Ihm folgte ein Bedienter, der mich wieder auszog, mir einen Pudermantel überhing, frisirte und puderte, ein weißes Hemde, seidene Strümpfe, neue Schuhe (die ein wenig zu weit waren) mir anzog, einen Federhut aufsetzte, und das neue Kleid wieder anziehen half.

Ich staunte und stutzte mich an, aber er ließ mir nicht Zeit, meiner Verwunderung nachzuhängen, sondern nahm mich bey der Hand, führte mich eine Treppe hinan, hustete – plötzlich flog eine Doppelthür auf, und ich stand in einem großen, prächtig erleuchtetem Saale, in dessen Hintergrunde ich ein Gewimmel von Herren und Damen sahe, die alle ihre Blicke auf mich richteten.

Ich stand wie versteinert. Es war mir als sähe ich in einen Guckkasten. Ich wußte nicht, ob ich stehen bleiben, oder vorrücken, ob ich lachen oder weinen sollte.

»Tritt näher, gottloser Schelm!« rief eine Stimme, und wer konnt' es anders seyn als Papa? Ich trat näher, und er kam mir entgegen. – Bester Papa, rief ich schluchsend und nahm seine Hand – »Ich bin dein Papa gewesen!« unterbrach er mich und führte mich zu einem Herrn, der mit einer Dame auf der Seite stand und mir den Rücken zukehrte. Er drehete sich um – und es war der Legationsrath. – »Mein Sohn!« rief er – »Mein bester Sohn! komm an meine Brust!« – Er schloß mich zärtlich in seine Arme. Ich weinte laut. – »Moriz,« rief eine weibliche Stimme von der andern Seite: »Mein guter Sohn!« – Die Dame umschloß mich, hob mich auf und drückte mich an ihre Brust. Papa Ernst gab sich alle Mühe, zu lachen, aber er konnte vor Thränen nicht dazu kommen. »Ich bin dein Papa gewesen,« sagte er: »hier (auf den Legationsrath zeigend) das ist dein Papa, und hier (er winkte auf die Dame) das ist deine Mama!« – »Und ihr hast du es zu danken,« sagte mein Vater, »daß du drey Tage früher aus deinem Gefängniß bist erlös't worden!« – Ich wollte ihr die Hand küssen, aber sie zog mich sanft zu sich und drückte mich an ihr Herz. »Moriz,« sagte Papa Ernst, und hob die rechte Hand auf, »einem solchen Vater und einer solchen Mutter hast du entlaufen wollen!«

Ich war ausser mir vor Angst und Freude. Die Umstehenden lächelten gerührt.

Erhole dich, Kind, sagte meine Mutter, und führte mich zu einer Seitenthür: wir wollen ein wenig abtreten, du sollst mir erzählen, wie es dir auf deiner Reise ergangen ist.

Sie öfnete die Thür.

»Da ist er, da ist er!« rief ein Mädchen und hüpfte mir entgegen. Ich sah sie an, und siehe da, Fräulein Louise! »Du reisender Handwerkspursche!« rief sie und riß mich in die Mitte des Zimmers. Ihre Eltern kamen herzu und umarmten mich. Der Oberste besonders drückte mich an seine Brust mit einer Kraft, daß mir der Rest von Athem hätte ausbleiben mögen, den ich bey allen den frohen und unerwarteten Erscheinungen noch übrig behalten hatte. Malchen stand von ferne am Fenster und malte auf den Scheiben. »Nun, Malchen,« rief ihr Vater, »willst du nicht näher?« – Sie kam ganz langsam herbey, und als ich sie bey der Hand nahm, sah sie nach Osten und ich nach Westen. »Freut ihr euch nicht?« sagte der alte Lehmniz. Ich weinte mit Malchen in die Wette.

»Ach, habt euch nicht so närrisch, Kinder!« sagte der Oberste: »Pfui, Springinsfeld, wer wollte weinen! Das schickt sich nicht für einen Kerl, wie du bist!« Mit den Worten schob er uns in den großen Saal zurück. Mein Vater kam mir entgegen und sagte: du hast nun alle alte Bekannte gesehen, nun muß ich dir noch zwey vorstellen. Er führte mich in die Küche, und Martha trat mir entgegen. Sie konnte vor Schluchsen kaum reden, umarmte und küßte mich und stotterte die Versicherung dabey, dies sey der erste und letzte Kuß, den sie nach Absterben ihres ewiggeliebten letzten Bräutigams einer Mannsperson gegeben habe.

Unterdessen öfnete mein Vater eine Seitenthür und heraussprang – Phylax. Ich riß mich von Marthen los und ihm entgegen. Er that ganz spröde, ging um mich herum, beschnupperte mich, und schien mich in meinem neuen Anzuge nicht zu kennen. Als ich ihn aber anredete, tanzte und hüpfte er, was er konnte, und trieb seine Höflichkeit so weit, daß er nach meinem Haarbeutel sprang und ihn um ein Haar zwischen seine großen Zähne genommen hätte.