Auf Sie? fiel ich hitzig ein. Warum?
»Ich habe dir doch den Kranz aufgesetzt!«
Der Magister wird's dem Papa sagen! fuhr Louise fort.
»Glaub' es nicht, Moriz,« unterbrach sie Malchen: »sie will dir nur bange machen. Er wird wohl nicht hingehen.«
Bey diesen Worten blinkte sie mit den Augen auf Louisen. Diese verstand den Wink und verschluckte die Betheurung, daß er ganz gewiß zum Papa gehen würde. Ich bemerkte dies und wurde um nichts ruhiger.
So fest ich mir vorgenommen hatte, Malchen nur mit zwey Worten zu sagen: ich will fort! so wenig fähig war ich dazu. Der Vorsatz lag mir centnerschwer auf dem Herzen! Alle Augenblicke wollt' ich ihn herabwälzen, aber, wenn es dazu kam, fehlten mir Worte und Muth.
Ich schlenderte stumm und unentschlossen neben den beyden Mädchen her, und je fester ich mir vornahm, mein Herz auszuschütten, desto schwerer ward es mir. Zuletzt glaubte ich, meine Unschlüßigkeit rühre von Louischens Gegenwart her; aber auch daran lag es nicht, denn sie entfernte sich bald nachher, um zu horchen, ob es Papa schon wüßte, und doch blieb ich so unruhig und unentschlossen, als vorher, wurde es sogar mit jeder Sekunde immer mehr und mehr. Ich bekümmerte mich wenig darum, ob Louischen eine freudige oder fürchterliche Nachricht zurückbringen würde, und Malchen, wie es schien, eben so wenig. Wir waren beyde gleichtief mit uns beschäftigt. Sie, mit ihrem mitleidigen Herzen und mit ihren Augen, die in Thränen schwammen, und ich zunächst mit dem Entschlusse, ihr meine Flucht zu entdecken.
Wir kamen unvermerkt aus dem Garten und gingen Hand in Hand auf ein kleines Gebüsche zu, das an denselben stieß. In der Mitte war ein Rasenplatz; hier setzte sich Malchen nieder und ich mich zu ihr. Sie schlug ihren rechten Arm fest um meinen Nacken, ich meinen linken eben so fest um den ihrigen.
Ich weiß nicht, was für eine wunderseltsame Empfindung sich meiner bemächtigte. Ich dachte weder an Magister, noch Papa, noch Marthen. Alles, was mir heute begegnet war, kam mir wie ein Traum vor, dessen Figuren mit jedem Blick auf Malchens rothe Wangen, sich weiter und weiter entfernten. Ich war meiner Zunge nicht mächtig, sie eben so wenig. Ich umschloß sie mit jedem Athemzuge inniger, sie mich, und so sanken wir in das blumigte Gras zurück. Ich sah nicht, und hörte nicht, und eine Thräne nach der andern lief mir über die Backen. Die Empfindungen, die mir dieselben erpreßten, waren nicht traurig, nicht bitter: sie waren so himmlisch, so unaussprechlich süß! Mein Mund begegnete dem ihrigen, Lippe heftete sich auf Lippe fest und innig: es war ein ewiger Kuß!
Malchens Herz pochte dem meinigen durch die Schnürbrust fühlbar entgegen, und ihre Augen fielen langsam zu. Die meinigen blieben halb offen, und ließen nur einen schwachen Schimmer herein. Vor meinen Ohren flüsterte ein leises Lispeln und Schwirren, wie wenn man im Begriff ist einzuschlummern. Manchmal war mirs, als wenn sich ein kältlicher Schauer auf meiner Scheitel entspönne; er floß hinab bis zum Herzen, von da schoß er brennend zurück zum Kopfe, und von da, wie ein Feuerstrom, durch die innersten meiner Nerven und Fibern. Ich zitterte, Malchen noch stärker. Dann und wann machte sie eine kleine Bewegung, sich aufzuraffen; aber während des Entschlusses erstarb die Hand, die mich sanft auf die Seite schieben sollte.