Ich war hoch erfreut, daß ich einer genauern Untersuchung über den Wein glücklich entgangen war, denn ich kam nicht auf die erlaubteste Art dazu. Martha hatte in ihrer Kammer ein Schränkchen, worein sie ihren Wein verschloß. Der Dunstkreis um dasselbe war unendlich süß, und auch einen größern und ältern würde die Neubegierde geplagt haben, zu wissen, was darin verborgen wäre. Ich besah es hinten und vorne, faßte es oben und unten an, rückte und schob, aber es war und blieb zu. Meine Neugier, oder genauer gesagt, mein Appetit auf den süßen Wein, ward mit jedem Hindernisse größer. Ich wußte, daß Martha ein Schlüsselchen dazu hatte, und daß sie es nicht immer bey sich trug, sondern es zu verstecken pflegte, wenn sie es gebraucht hatte. Ich rückte einen Stuhl herzu, suchte auf allen Gesimsen und Schränken, fand aber nichts. Trostlos, die Hände in einander geschlagen, den Hut auf einem Ohre, stellte ich mich mitten in die Stube und sah mit herzlicher Sehnsucht nach dem Schränkchen. Unter diesen Bewegungen blickte ich von ungefähr seitwärts, und auf einmal fiel mir einer von Marthens Unterröcken in die Augen. Ich springe hin, durchsuche die erste Tasche, finde nichts; rasch zur andern, hineingefahren, umgewandt, und siehe da! aus der einen Ecke fällt mir das Schlüsselchen entgegen. Ich sprang ellenhoch, nahm es, probirt' es, und es schloß den Schrank glücklich. Ohne mich zu bedenken, griff ich nach der ersten der besten Flasche – gluck! gluck! ging es, in Ermangelung eines Glases.
Der Wein ward mit jedem Schlucke süßer, und ich hätte mich sicher zu Boden genippt, wenn mir nicht noch zu rechter Zeit eingefallen wäre, daß Martha ein paar erschreckliche Augen machen würde, wenn sie eine von ihren Flaschen leer fände.
Jeder Dummkopf ist ein Genie, wenn er Wein getrunken hat, und jedes Genie kann in eben dem Fall ein Dummkopf werden. Mir wenigstens ging es jetzt so. Ich war sonst nicht der dümmste Junge, aber diesmal betrug ich mich unbeschreiblich albern; denn ich fing von ganzem Herzen an zu weinen, als ich die Flasche gegen den Tag hielt und fand, daß sie fast zur Hälfte leer war. Eine Thräne jagte die andre. Ich machte mir sonst sehr wenig aus einem Verweise, und diesmal stand mir gewiß kein außerordentlicher bevor, aber der Umstand, daß ich dies Verbrechen so heimlich und so diebisch begangen hatte, schlug mich völlig darnieder.
In der Angst hatte ich einen Einfall, der mir in meiner damaligen Bestürzung sehr glücklich schien, aber im Grunde nicht der glücklichste war: ich füllte die halbleere Flasche aus den übrigen wieder an, setzte sie an Ort und Stelle, und war nun fest überzeugt, daß Martha, um den Abgang zu bemerken, ein wenig allwissend seyn müßte; denn ich hatte längst vergessen, daß ich die andern Flaschen, um die eine anzufüllen, bis auf die Hälfte ihrer Hälse ausgeleert hatte.
Wie ruhig ich den kleinen Schlüssel wieder in Marthens Tasche steckte! Wie unbesorgt ich die Kammer verließ, um frische Luft zu schöpfen! Mit welcher Zuversicht ich Marthen ins Gesicht sah, als sie aus der Stadt zurückkam! Unmöglich, unmöglich kann sie etwas merken! rief ich laut und fiel längelang auf eine Rasenbank, die vor unserm Hause angebracht war. Martha kam dazu, und wollte wissen, was mir fehlte? Ich bin müde! sagte ich. Sie nahm mich bey dem Arm und führte mich zu Papa's Bette.
Ich schlief bald ein, und erwachte gerade, als jene dunkle Unterredung, die mich betraf, zu Ende ging. Und nun wäre der Leser wieder an dem Orte, von wo ich ihn wegführte, um ihm drey Schildereyen zu zeigen.
Siebentes Kapitel.
Die Geschichte rückt fort.
Mit drey Sprüngen war ich auf dem Schlosse. Ich suchte Fräulein Malchen, und fand sie im Garten, wo sie Blumen pflückte und Kränze flocht. Ich stahl mich ganz leise hinzu. Sie hatte sich ins Gras gesetzt, pflückte alles, so weit sie mit der Hand erreichen konnte, um sich weg, und war so ämsig damit beschäftigt, daß ich mich ihr bis auf ein paar Schritte unbemerkt nähern konnte. Anfangs war ich Willens, ihr von hinten die Augen zuzuhalten, und sie rathen zu lassen, wer es wäre, aber ich hörte, daß sie etwas für sich sprach, und das wollte ich gerne wissen. Ich horchte und vernahm folgendes:
»Es ist bald um drey und er kömmt nicht! Wenn es drey geschlagen hat, muß ich in die Schule, und dann können wir nicht noch vorher ein bischen spielen. Wenn er nur wüßte, daß ich allein hier bin, er käme gewiß. Er spielt doch lieber mit mir, als mit Louisen. Wenn er dummes Zeug macht, und ich sage: lieber Moriz, laß doch das bleiben! so läßt ers; aber wenn es Louise haben will, thut ers nicht!«
Mir fing das Herz an zu schlagen, und ich weiß nicht, wie es kam, ich wünschte weit weg zu seyn, um nichts zu hören, und doch blieb ich.