»Ich bin sehr lange krank gewesen, liebes Kind,« fuhr er fort, »heute bin ich zum erstenmal wieder ausgegangen. Ich habe an der Hypochondrie laborirt. Ein schreckliches Malum, mein Kind, ein sehr schreckliches Malum! Kennst du es?«
Ich sah ihn befremdet an, und schüttelte den Kopf.
»Du kennst es nicht? (fuhr er wie in Hitze fort) Wenn du still und trübsinnig, mit krummen Rücken und mit zur Erde geschlagenem Blick, über Stock und Stein, durch Sümpfe, Moore und Bäche, durch Sandpfützen und Wälder hinschleichst; mit jedem altem Weibe, das dir begegnet, zusammen läufst; wenn sie zur rechten ausweicht, rechts springst; wenn sie zur linken ausweicht, links springst; und wieder rechts und wieder links und dich abarbeitest, um ihr nicht vor den Kopf zu rennen; wenn mitten unter diesem Bestreben, von ihr loszukommen, dem alten Weibe plötzlich ein spitziger Schnabel ans Maul wächst, womit sie dir in die Brust pickt, die Haut abschält und endlich zwischen die obern Rippen hindurchfährt und dir am Herzen zu nagen anfängt; wenn dirs dann grün und gelb und feuerfarb und himmelblau und rabenschwarz vor Augen wird; wenn sich alle diese Farben zusammen mischen und in Kugeln, oder Schlangengewinden, oder Meereswogen vor deinem Auge umherrollen; wenn es dicke Nacht in allen deinen Sinnen wird; Gewitterwolken sich über dein Haupt zusammen ziehen und Sturm tobt, und tausend Donner brüllen, und Blitz auf Blitz dir zischend durch das Gehirn fährt; wenn mitten in diesem schrecklichen Gewirr eine eherne, glühende Pfanne aus dem Boden heraufsteigt, Teufelslarven, Schlangen, Löwen und Riesen um sie her tanzen, Feuer anlegen und es anschüren, daß die Lohe himmelan sprüht; wenn dich dann eine der schrecklichsten Gestalten beym linken Fuß packt, und dich in die glühende Pfanne schleudert, daß das siedende Oel rauschend, zischend und raschelnd über dich zusammen schlägt und aufschäumt; wenn du in dem Augenblicke, da du glaubst, daß sich Feuerströme in deine innersten Fibern hineinfressen werden, urplötzlich auf eine blühende Wiese entrückt wirst, wo Nachtigallen dein Ohr letzen; wo Wohlgerüche und kühlende Balsamdüfte eine herzerhebende Linderung durch dein ganzes Wesen gießen; wo Mädchen in Engelsgestalt, in weissem luftigen Gewande vor deinem trunknen Blick einher schweben; wenn du rasch aufspringst, voll Sehnsucht, eine dieser Huldgöttinnen zu umarmen; wenn sie flieht, du sie einholst, sie fest umschlossen hältst, deinen Mund fest auf den ihrigen drückst; wenn dein Herz an ihrem Busen pocht; wenn du mit matten, in Liebe schwimmendem Auge aufblickst, um das Mädchen zu sehen, das Himmel und Erde vor deinem Blicke schwinden machte – und plötzlich eine ungeheure von Gift geschwollene schuppigte Schlange, statt ihrer, fest in die Arme schließest, die ihren schrecklichen Rachen aufreißt und Pesthauch auf dich her bläst – wenn du solche Erscheinungen hast, dann bist du hypochondrisch!«
Er schwieg und holte Athem.
Es war eine schreckliche Schilderung, die das Feuer und der bald bebende, bald rauschende, bald ängstliche und weinerliche Ton und das lebhafte Gebährdenspiel, womit er sie hersagte, mir im äußersten Grade fürchterlich machte.
Jetzt bin ich von diesem Uebel befreyt, setzte er hinzu, und, wie ich hoffe, auf immer. Ich muß mir nur fleißig Bewegung machen, und oft in Gesellschaft gehen. Das ist das beste Mittel darwider!
Ich erholte mich nach und nach von meiner Aengstlichkeit und sprach einige Worte mit ihm. Er ließ auch am Ende sein Lieblingsthema, seine Krankheitsgeschichte fahren, fragte nach meinen Eltern, wie ich hiehergekommen etc. etc. und da ich Zurückhaltung bey ihm nicht nöthig zu haben glaubte, oder weil einem Offenherzigkeit in der Jugend so natürlich ist, so entdeckte ich ihm alles, und schloß mit dem Wunsche: wenn ich nur wüßte, wo ich diese Nacht bleiben sollte!
Du gehst mit mir! sagte er, und wollte aufstehen, fiel aber kraftlos zurück. Ich sprang auf und half ihm auf die Füße. Wir setzten uns in Bewegung, aber mir war immer, als ob ich etwas vergessen hätte. Ich sah mich um, und wie ward mir! mein Phylax war nicht da. Ohne meinem Begleiter ein Wort zu sagen, ohne selbst eine lebhafte Idee zu haben von dem, was ich thun oder lassen sollte, um meinen Hund zu finden, flog ich davon. Alle funfzig Schritte stand ich still und rief Phylax! und wenn er dann nicht erschien, so lief ich unter Geschrey der Ungeduld weiter. Endlich fiel mir ein, daß er im Gasthofe zurückgeblieben seyn müsse. Nun stutzte ich und ging bald vor- bald rückwärts, bis ich mich endlich, aber mit unsäglicher Mühe und Beklemmung entschloß, Phylaxen zu lassen, wo er wäre, und mich nicht der Gefahr einer Auslieferung auszusetzen. Ueberdies hatte ich das festeste Vertrauen auf seine Spürkunst, und überzeugte mich endlich, weil ich mußte und es wünschte, daß er mich ganz gewiß wiederfinden würde.
Der Alte erwartete mich und fragte nach der Ursach meines plötzlichen Entlaufens. Der besorgliche Mann hatte geglaubt, seine Gesichtsbildung sey mir auf einmal so fürchterlich geworden, und ob ich ihm gleich meinen Verlust sehr deutlich erklärte, fragte er mich in der Folge doch noch einigemal: ob er denn etwas fürchterliches im Gesichte habe?
Wir kamen an das Ufer der Elbe, und als wir ein paar hundert Schritt an demselben hingegangen waren, ward mein Begleiter auf einmal unruhig.