Ich sprang fort, fand das Thor glücklich wieder und den Bäcker an demselben. Ich nahm Semmel für mein Geld, und war schon wieder auf dem Wege zu meinem alten Wirth, als mich jemand von hinten bey der Schulter faßte. Ich sah mich unter Schrecken und Zagen um, und erblickte – meinen Reisegefährten. Er wunderte sich nicht weniger als ich, daß wir uns in diesem entlegenen Theile der Stadt wiederfanden. Ich erzählte ihm, daß mich der Legationsrath verfolgen ließe, daß ich aber ein sicheres Versteck bey einem alten wunderbaren Manne gefunden habe. Er war begierig, den Mann und seine Wohnung zu sehen, und ich nahm ihn mit. Unterwegs erzählte er mir, daß er bey dem Amtmann der F** Stadt gewesen, und sich einen Logiszettel geholt habe, damit wolle er zu dem Wirthshause zurückgehen, aus welchem ich entlaufen sey. Er kam nicht weiter, als an das Haus, wo mein Alter wohnte, und nahm plötzlich Abschied. »Es sey genug,« sagte er, »daß er wisse, wo ich mich befände, er würde eher wieder da seyn, als ichs vermuthete!« – Ich band ihm noch meinen Phylax aufs Gewissen und bat ihn, mir denselben den folgenden Morgen zu bringen. Er versprach es, und ging mit einer bedenklichen Mine fort, die mir mehr hätte auffallen sollen.
Als ich zu meinem Alten in die Stube trat, reichte er mir die Bibel. »Lies mir dies Evangelium,« sagte er, »zu meiner Beruhigung und Trost!« Ich sah ihn befremdet an und biß in meine Semmel, um anzudeuten, daß mich hungere. Aber er verstand mich nicht, er nahm mir aus der einen Hand die Semmel und legte sie neben mir hin, und in die andre steckte er mir die Bibel. Ich las, indem ich von Zeit zu Zeit, wenn er weg sah, in die Semmel biß und sie behutsam wieder hinlegte: Lasset die Kindlein zu mir kommen etc. etc. etc.
Alle Züge des alten Mannes wurden lebendig und heiter. Siehst du, Kind, rief er schluchzend, in dem Evangelio steckt ein Trost, auf welchen sichs besser schläft, als auf gewonnene Schlachten. Daß ich dich mitgenommen habe, daß ich dir Essen und Nachtlager gebe, diese uneigennützige Bereitwilligkeit, dir zu dienen, verschafft mir den süssen Trost, der in dem Evangelio allen denen versprochen wird, die Kinder lieb haben. Und nun schlaf wohl! Ich mag nicht essen, nicht trinken. Ich will die himmlischen Empfindungen, die mich jetzt beseelen, nicht unterbrechen. Schlaf wohl!
Bey diesen Worten öffnete er eine Seitenthür, die in eine finstre Kammer führte, warf sich in vollem Zeuge aufs Bette und schnarchte bald darauf von ganzem Herzen.
Nun war ich allein und meinen Betrachtungen überlassen. Diese peinigten mich nicht sehr, denn meine Semmel beschäftigte mich ziemlich lange; und sobald diese gegessen war, fand sich die Schläfrigkeit ein, welche die Verdauung ankündigt, und hielt alle traurige oder fürchterliche Vorstellungen so gut von mir ab, daß ich nach einigen Minuten auf dem Lehnstuhle meines Wirthes ruhig einschlief.
Eilftes Kapitel.
Wie man nach der Bastille abgeholt wurde.
Plötzlich schreckte mich ein starkes Poltern auf, und in meiner Schlaftrunkenheit kam es mir vor, als ob das ganze Haus über mich zusammen stürzte. Die Finsterniß vermehrte mein Schrecken. Eben war ich im Begriffe, meinen alten Wirth zu rufen, als meine Angst in Todesfurcht überging: denn es traten drey Männer, in große blaue Mäntel verhüllt, deren einer eine Laterne trug, stillschweigend in die Stube und schritten auf mich zu; der eine nahm mich bey den Schultern, der andre bey den Füßen, und so schleppten sie mich die Treppe hinunter, alles, ohne einen Laut von sich zu geben. Ich wollte schreyen und konnte nicht. Erst unten auf dem Hofe bekam ich Kräfte, aus voller Kehle einen Schrey zu thun. Sogleich hörte ich des Alten Stimme. Ich bat ihn, mir zu helfen, mich zu retten, man wollte mich umbringen! Aber die drey furchtbaren Männer ließen sich durch mein Geschrey nicht irre machen. Sie trugen mich durch das Haus, und als Wirth und Wirthin erschienen, um zu sehen, was es gäbe, sagte ihnen der Mann mit der Laterne einige Worte, worauf sie sich beruhigten und in ihre Stube zurückgingen.
Man legte mich in eine Kutsche, die um und um zugemacht war. Die beyden großen Männer setzten sich, dicht in ihre Mäntel gehüllt, zu mir, und sagten zu dem mit der Laterne, wenn der Alte käme, sollt' er ihn zurückhalten. Und nun ging es fort!
Ich saß in stummer Betäubung zwischen ihnen, und wenn ich unter Zittern und Beben fragte: was ich begangen hätte? und, wohin sie mich denn brächten? riefen sie: Halt's Maul! oder: wie die Arbeit, so der Lohn!
Alle Schrecken, die ich von dem Augenblick an, wo mir Malchens Mama die Schelle gab, bis zu den fürchterlichen Begebenheiten auf dem Heuboden und im Wirthshause, empfunden hatte, waren nichts gegen diesen. Ich erbebte durch alle Glieder und schnappte schluchsend nach Luft.