Nach jedem Kampfe wuchs meine Liebe mächtiger heran. Ich suchte die Gräfin, und floh sie, wenn ich sie gefunden hatte; ich zitterte, wenn ich mit ihr sprechen sollte, und zitterte, wenn ich schweigen sollte. O, die Erfüllung des ersten Wunsches war die Mutter von Millionen andern geworden! Seit jenem Kuß brannte ein Feuer in meinen Adern, das meine ganze Lebenskraft aufzulösen und auszutrocknen drohete.
In diesem Zustande war ich, als der Graf zurückkam. Er trug mich fast auf den Händen, und bot mir Belohnungen an, deren Größe und Umfang mich beschämten. Aber was konnte er mir anbieten, das nicht schon tausendfach von der Belohnung überwogen ward, die ich mir selbst genommen hatte? Der alte Tobias sagte: ich könnte wenigstens den Titel eines Leibjägers dafür verlangen.
Die Zurückkunft des Grafen machte, daß ich die Gräfin nicht mehr so oft sehen und sprechen konnte, als vorher. Sie war durch ihren Gemahl gebunden, und ich durch den alten Tobias. Wenn auch beyde oft ganze Tage auf der Jagd waren, so blieben doch immer die übrigen Bedienten im Hause. Meine Wunde ward auch zusehends besser, und meine Jägerspflicht wartete auf mich.
Aber das war noch nicht alles. Lisette sagte mir, daß eine Busenfreundin der Gräfin unterwegs sey, die den ganzen Sommer, und auch wohl – je nachdem es wäre – setzte sie geheimnißvoll hinzu – den Herbst bey ihr zubringen würde. Da sie sich sehr lange und immer als die besten Freundinnen in L* gekannt hätten, so würden sie wohl unzertrennlich seyn. Es hätte eine besondere Bewandniß mit dieser Dame – fuhr sie erröthend fort – die sie mir aber nicht sagen könnte. – Es würde auch zu R** (der nächsten Stadt) ein Zimmer für sie gemiethet, weil es dort (sie that die Hand vor die Augen) einen geschickten – Geburtshelfer gebe.
Ich hörte wenig auf alles, was sie mir sagte, weil ich mehr mit dem Hinderniß meiner Liebe selbst, als mit den Umständen beschäftigt war, die es veranlaßten. Von allen Seiten war also meine Leidenschaft eingeengt, und sie ward gewaltiger dadurch. Sie drohete Durchbruch, wie ein verhaltner Strom.
Seit drey Tagen, so lange der Graf zurück war, hatte ich sie nicht gesprochen. Was für Plane machte ich nicht während dieser drey Tage! Ich ging täglich hundertmal in den Garten, und machte mir, mit dem Grabscheit oder Gärtnermesser, unter ihrem Fenster etwas zu schaffen. Aber dadurch erhielt ich nichts, als daß ich sie zuweilen am Fenster sah. – »Ehedem, als ich ihr noch nicht das Leben gerettet hatte,« sagte ich oft, in gewissen Anwandlungen von Unwillen, bey mir selbst: »sprach sie zuweilen aus dem Fenster zu mir, und jetzt kehrt sie mir den Rücken zu, wenn sie mich erblickt!« –
Ich glaube, daß ich damals diesen Umstand ganz falsch deutete.
Am Morgen des vierten Tages, als der Herr auf der Jagd war, und der alte Tobias den Vogelsteller machte, sah ich, daß Lisette das Frühstück der Gräfin in den Garten trug. Ich flugs hinterdrein, band einen Strauß von Blumen, um einen Vorwand zu haben, und erwartete sodann die Gräfin.
Sie erschien bald, und ich näherte mich der Laube, wo das Frühstück auf sie wartete. Lisette hüpfte mir entgegen, und sagte, sie wolle hinaus, dem alten Tobias entgegen, welcher der Gräfin eine Amsel zu bringen versprochen hätte.
Ich zeigte ihr den Strauß, und fragte sie, ob sie ihn der Gräfin einhändigen wollte. »Ich sollte es selbst thun!« sagte sie und flog davon. Ich wäre auch in Verzweiflung gewesen, wenn sie sich dazu erboten hätte.