»Auf meine Ehre!« sagten dann immer die Knaben, wenn ich die Strafe hätte leiden müssen: »Auf meine Ehre, ich erschösse den Kerl, wenn er es mir so machte!«
Für diesen Vorschlag hatte ich gar keinen Sinn, und ich begriff nicht, wie ich gegen einen Mann Tücke nähren könnte, der mich mit Fug und Recht bestraft hatte.
Es war natürlich, daß ich bey dieser Gesinnung der ganzen Gesellschaft junger, heimlicher Teufel, furchtbar werden mußte. Wenn mich einer beleidigte, so brannte im Nu die Strafe auf seinem Backen, statt daß die übrigen die Beleidigung in sich verschlossen und auf heimliche Rache dachten. Denn wenn sie sich auf der Stelle rächten, so mußten sie befürchten, daß der Geschlagene unsern Aufsehern seine Klagen vorbrächte; und dann hätten sie das große Unglück gehabt, Vorwürfe oder Strafe leiden müssen, oder wohl gar als unruhige Köpfe öffentlich entdeckt zu werden, da sie es doch heimlich seyn wollten. Lieber unterdrückten sie ihren Verdruß und bezahlten dem Beleidiger bey einer andern Gelegenheit durch die dritte Hand mit zehnfachem Wucher, und hätten Wochen und Monate darüber hingehen sollen.
Von dem allen that ich gerade das Gegentheil, aber dies hatte für mich den Schaden, daß ich bey unsern Vorgesetzten in den Ruf des unbändigsten, starrsinnigsten und streitsüchtigsten aller Pagen kam.
Diese Leute waren wenig besser, als ihre Untergebenen. Sie schienen gar nicht zu wissen, daß es Charaktere giebt, oder geben müsse, die offen und geradezu handeln; mithin hielten sie das an mir für störrische Bosheit, was helle, unversteckte Gutherzigkeit war.
Hatte einer von meinen Mitpagen einen boshaften Streich gemacht, der die schärfste Züchtigung verdiente, so hingen die übrigen an einander wie Kletten, wenn es zur Untersuchung kam. Fragte man mich aber, und ich wußte es, so gestand ich die Wahrheit, wurde aber auch der Martyrer derselben. Denn der, der von mir angegeben wurde, war unschuldig, wie die Sonne; aber ich war der Thäter, ich hatte ihn aus Bosheit angegeben, um die verdiente Strafe von mir auf ihn zu wälzen.
An meinen Lehrern lag es also nicht, wenn ich in kurzer Zeit nicht eben so verdorben ward, als die übrigen. Sie bothen mir, wie man sieht, hülfreiche Hände zu dieser Metamorphose.
Mein Vater hatte gesagt, ich würde fühlen, was er unter dem Worte Sklavensinn verstanden hätte. Jetzt glaubte ich ihm auf der Fährte zu seyn, und dies hielt mich ab, die Gesinnung meiner Mitpagen anzunehmen.
Die tiefen Verbeugungen, die sie zu machen pflegten, gefielen mir eben so wenig. Der Tanzmeister hatte seine Noth mit mir. Er predigte und predigte, und reckte und dehnte mich, aber meine Verbeugungen hielten das Mittel, und er war in Verzweiflung, daß er keinen Anstand hineinbringen konnte. Einmal äusserte er die Vermuthung, mein Rücken müsse wohl von Eisen seyn. Sogleich setzte ich einen Stuhl mitten in den Saal, legte mich rücklings über denselben hin, und nahm in dieser Stellung ein Stück Geld mit dem Munde von der Erde auf. Als dies geschehen war, setzte ich den Stuhl stillschweigend weg und sah den bestürzten Tanzmeister an. Er zuckte die Achseln und sagte zu einem unsrer Aufseher: er hat unerhörte Geschmeidigkeit, aber will mir nicht den Gefallen thun, und sie zum Guten anwenden. Dies zog mir von neuem Vorwürfe und Drohungen zu; aber ich achtete sie nicht, weil ich meinem Vater die Freude machen wollte, mich als Mann wieder zu finden. Ich glaubte ihn nun völlig verstanden zu haben.