Turandot. Noch Keiner trat
Im Divan auf, der dieses Herz zu rühren
Verstanden hätte. Dieser weiß die Kunst.

Zelima. Drei leichte Räthsel denn, und Stolz—fahr hin!

Turandot. Was sagst du? Wie, Verwegne? Meine Ehre?

Adelma (hat während dieser Rede den Prinzen mit höchstem
Erstaunen betrachtet, für sich).
Täuscht mich ein Traum? Was seh' ich, große Götter!
Er ist's, der schöne Jüngling ist's, den ich
Am Hofe meines Vaters Keicobad
Als niedern Knecht gesehn!—Er war ein Prinz!
Ein Königssohn! Wohl sagte mir's mein Herz;
O, meine Ahnung hat mich nicht betrogen!

Turandot. Prinz, noch ist's Zeit. Gebt das verwegene
Beginnen auf! Gebt's auf! Weicht aus dem Divan!
Der Himmel weiß, daß jene Zungen lügen,
Die mich der Härte zeihn und Grausamkeit.
—Ich bin nicht grausam. Frei nur will ich leben;
Bloß keines Andern will ich sein; dies Recht,
Das auch dem allerniedrigsten der Menschen
Im Leib der Mutter anerschaffen ist,
Will ich behaupten, eines Kaisers Tochter.
Ich sehe durch ganz Asien das Weib
Erniedrigt und zum Sklavenjoch verdammt,
Und rächen will ich mein beleidigtes Geschlecht
An diesem stolzen Männervolke, dem
Kein andrer Vorzug vor dem zärtern Weibe
Als rohe Stärke ward. Zur Waffe gab
Natur mir den erfindenden Verstand
Und Scharfsinn, meine Freiheit zu beschützen.
—Ich will nun einmal von dem Mann nichts wissen,
Ich hass' ihn, ich verachte seinen Stolz
Und Übermuth—Nach allem Köstlichen
Streckt er begehrlich seine Hände aus;
Was seinem Sinn gefällt, will er besitzen.
Hat die Natur mit Reizen mich geschmückt,
Mit Geist begabt—warum ist's denn das Loos
Des Edeln in der Welt, daß es allein
Des Jägers wilde Jagd nur reizt, wenn das Gemeine
In seinem Unwerth ruhig sich verbirgt?
Muß denn die Schönheit eine Beute sein
Für Einen? Sie ist frei, so wie die Sonne,
Die allbeglückend herrliche, am Himmel,
Der Quell des Lichts, die Freude aller Augen,
Doch Keines Sklavin und Leibeigenthum.

Kalaf. So hoher Sinn, so seltner Geistesadel
In dieser göttlichen Gestalt! Wer darf
Den Jüngling schelten, der sein Leben
Für solchen Kampfpreis freudig setzt!—Wagt doch
Der Kaufmann um geringe Güter Schiff
Und Mannschaft an ein wildes Element;
Es jagt der Held dem Schattenbild des Ruhms
Durchs blut'ge Feld des Todes nach—Und nur
Die Schönheit wär' gefahrlos zu erwerben,
Die aller Güter erstes, höchstes ist?
Ich also zeih' Euch keiner Grausamkeit;
Doch nennt auch Ihr den Jüngling nicht verwegen
Und haßt ihn nicht, weil er mit glühnder Seele
Nach dem Unschätzbaren zu streben wagt!
Ihr selber habt ihm seinen Preis gesetzt,
Womit es zu erkaufen ist—die Schranken
Sind offen für den Würdigen—Ich bin
Ein Prinz, ich hab' ein Leben dran zu wagen.
Kein Leben zwar des Glücks; doch ist's mein Alles,
Und hätt' ich's tausendmal, ich gäb' es hin.

Zelima (leise zu Turandot).
Hört Ihr, Prinzessin? Um der Götter willen!
Drei leichte Räthsel! Er verdient's.

Adelma. Wie edel! Welche Liebenswürdigkeit!
O, daß er mein sein könnte! Hätt' ich damals
Gewußt, daß er ein Prinz geboren sei,
Als ich der süßen Freiheit mich noch freute!
—O, welche Liebe flammt in meiner Brust,
Seitdem ich ihn mir ebenbürtig weiß!
—Muth, Muth, mein Herz! Ich muß ihn noch besitzen.

(Zu Turandot.)
Prinzessin! Ihr verwirret Euch! Ihr schweigt!
Bedenket Euren Ruhm! Es gilt die Ehre!

Turandot. Und er allein riss' mich zum Mitleid hin?
Nein. Turandot, du mußt dich selbst besiegen.
—Verwegener, wohlan! Macht Euch bereit!