Als ich ungefähr ein halbes Jahr Page war, wurde eine neue Hofdame vorgestellt. Ich sah sie im Vorzimmer und sie würdigte mich einiger Blicke, die eine mir ganz fremde Wirkung auf mich thaten, und deren Wesen ich mir nicht erklären konnte. Sie starrte einigemal auf mich her, daß meine Blicke unwillkührlich zu Boden sanken. Ich fühlte eine Art von beklemmendem Zittern, und zugleich stieg es mir warm vom Herzen bis zur Scheitel herauf, und meine Haare krisselten auf derselben gerade so, als wenn man zu Winterszeiten den bloßen Kopf der Luft aussetzt.
Diese Empfindung war mir unerträglich. Ich wandte der Frau den Rücken zu und fühlte Verachtung gegen sie, ohne mir einen Grund davon angeben zu können.
So oft ich mich umsah, begegneten mir ihre Blicke und ich hatte jedesmal dieselbe Empfindung. Zwey andre Damen bemerkten die Aufmerksamkeit, womit sie mich ansah, und sagten ihr lachend etwas ins Ohr. »O,« erwiederte sie ganz laut: »mir fällt nur seine blutrothe, bäurische Farbe auf und seine ausgestopfte Figur! Wie lange ist er Page?«
Hu! wie mir das ans Herz schoß! Es konnte niemand gelten, als mir, denn ich war gerade der einzige Page im Vorzimmer. Aber hier konnte meine Wuth nicht ausbrechen. Nie erinnere ich mich, in so einem fürchterlichen und so völlig unerträglichen Zustande gewesen zu seyn.
Verachtung war mir von jeher die tödtlichste Beleidigung gewesen, und jetzt ward ich von einer Frau verachtet, die ich verachtete, die ich nie beleidigt hatte. Dabey sah ich keinen Weg vor mir, mich an ihr zu rächen, und mußte den Trost entbehren, der den andern Pagen bey einer solchen Gelegenheit nicht entgangen wäre. Diese hätten sich in Geduld gefaßt und ihren Verdruß mit süßen Aussichten auf eine schleichende, stille Rache niedergedrückt. Es fehlte wenig, so hätte ich ihnen diese Gemüthsart beneidet.
Man wollte die Dame gern ehren, und gab ihr einen Pagen zum Dienst. Wie froh war ich, daß es mich nicht traf!
Viertes Kapitel.
Das Zucken in den Muskeln des rechten Armes.
Aber man denke sich meinen Unmuth, als mir der Hausmarschall den folgenden Tag ankündigte: ich sey zum Dienste der neuen Hofdame bestimmt, und müsse sogleich den Pagen Neuberg ablösen. Ich wäre lieber durch Feuer gelaufen, aber hier galt keine Widerrede. »Seyn Sie hübsch gelehrig!« sagte der Marschall zu mir, als er sich entfernte.
Ich verstand nicht, was er damit sagen wollte und ging murrend auf meinen Posten. Der Page Neuberg kam mir entgegen und schien etwas gegen mich auf dem Herzen zu haben.
»Sie dreymal glücklicher Mensch!« hub er endlich mit sichtbarer Bosheit an: »Gräfin Waller hat Sie ausdrücklich verlangt!«