Franz. Gehorsam ist besser, denn Opfer. Hast du je gehört, daß sich der Henker zierte, wenn er ein Urtheil vollstrecken sollte?
Daniel. Ach ja wohl! aber eine Unschuld erwürgen — einen —
Franz. Bin ich dir etwa Rechenschaft schuldig? darf das Beil den Henker fragen, warum dahin und nicht dorthin? — Aber sieh, wie langmüthig ich bin — ich biete dir eine Belohnung für das, was du mir huldigtest.
Daniel. Aber ich hoffte, ein Christ bleiben zu dörfen, da ich euch huldigte.
Franz. Keine Widerrede! siehe ich gebe dir einen ganzen Tag noch Bedenkzeit! Ueberlege es nochmals. Glück und Unglück — hörst du, verstehst du? das höchste Glück, und das äußerste Unglück! Ich will Wunder thun im Peinigen.
Daniel (Nach einigem Nachdenken.) Ich will's thun, morgen will ich's thun. (ab.)
Franz.
Die Versuchung ist stark, und der war wohl nicht zum Märtyrer seines Glaubens geboren — Wohl bekomms dann, Herr Graf! Allem Ansehen nach werden sie morgen Abend ihr Henker-Mahl halten! Es kommt alles nur darauf an, wie man davon denkt, und der ist ein Narr, der wider seine Vortheile denkt. Den Vater, der vielleicht eine Bouteille Wein weiter getrunken hat, kommt der Kitzel an — und draus wird ein Mensch, und der Mensch war gewiß das letzte, woran bey der ganzen Herkules-Arbeit gedacht wird. Nun kommt mich eben auch der Kitzel an — und dran krepirt ein Mensch, und gewiß ist hier mehr Verstand und Absichten, als dort bey seinem Entstehen war — Hangt nicht das Daseyn der meisten Menschen mehrentheils an der Hitze eines Julius-Mittags, oder am anziehenden Anblick eines Betttuchs, oder an der wagrechten Lage einer schlafenden Küchen-Grazie, oder an einem ausgelöschten Licht? — Ist die Geburt des Menschen das Werk einer viehischen Anwandlung, eines Ungefährs, wer sollte wegen der Verneinung seiner Geburt sich einkommen lassen, an ein bedeutendes Etwas zu denken? Verflucht sey die Thorheit unserer Ammen und Wärterinnen, die unsere Phantasie mit schröcklichen Mährchen verderben, und gräßliche Bilder von Strafgerichten in unser weiches Gehirnmark drücken, daß unwillkührliche Schauder die Glieder des Mannes noch in frostige Angst rütteln, unsere kühnste Entschlossenheit sperren, unsere erwachende Vernunft an Ketten abergläubischer Finsterniß legen — Mord! wie eine ganze Hölle von Furien um das Wort flattert — die Natur vergaß einen Mann mehr zu machen — die Nabelschnur ist nicht unterbunden worden — der Vater hat in der Hochzeit-Nacht glatten Leib bekommen — und die ganze Schattenspielerey ist verschwunden. Es war etwas und wird nichts — Heißt es nicht eben so viel, als: es war nichts und wird nichts und um nichts wird kein Wort mehr gewechselt — der Mensch entstehet aus Morast, und watet eine Weile im Morast, und macht Morast, und gährt wieder zusammen in Morast, bis er zuletzt an den Schuhsohlen seines Urenkels unflätig anklebt. Das ist das Ende vom Lied — der morastige Zirkel der menschlichen Bestimmung, und somit — glückliche Reise, Herr Bruder! Der milzsüchtige podagrische Moralist von einem Gewissen mag runzlichte Weiber aus Bordellen jagen, und alte Wucherer auf dem Todesbett foltern — bey mir wird er nimmermehr Audienz bekommen. (Er geht ab.)
Dritte Scene.
Andres Zimmer im Schloß.