»Nicht wahr, Kind,« hub er an, und sah starr in den Strom: »man hat Beyspiele, daß reißende Ströme plötzlich angeschwollen sind, und Land und Leute verschlungen haben?«
Ich hatte nichts davon gehört.
»Ja, Kind,« fuhr er mit zunehmender Bangigkeit fort: »es ist dir sehr oft geschehen! Es kömmt von Wolkenbrüchen, mein Sohn, von starken Wolkenbrüchen! (er sah starr gen Himmel) Sieh einmal die Wolke, Kind! Eine dicke, schwarze Wolke, so schwer, so langsam zieht sie da herauf! Wenn nur nicht – (er beschleunigte seine Schritte) Kind, siehst du nicht die schwarze, dicke Wolke da? – Sie enthält lauter Wasser, lauter Wasser!«
Es war ein kleines, unbedeutendes Wölkchen, weder schwarz, noch schwer, noch dicke.
»Hörst du es nicht rauschen?« fuhr er fort, und sah sich angstvoll nach der Elbe um: »Sie tritt über – sie bricht aus – lauf, lauf, lauf!«
Und mit den Worten fing er an zu laufen, als ob ihm der Strom schon auf den Fersen wäre. Rette dich! rette dich! rief er eines Rufens, und lief dabey, nach seiner Art, vogelschnell feldein. Ich nahm mir mehr Zeit, denn die Elbe blieb, wo sie war. Ob er sich gleich nicht umsah, versicherte er mir doch immerfort, der Strom wäre uns sehr nahe. Ich sprach aus allen Kräften dagegen, aber er lief immer schneller, und als ich sah, daß mit Vorstellungen nichts auszurichten war, lief ich zur Gesellschaft mit.
Ich weiß nicht, wo der schwächliche Mann die Kräfte dazu hernahm. Er ließ nicht eher nach, als bis wir an die P** Vorstadt kamen. Hier setzte er sich ohnmächtig auf einen Eckstein nieder und sagte: wenn wir nicht so ausserordentlich gelaufen wären, hätte uns der reißende Strom verschlungen. Ich konnte nicht umhin, über den sonderbaren alten Mann zu lächeln.
Zehntes Kapitel.
Trost des Evangeliums.
Er ging mit mir durch lauter entlegene Straßen, die fast immer an der Stadtmauer fortführten, und schien den Anblick der Menschen eben so sehr zu fliehen, als ich: und das war mir recht, denn ich war in großer Besorgniß, der Legationsrath möchte mir begegnen. Wir kamen endlich an ein gewölbtes finstres Thor, das auf eine Brücke führte. Ueber diese gingen wir und geriethen in eine schmale, dunkle Gasse; am Ende derselben stand ein altes, baufälliges Haus, in welches er mich führte. Es fuhr mir eine Art von Schauder durch alle Glieder, doch beruhigte mich der Gedanke etwas, daß hieher wohl schwerlich Nachsetzer kommen würden. Wir stiegen im Hofe eine verfallene Treppe hinan und krochen durch eine niedrige Thür, in eine enge räuchrige Stube, die an Möbeln nichts, als ein Pult, einen uralten Lehnstuhl und zwey kleinere Rohrstühle, die durchgesessen und wackligt waren, aufzuweisen hatte. Er setzte sich nieder und fing noch einmal von dem Wolkenbruche und dem dadurch verursachten Austreten der Elbe an. Mich ließ er wenig zu Worte kommen, als ich ihm noch einmal versichern wollte, sein Schrecken sey ungegründet gewesen.
Es fing an, mich sehr zu hungern, und doch sah ich nicht, daß er Anstalt machte, mir etwas anzubieten. Endlich sagt' ich ihm dreist heraus, woran ich litte. Sogleich griff er in seine Tasche und holte unter einer Menge Brodkrümchen zwey Dreyer heraus. »An dem Thore, wo wir hereingekommen sind,« sagte er, »wohnt ein Bäcker, geh und hole für dies Geld!«