Tartaglia (stotternd). Tu—Turandot!
Zum Henker, welcher Steifsinn und Verblendung!
Hier spielt man nicht um wälsche Nüsse, Herr,
Noch um Kastanien—'s ist um den Kopf
Zu thun—den Kopf—bedenkt das wohl! Ich will
Sonst keinen Grund anführen als den einen;
Er ist nicht klein—den Kopf! Es gilt den Kopf.
Die Majestät höchstselbst, auf ihrem Thron,
Läßt sich herab, Euch väterlich zu warnen
Und abzurathen—Dreihundert Pferde sind
Der Sonne dargebracht, dreihundert Ochsen
Dem höchsten Himmelsgott, dreihundert Kühe
Den Sternen und dem Mond dreihundert Schweine.
Und Ihr seid störrig gnug und undankbar,
Das kaiserliche Herz so zu betrüben?
Wär' überall auch keine andre Dame
Mehr in der Welt, als diese Turandot,
Blieb's immer doch ein loser Streich von Euch,
Nehmt mir's nicht übel, junger Herr. Es ist,
Weiß Gott! die pure Liebe und Erbarmniß,
Die mich so frei läßt von der Leber sprechen.
Den Kopf verlieren! Wißt Ihr, was das heißt?
Es ist nicht möglich—
Kalaf. So in Wind zu reden!
Ihr habt in Wind gesprochen, alter Meister!
Tod oder Turandot!
Altoum. Nun denn, so hab' es!
Verderbe dich, und mich stürz' in Verzweiflung! (Zu der Wache)
Man geh' und rufe meine Tochter her. (Wache geht hinaus.)
Sie kann sich heut am zweiten Opfer weiden.
Kalaf (gegen die Thüre gewendet, in heftiger Bewegung).
Sie kommt! Ich soll sie sehen! Ew'ge Mächte,
Das ist der große Augenblick! O, stärket
Mein Herz, daß mich der Anblick nicht verwirre,
Des Geistes Helle nicht mit Nacht umgebe!
Ich fürchte keine als der Schönheit Macht.
Ihr Götter, gebt, daß ich mir selbst nicht fehle!
Ihr seht es, meine Seele wankt; Erwartung
Durchzittert mein Gebein und schnürt das Herz
Mir in der Brust zusammen.—Weise Richter
Des Divans! Richter über meine Tage!
O, zeiht mich nicht strafbaren Übermuths,
Daß ich das Schicksal zu versuchen wage!
Bedauert mich! Beweint den Unglücksvollen!
Ich habe hier kein Wählen und kein Wollen!
Unwiderstehlich zwingend reißt es mich
Von hinnen, es ist mächtiger, als ich.
Vierter Auftritt.
Man hört einen Marsch.
Truffaldin tritt auf, den Säbel an der Schulter, die Schwarzen hinter ihm, darauf mehrere Sklavinnen, die zu den Trommeln accompagnieren. Nach diesen Adelma und Zelima, jene in tartarischem Anzug, beide verschleiert. Zelina trägt einen Schüssel mit versiegelten Papieren. Truffaldin und seine Schwarzen werfen sich im Vorbeiziehen vor dem Kaiser mit der Stirn auf die Erde und stehen sogleich wieder auf; die Sklavinnen knieen nieder mit der Hand auf der Stirn. Zuletzt erscheint Turandot verschleiert, in reicher chinesischer Kleidung. majestätisch und stolz. Die Räthe und Doctoren werfen sich vor ihr mit dem Angesicht auf die Erde. Altoum steht auf; die Prinzessin macht ihm, die Hand auf der Stirn, eine abgemessene Verbeugung, steigt dann auf ihren Thron und setzt sich. Zelima und Adelma nehmen zu ihren beiden Seiten Platz, und die letztere den Zuschauern am nächsten. Truffaldin nimmt der Zelima die Schlüssel ab und vertheilt unter lächerlichen Ceremonien die Zettel unter die acht Doctoren. Darauf entfernt er sich mit denselben Verbeugungen, wie am Anfang, und der Marsch hört auf.
Turandot (nach einer langen Pause).
Wer ist's, der sich aufs Neu vermessen schmeichelt,
Nach so viel kläglich warnender Erfahrung,
In meine tiefen Räthsel einzudringen!
Der, seines eignen Lebens Feind, die Zahl
Der Todesopfer zu vermehren kommt!
Altoum (zeigt auf Kalaf. der erstaunt in der Mitte des Divans steht).
Der ist es, Tochter—würdig wohl ist er's,
Daß du freiwillig zum Gemahl ihn wählest,
Ohn' ihn der furchtbarn Probe auszusetzen
Und neue Trauer diesem Land, dem Herzen
Des Vaters neue Stacheln zu bereiten.
Turandot (nachdem sie ihn eine Zeit lang betrachtet, leise zur Zelima).
O Himmel! Wie geschieht mir, Zelima!
Zelima. Was ist dir, Königin?