Endlich hielt der Wagen still und man trug mich heraus, wie man mich hinein getragen hatte. Eine alte Frau öfnete eine Seitenthür. Man legte mich auf ein Bette und einer der Blaumäntel sagte mit einer fürchterlichen Baßstimme zu mir: Morgen siehst du mich wieder! Darauf verschlossen sie die Thür und ließen mich allein.
Bald wollte ich schreyen, daß die halbe Stadt mich hörte, bald aufspringen und mit Händen und Füßen an die Thüre donnern; aber zu beydem fehlte mir Kraft und Muth. Besorgniß und Angst nahmen ihre alte Stelle wieder ein und brachen sich in einen Thränenguß, der rund umher, wo mein Kopf lag, das Bette benetzte. Doch erlagen sie bald nachher einem Schlafe, der zwar von fürchterlichen Träumen unterbrochen ward, aber doch bis gegen Morgen dauerte.
Bald nach meinem Erwachen erschien der Blaumantel, setzte Thee und Semmel hin, ging wieder, ohne ein Wort zu reden, und schloß die Thür hinter sich zu. Ich hoffte jeden Augenblick, daß man die Fensterladen öffnen sollte; aber vergebens. Ich trank meinen Thee, und ließ große Thränen in die Schaale tröpfeln. Endlich ging meine Furcht in starre Hartherzigkeit über, die alles, sey es auch das Aergste, was man über mich verhängen würde, ausdauren wollte.
Nach ein paar Stunden erschien der Blaumantel wieder, und brachte noch einen Mann mit. Dieser sollte mir das Maas zu Rock, Weste und Beinkleider nehmen, meynte aber: bey der Finsterniß könne er nicht sehen. »Seht, wie Ihrs macht,« sagte der Blaumantel zu ihm, »so ein Bösewicht muß weder Tages- noch Talglicht sehen!« Sie lachten über dieses witzige Wortspiel von ganzem Herzen, aber mir war es nicht möglich. Doch weiß ich nicht, wie es kam, meine Bangigkeit nahm dadurch um einen großen Theil ab.
Der Schneider versicherte noch einmal, daß er im Finstern nicht sehen könne, und nun lief der Blaumantel und holte Licht. Jetzt riß sich wiederum ein großes Stück Furcht von meinem Herzen los, denn ich sah mich in einem Zimmer, das mit Tapeten ausgeschlagen, und mit großen Spiegeln und mit prächtig eingefaßten Gemälden geziert war. Nun that das gar keine Wirkung, was sie von der neuesten Mode im Zuchthause zu W** sprachen, und von dem harten Willkommen, der daselbst den Züchtlingen gegeben würde; denn ich konnte an den Fingern abzählen, daß man einen Züchtling nicht in ein so prächtiges Zimmer sperren und mit Thee und köstlicher Mundsemmel bewirthen würde.
Als der Schneider fertig war, ging er mit dem Kerkermeister fort und versprach in wenig Tagen des Züchtlings Kleider zu liefern, die eine Seite grau, die andere gelb, wie sie im Zuchthause zu W** Mode wären. Wenn mir diese letzte Aeusserung hätte Furcht machen können, so wäre sie fünf Minuten darauf völlig erstickt worden; denn der Blaumantel brachte mir ein Mittagsessen von solcher Schmackhaftigkeit, daß ich glaubte, es sey aus Marthens Küche gestohlen. Es war eines meiner Lieblingsgerichte.
Den Abend geschah ein Gleiches. Ich schlief viel ruhiger, als die vorige Nacht, und der Thee schmeckte mir den folgenden Morgen auch weit besser, als Tages vorher. Eben so das Mittag- und Abend-Essen. Ich vergaß, daß ich ein Gefangener war und in der Finsterniß leben mußte, und bemengte mich endlich auch nicht mehr mit überschrecklichen Vermuthungen über das, was mir bevorstand.
Am dritten Abend öfnete sich die Thür –
Zwölftes Kapitel.
Aufklärung.
Und es trat herein der Schneider, im Gefolge des Blaumantels, der ein Licht trug. Jener warf sein Bündel auf den Tisch, nahm mich herzu, und zog mich bis aufs Hemde aus. Ich zitterte in banger Erwartung. Er probirte mir Rock, Weste und Beinkleider an, fand sie nach seinem Geschmacke, zierlich geschnitten und fein gearbeitet, wünschte mir Glück dazu und ging ab.