Mein Vater verließ uns, vermuthlich, damit ich mich ein wenig erholen sollte, und weil es sich für Marthen am besten schickte, mir über das, was vorging, Auskunft zu geben. In weniger als fünf Minuten erfuhr ich nun: daß mein Vater und Mutter heute öffentlich Hochzeit machten, nachdem mein Großvater, der sich bis daher ihrer Verbindung widersetzt, gestorben sey, und meine Mutter als Meisterin ihres Willens zurückgelassen habe. Papa Ernst sey nur mein Pflegepapa gewesen, und sie (wie sie mir deutlich zu verstehen gab) meine Pflegemama. Der gnädige Herr (Malchens Papa) sey mit der ganzen Familie (Fink und den jungen Herrn ausgenommen, die den Tag vor der Abreise plötzlich krank geworden) und mit Papa und ihr in zwey Reisewagen abgeholt worden. Man sey mir schon am zweyten Tage meiner Flucht auf der Spur gewesen, habe mich aber nicht finden können, bis endlich der Gastwirth vor der Stadt meinem Vater die Nachricht gebracht hätte, daß ich mich in seinem Hause befände. Weil ich ihm und dem Bedienten aber unter den Händen entwischt sey, wäre man meinetwegen von neuem in Sorge gewesen, bis endlich mein Reisegefährte selbst gekommen wäre und meinen Aufenthalt angezeigt habe. Zur Strafe für meinen Leichtsinn, habe man mich so erschreckt, und so lange eingesperrt, u. s. w. Mein alter Wirth sey ein verrückter Kandidat der Theologie, der unter dem Namen Magister Stapps in D** bekannt sey. Mein Vater habe ihn neu gekleidet und ihm Geld gegeben, mit der Sicherung einer jährlichen Pension von funfzig Thalern. Den Bedienten, meinen Reisegefährten, habe er in seine Dienste genommen, und Phylax sey diesem aus dem Gasthofe hieher gefolgt.
Jetzt kam mein Vater und führte mich in den großen Saal zurück. Wie glücklich ich mich fühlte! Aber es dauerte lange, ehe ich mich völlig überzeugen konnte, daß diese ganze Begebenheit kein Traum sey.
Moriz.
Drittes Buch.
Erstes Kapitel.
Moriz wird Page.
Ich hatte nicht lange das Glück, unter den Augen meiner Eltern erzogen zu werden. Mein Vater ging nach vier Jahren als Gesandter nach Frankreich und nahm meine Mutter mit. Mich ließen sie zurück.
Acht Tage vor ihrer Abreise kündigten sie mir an, wozu sie mich bestimmt hätten. »Du sollst ein paar Jahre Page bleiben,« sagte mein Vater, »und sodann Soldat werden. Jenes ist deiner Gemüthsart nicht ganz angemessen, das weiß ich, aber ich wünschte, deinen Hitzkopf eben dadurch zu bändigen. Nur bitte ich dich, lieber Sohn (bey diesen Worten umarmte er mich zärtlich) vertausche dein Feuer nicht mit Sklavensinn. Du wirst bald sehen, was ich damit sagen will, und dein eignes Gefühl, hoffe ich, soll dich davor bewahren. Mache mir die große Freude, dich als Mann wieder zu finden, wenn ich zurück komme!«
Was hätte ich nicht alles versprochen, an dem klopfenden Herzen eines Vaters und unter den zärtlichen Liebkosungen einer Mutter! Sie reiseten ab und ich sah der Kutsche mit herzlicher Wehmuth nach. Man gab mir Pagen-Uniform, und ich zog sie an, aber mit dem festen Entschluß, mein Feuer nicht mit Sklavensinn zu vertauschen. Ich hatte jetzt freylich noch keine deutliche Vorstellung von dem Verstande dieses Wortes; aber mein Vater hatte mir ja versichert, mein eigenes Gefühl würde es mir sagen, und diesen Zeitpunkt erwartete ich mit Verlangen.
Zweytes Kapitel.
Sklavensinn.
Ich kam unter eine Gesellschaft von jungen Leuten, funfzehn an der Zahl. Wenn der Instruktor nicht zugegen war, sprangen sie auf Tische und Bänke. Jeder hatte, so lange die Lektion dauerte, seinen kleinen Plan zu irgend einem Schelmstück ausgebrütet, und so bald sie den Nacken frey hatten, ging es Kopf oben Kopf unten. Aus allen ihren Mienen und Gebährden sprach Verachtung unserer Aufseher, und doch zitterten sie, wenn einer von ihnen erschien, und Die vorher die meiste Geringschätzigkeit geäußert hatten, waren dann die geschmeidigsten und höflichsten.
Dies Betragen gefiel mir nicht. Ich machte manchen kleinen Schwärmer mit, fühlte aber nicht, daß ich meine Vorgesetzten, aus Furcht entdeckt und bestraft zu werden, verachtete. Dies hatte aber für mich die Folge, daß ich fast immer der letzte war, der sich zurückzog, wenn wir einen unbesonnenen Streich gemacht hatten, und daß man sich in solchen Fällen jedesmal an mich hielt und mich für das Volk büßen ließ.