Moor. Es ist nicht möglich, nicht möglich! Ihr müßt euch geirrt haben.

D. a. Moor. Ich kann mich geirrt haben. Höre weiter, aber zürne doch nicht! So lag ich zwanzig Stunden, und kein Mensch gedachte meiner Noth. Auch hat keines Menschen Fußtritt je diese Einöde betreten, denn die allgemeine Sage geht, daß die Gespenster meiner Väter in diesen Ruinen rasselnde Ketten schleifen, und in mitternächtlicher Stunde ihr Todtenlied raunen. Endlich hört' ich die Thür wieder aufgehen, dieser Mann brachte mir Brod und Wasser, und entdeckte mir, wie ich zum Tod des Hungers verurtheilt gewesen, und wie er sein Leben in Gefahr setze, wenn es herauskäme, daß er mich speise. So ward ich kümmerlich erhalten diese lange Zeit, aber der unaufhörliche Frost — die faule Luft meines Unraths, — der grenzenlose Kummer — meine Kräfte wichen, mein Leib schwand, tausendmal bat ich Gott mit Thränen um den Tod, aber das Maas meiner Strafe muß noch nicht gefüllet seyn — oder muß noch irgend eine Freude meiner warten, daß ich so wunderbarlich erhalten bin. Aber ich leide gerecht — Mein Karl! mein Karl! — und er hatte noch keine graue Haare.

Moor. Es ist genug. Auf! ihr Klötze, ihr Eisklumpen! Ihr träge fühllose Schläfer! Auf! will keiner erwachen? (Er thut einen Pistolenschuß über die schlafenden Räuber.)

Die Räuber. (aufgejagt) He, holla! holla! was giebts da?

Moor. Hat euch die Geschichte nicht aus dem Schlummer gerüttelt? der ewige Schlaf würde wach worden seyn! Schaut her, schaut her! die Gesetze der Welt sind Würfelspiel worden, das Band der Natur ist entzwey, die alte Zwietracht ist los, der Sohn hat seinen Vater erschlagen.

Die Räuber. Was sagt der Hauptmann?

Moor. Nein, nicht erschlagen! das Wort ist Beschönigung! — der Sohn hat den Vater tausendmal gerädert, gespießt, gefoltert, geschunden! die Worte sind mir zu menschlich — worüber die Sünde roth wird, worüber der Kannibale schaudert, worauf seit Aeonen kein Teufel gekommen ist. — Der Sohn hat seinen eigenen Vater — o seht her, seht her! er ist in Unmacht gesunken, — in dieses Gewölbe hat der Sohn seinen Vater — Frost, Blöse, — Hunger, — Durst — o seht doch, seht doch! — es ist mein eigner Vater, ich wills nur gestehn.

Die Räuber (springen herbey und umringen den Alten.) Dein Vater? dein Vater?

Schweizer (tritt ehrerbietig näher, fällt vor ihm nieder.) Vater meines Hauptmanns! Ich küsse dir die Füsse! du hast über meinen Dolch zu befehlen.

Moor. Rache, Rache, Rache dir! grimmig beleidigter, entheiligter Greis! So zerreiß ich von nun an auf ewig das brüderliche Band. (er zerreißt sein Kleid von oben an bis unten.) So verfluch ich jeden Tropfen brüderlichen Bluts im Antlitz des offenen Himmels! Höre mich, Mond und Gestirne! Höre mich, mitternächtlicher Himmel! der du auf die Schandthat herunterblicktest! Höre mich, dreymal schröcklicher Gott, der da oben über dem Monde waltet, und rächt und verdammt über den Sternen, und feuerflammt über der Nacht! Hier kniee ich — hier streck ich empor die drey Finger in die Schauer der Nacht — hier schwör ich, und so speye die Natur mich aus ihren Grenzen wie eine bösartige Bestie aus, wenn ich diesen Schwur verletze, schwör ich das Licht des Tages nicht mehr zu grüssen, bis des Vater-Mörders Blut, vor diesem Steine verschüttet, gegen die Sonne dampft. (Er steht auf.)