»Den großen Kranz soll er haben,« fuhr sie fort: »aber wenn er ihn gleich zerreißt, werde ich böse und flechte ihm in meinem Leben keinen wieder. Er wird ihn aber wohl nicht zerreißen. Wenn wir zum Magister müssen, so kann er ihn so lange hinlegen, bis die Stunden aus sind, dann kann er ihn auf den Kopf setzen, und mit zu Hause nehmen.«

Ich fing merklich an zu zittern, und setzte den Fuß zurück, um zu gehen, blieb aber doch.

»Aber – – Herr Gott!« fuhr sie fort und legte den Zeigefinger der rechten Hand auf den Mund: »Ich muß den Kranz lieber zerreißen! Wenn ich ihm 'was schenke, will er mir immer ein Mäulchen dafür geben, und Mama sagt, davon bekäme ich einen langen, schwarzen Bart! Aber es ist doch so hübsch! Mama kriegt ja auch keinen schwarzen Bart, wenn sie der Papa küßt, und Papa hat doch einen rechten scharfen, schwarzen Bart! Er reibt Louisen immer die Backen damit, wenn sie wild ist. Aber Moriz hat doch keinen scharfen Bart. Er hat mir auch schon oft ein Küßchen gegeben, wenn Mama nicht da war, und ich habe doch keinen gekriegt!«

Es war mir, als wenn ich lachen sollte, konnte aber vor Angst und Zittern nicht dazu kommen. Mein sehnlichster Wunsch war, unvermerkt fortzuschleichen, und doch machte ich keine Anstalt dazu.

»Eins – zwey – drey – Viertel auf drey, und er kömmt nicht!« fuhr sie fort: »Das ist doch recht schlecht! Was wär' es denn mehr, wenn er einmal eine halbe Stunde früher vom Hause wegginge? Heute ist es gerade so hübsch! Louise ist nicht da, Fritze auch nicht, wir könnten recht hübsch mit einander spielen. Ach! (sie streute die Blumen umher) ich bin böse!«

Meine Angst stieg auf den höchsten Grad. Alle mein Leichtsinn, meine Dreistigkeit war fort. Ich stand da, wie ein armer Sünder. Und was hatte ich zu fürchten? Jetzt weiß ich wohl, weß Geistes Kind diese Erscheinung war, aber damals noch nicht. Wenn es Louise gewesen wäre, so wäre ich hervorgesprungen und hätte sie ausgelacht; aber bey Malchen fiel mir dies nicht ein. Jeden Augenblick fürchtete ich, daß sie aufspringen, mich sehen und erschrecken würde; aber es geschah nicht, sondern sie nahm ihre Blumen wieder zusammen und flocht an ihrem Kranze fleißig fort, indem sie zuweilen nickte, wenn sie eine Blume nach Wunsch angelegt hatte. Ich zog mich mit möglichster Behutsamkeit zurück, und als ich ungefähr hundert Schritte von ihr war, fing ich auf einmal an zu springen und zu jauchzen, und lief auf sie zu.

Achtes Kapitel.
Schon Heuchlerin?

Sie erschrack, sprang auf und kam mir entgegen. Ihre kleinen Wangen wurden über und über roth.

»Kömmst Du schon Moriz? Ist es denn schon um drey?«

Noch nicht, aber es wird bald schlagen!