und Fenster noch so eng zu verschliessen, nützt vor Vampiren ebensowenig als vor Hexen oder Moren, denn Vampire sind infolge ihrer Verwandlungfähigkeit in verschiedenste Gestalten im stande, selbst durch die kleinste Ritze ins Zimmer hineinzudringen.

Darüber ist man einig, dass ein Vampir in der Regel menschliche Gestalt habe, doch mit Vorliebe in Tiergestalt auftrete, als Mensch mit einem Leichentuche bekleidet und blutig rot sei. Crven kao vampir (rot wie ein V.), sagt man z. B. sprichwörtlich von einem versoffenen, aufgedunsenen Kerl, weil man eben glaubt, ein Vampir wäre von dem Blute der Menschen, die er ausgesogen, ganz rot und aufgebläht. Die Moslimen glauben, der Vampir behalte zwar das Aussehen des Verstorbenen bei, doch habe er nur dessen Haut an, die aber mit dem Blute der angezapften, ausgesogenen und hingewürgten Leute vollgefüllt sei. Im übrigen könne der Vampir doch nur nächtlicher Weile die Gestalt der verschiedenartigsten Geschöpfe annehmen und auch nur sieben Jahre hindurch sein verheerendes Unwesen treiben. Wenn er kein anderes Opfer finde, so mache er sich sogar über seine eigenen hinterbliebenen Verwandten her.

Eigentümlich ist der Glaube an die Verwandlung verstorbener Moslimen in Schweine, die vorzugweise unter den Haustieren Tod und Verderben verbreiten. Der Glaube ist sowohl unter den Serben als Bulgaren aller drei Bekenntnisse einheimisch und besonders unter den moslimischen Pomaken im Rhodopegebirge eingewurzelt.[4] Man nennt den als Schwein wiedergekehrten Toten talasum oder tilisum (vom arab. tilisin, tilsem, Mehrz. talisim = Zauberwerk) und den Vorgang der Verwandlung posvinjiti se (in ein Schwein sich verwandeln). Wuchert, lügt und betrügt ein Moslim, übrigens ein höchst seltener Fall, so sagen seine Glaubengenossen, er werde sich nach seinem Ableben in ein Schwein verwandeln müssen, um seine Schandtaten abzubüssen. Eine bosnische Sage erzählt von einem Beg, der sich in ein Schwein verwandelt hatte. Man habe ihn lange unter den Schweinen gesucht, bis man ihn zuletzt an dem Ringe, den er an der Vorderfussklaue trug, erkannte. Im Rhodopegebirge ereignet sich zuweilen, dass ganze Familien für längere Zeit in ein fremdes Dorf auswandern, um einem angeblich umgehenden Talasum zu entfliehen. Die Talasume besuchen alle Orte, wo sie einst als Menschen geweilt, und fügen den Leuten viel Ungemach zu. Den Glauben an solche zu Schwein gewordene Tote lassen sich die Bulgaren um nichts in der Welt ausreden.